Das Letzte

Es ist so weit. Die große Säugetier-Debatte ist da. Lange haben die Experten geschwiegen, jetzt treten sie an die Öffentlichkeit. Ihre Geduld ist erschöpft. Das Säugetier – sie können ihm nicht mehr helfen. Es weiß ja selbst nicht, was es will! Mal ist es nachtaktiv, mal am Tage unterwegs. Mal will es vegetarisch fressen, dann wieder nur Fleisch. Mal lebt es in Erdhöhlen, mal in kahlen Steppen. Mal will es fliegen, dann in Ozeanen tauchen. Für ein dermaßen launisches Wesen lässt sich beim besten Willen keine Politik entwickeln. Das Säugetier hat sich unglaubwürdig gemacht.

Ja, lieber Leser! Wir haben schon gemerkt, dass Sie mit den Fingern schnipsen und etwas einwerfen wollen. Sie wollen sagen, dass manche Säugetiere nun einmal Wölfe sind und Fleisch fressen, andere dagegen Nagetiere sind und Möhren raspeln, dass auch Maulwürfe andere Interessen haben als Fledermäuse und man den Walfischen nicht vorwerfen kann, die trockene Steppe zu meiden. Sie wollen sagen, lieber Leser, dass die Säugetiere nur eine Abstraktion sind und man ihnen den fehlenden Kollektivwillen nicht vorwerfen kann.

Meinetwegen! Aber was ist dann mit den Feuilletonisten? Wirft man nicht auch den Feuilletonisten vor, mal den deutschen Film zu loben, ihn dann wieder zu verdammen, mal Günter Grass zu feiern, dann seine Bücher schlecht zu finden? Auch hier verfängt der Einwand ja nicht, es seien nun einmal unterschiedliche Feuilletonisten. Auch hier wird die ganze verlauste Bande über einen Kamm geschoren. Und erst die armen Männer! Hat man nicht gesagt, dass alle Männer potenzielle Vergewaltiger sind? Aber auch darüber gelacht, wenn sie nur Spüli beim Abwasch verspritzten? Der neue Mann, der nicht weiß, ob er Macho oder Softie sein will?

Ach, lieber Leser, Sie sind antiquiert! Sie wollen Einzelfallgerechtigkeit, das macht man nicht mehr, jedenfalls nicht in den Medien. Wir verstehen ja Ihr Mitleid vor der Giraffe, die nur das zarteste Grün vom Baumwipfel frisst und der man doch den ganzen Blutdurst der Hyäne zur Last legt. Aber Gerechtigkeit für die Giraffe – das hieße, auch das Gerede von den Feuilletonisten zu lassen, von den Männern, der Jugend, den Frauen, von all den erbaulichen Rätseln, Wundern, Wesen kollektiver Identität. Das will niemand. Denn dann wäre auch mit allen andern schönen Vorurteilen plötzlich Finis

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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    • Schlagworte Günter Grass | Medien | Säugetier | Literatur | Film | Fleisch
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