Krieg in Nahost Gazas Herrscher
Die Führer von Hamas sind untergetaucht. Unser Autor Reiner Luyken kennt sie aus mehreren Begegnungen. Er traf auf viel Zorn und ein wenig Vernunft

© Mehdi Fedouach/AFP/Getty Images
Mahmud Zahar, ein Hardliner unter den Hamas-Führern
Seit zwei Wochen ist die Führungsriege von Hamas im Gaza-Streifen abgetaucht. Jetzt wird sie von der israelischen Armee gejagt. Was sind das für Männer? Der 2006 zum palästinensischen Ministerpräsidenten gewählte Ismail Haniya und Machmud Zahar, Mitbegründer und Chef der islamistischen Organisation. Oder auch Atef Edwan, Minister für Flüchtlingsfragen in Hanyias 2007 von Präsident Machmud Abbas geschasstem Kabinett, dessen Haus letzte Woche bei einem Luftangriff zerbombt wurde.
Zwei Jahre sind vergangen, seitdem ich sie das erste Mal besuchte. Bei Zahar traf ich unangemeldet ein. Seine Villa liegt gegenüber einer Moschee in Gaza-Stadt, seine Leibwächter waren gerade in einem Geländewagen vorgefahren, um ihn zu einem Termin abzuholen. Sie waren nervös. Israels Armee hatte das Anwesen 2003 bei einer gezielten Tötungsoperation dem Erdboden gleichgemacht, Zahars 25-jähriger Sohn und ein Leibwächter waren damals ums Leben gekommen. Jeder Fremde erweckte Misstrauen.
Der Hausherr steckte den Kopf durch die Tür. Er forderte mich auf, in sein riesiges Wohnzimmer zu treten. Wir setzten uns in eine Ecke, er ließ Tee und Gebäck auftragen. Zahar war sehr höflich, er nahm sich Zeit. Aber er war auch kalt wie Eis.
Seine Villa war karg, frugal. Keine Ornamente schmückten die Wände, auf dem Boden lagen keine teuren Teppiche. Zahars Zuhause war das völlige Gegenteil des Prunkpalastes, in dem damals Mohammed Dahlan residierte, der Statthalter des Präsidenten Machmud Abbas und Chef der Fatah-Sicherheitsdienste, den Hamas 2007 gewaltsam aus dem Gaza-Streifen vertrieb. Hier wohnte ein Puritaner, dort ein Apostel weltlicher Genüsse.
Dahlan, über Jahre der große Widersacher von Hamas, spielte 1993 eine entscheidende Rolle bei den zu dem Friedensabkommen von Oslo führenden Verhandlungen und bei dem von Bill Clinton vermittelten (und letztlich gescheiterten) Gipfeltreffen von Camp David 2000. Seine Rolle als Friedensvermittler hielt ihn nicht davon ab, im Gaza-Streifen eine Privatarmee aufzubauen und sich maßlos zu bereichern.
Zahar sprach damals von der Notwendigkeit, das Gesundheits- und Erziehungssystem sowie die Landwirtschaft der Enklave aufzubauen. Er betonte die Notwendigkeit, pragmatisch zu handeln und zu tun, was das Volk wünsche. Sogar eine Art Zweistaatenlösung für den Konflikt mit Israel schien für ihn nicht völlig ausgeschlossen zu sein. Doch seine ungezügelte Antipathie gegen Dahlan raubte mir fast den Atem.
- Datum 11.08.2009 - 13:42 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







