Schweigeminute
Was der Respekt vor den Opfern des Gazakrieges gebietet Von Jan Ross
Nicht mit ausgiebiger globaler Vorfreude auf Barack Obamas Amtseinführung am 20. Januar hat das neue Jahr begonnen, sondern mit dem Krieg in Gaza: ein Absturz von der jungen Hoffnung in einen alten Albtraum. Die Welt besitzt kein auch nur annähernd vollständiges Bild der humanitären Lage im Kampfgebiet, denn die israelische Armee ließ bis Redaktionsschluss keine internationalen Journalisten in den Gaza-Streifen. Aber die Nachrichten von zivilen Toten, von der Überforderung der Kliniken, von einem Alltag ohne Wasser und Strom, in Kälte und in beständiger Angst, sind quälend. Die Israelis im Süden des Landes, die seit Jahren in Furcht vor den Hamas-Raketen leben, gehören ebenso zu den Opfern.
Die Versuchung ist groß, sich aus dem Gedanken an die Kriegswirklichkeit gleich wieder in Geopolitik und Diplomatie zu flüchten, aus Toten und Verletzten sofort wieder »Nahostkonflikt« zu machen, mit allem, was wir uns dazu schon immer über Recht und Unrecht der beiden Seiten und über die garantiert aussichtsreiche Lösung vorgestellt haben. Es ist wahr, dass aus dem Leid und dem Bewusstsein davon noch keine politische Konsequenz folgt. Doch wahr ist auch, dass angesichts des Leidens einer Art Schweigeminute angebracht ist, ein erschrockenes Innehalten, bevor wir wieder zu unseren Gescheitheiten zurückkehren.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass Israel gegen Hamas in Gaza erfolgreicher vorgehen kann als im Sommer 2006 gegen die Hisbollah-Miliz im Süden des Libanons. Die Israelis kennen diesmal das Terrain besser, und an Kampfkraft und Organisation ist Hamas mit Hisbollah nicht zu vergleichen. Die Wiederherstellung der israelischen Abschreckungsfähigkeit gegen die radikalen Feinde des Landes ist ein legitimes, auch aus westlicher Sicht erstrebenswertes Ziel.
Trotzdem ist der Eindruck noch nie so stark gewesen, dass sich die israelische Politik in einer Sackgasse befindet – und dieses Gefühl der Ausweglosigkeit und der immer beklemmenderen Enge hängt nun in der Tat mit dem Leiden, mit den menschlichen Kosten des Gazakrieges und vergleichbarer Operationen zusammen. Abschreckung ist eines – ein Zustand der unkontrollierbaren Todfeindschaft ist etwas anderes. Die israelische Politik und Militärstrategie haben auf vielfache Weise, vom Siedlungsbau über die demütigenden Checkpoint-Prozeduren im Westjordanland bis eben zur Massivität des gegenwärtigen Gazakrieges, zu Verzweiflung und Hass unter den Palästinensern beigetragen. Das rechtfertigt keinen Terrorismus. Gleichwohl ist es ein unhaltbarer Zustand, zu dem die internationale, die europäische und die deutsche Politik nicht schweigen dürfen.
Man wagt es einstweilen nicht mehr, von einem nahöstlichen »Friedensprozess« auch nur zu sprechen. Sicher ist, dass Israel seine Abschreckungsfähigkeit mit humanem und politischem Respekt für die Palästinenser verbinden muss, wenn es in dieser Weltgegend auf Dauer mehr sein will als eine immer aggressiver belagerte Festung. Niemand weiß, ob die Kräfte der Verständigung auf palästinensischer Seite stark genug für den Frieden sind, ob Hamas sich wandeln kann oder das palästinensische Volk eine unbelehrbare Hamas in die Wüste jagen wird. Aber mit diesem Krieg wird man es auch nicht herausfinden.
- Datum 08.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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