Krieg in Gaza Beschuss

Wie Zivilisten den Krieg in Gaza erleben

Rafah im Süden des Gaza-Streifens: Zerstörungen nach Beschuss durch die israelische Luftwaffe

Rafah im Süden des Gaza-Streifens: Zerstörungen nach Beschuss durch die israelische Luftwaffe

Gestern Nacht rief ich meine Freundin Wafa an, die im Tal-al-Hawa-Viertel in Gaza-Stadt lebt. Es gehe ihr gut. Sie und ihre Familie hätten Glück gehabt, sagte sie mir. Als am Samstag die ersten Bomben auf den Gaza-Streifen fielen, seien bei ihr alle Türen und Fenster offen gewesen, denn sie habe vorgehabt, ihre Wohnung zu putzen. Bei ihr zerbrachen weder Glasscheiben noch Türen. Anders erging es ihren Nachbarn, die jetzt im zweiten Stockwerk von Wafas Wohnung leben.

Wafa hat mir erzählt, dass alle Nachbarn sich ab 19 Uhr in ihrer kleinen Wohnung versammeln – die Männer in einem Zimmer und die Frauen in einem anderen. Über die Telefonleitung konnte ich das Weinen der Kinder und ihr ängstliches Klagen hören.

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Wafa sagte mir: »Weißt du, Majeda, uns allen geht es gut. Unser einziges Problem ist, dass wir seit dem ersten Tag keinen Strom haben. Ich bereite das Mehl vor und schicke es zu einem Nachbarn, der es backt. Gott sei Dank haben sie dort einen Stromgenerator. Um ehrlich zu sein, sind das Brot, das kalte Haus und alles andere für uns heute nicht das Problem. Unser wahres Problem ist, dass es eine Rakete vor unserem Gebäude gibt, die nicht detoniert ist.«

»Was für eine Rakete?«, fragte ich.

»Eine Rakete aus einer F-16«, sagte sie. »Alle haben Sorge, dass sie explodiert.«

Ich fragte: »Du meinst, sie liegt noch vor dem Haus?«

Sie erklärte mir, dass Männer vom Zivilschutz die Rakete bis an den Straßenanfang gezogen haben. Sie haben sie dann mit Sand bedeckt.

Als mein vierjähriger Neffe Wael heute Morgen aufstand, war er böse auf mich. Er runzelte die Stirn, und während er mich umarmte, sagte er: »Dich will ich heute eigentlich weder umarmen noch küssen.«

Ich fragte: »Warum?«

Er antwortete: »Du hast uns einen Tannenbaum versprochen, einen Strandspaziergang im Regen, du hast versprochen, dass wir die Vögel am Himmel beobachten werden. Nichts davon ist geschehen. Und jetzt erlaubst du uns nicht einmal, das Wohnzimmer zu verlassen und im Garten zu spielen.«

Wael liebt es, Vögel zu beobachten. Seit sechs Tagen schaut er in den Himmel und fragt sich, warum sie so lange brauchen, um zu ihren Nestern zu gelangen. Wael beobachtete gestern seine Vögel, als plötzlich eine F-16 am Himmel auftauchte. Die Vögel flogen von rechts nach links. Wenn sie einen sicheren Ort im Himmel fanden, schossen die Kampfjets weiter, und die Vögel mussten den Ort wechseln. Anfangs lachte Wael, er rief seine Brüder zu sich, und alle sahen, wie die Vögel in die Irre geführt wurden. Aber heute ist Wael verärgert. Er hat das Gefühl, die Vögel sind nicht mehr in Sicherheit.

Ich bat Wael, hereinzukommen, denn draußen ist es eiskalt. Seine Vögel waren nicht mehr am Himmel. Ich sagte ihm: »Lass uns das Alaska-Spiel spielen!«

Er fragte: »Was ist das Alaska-Spiel?«

»Es ist ein neues Spiel, das wir mit Oma spielen werden«, erwiderte ich.

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  • Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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  • Schlagworte Krieg | Gaza | Alaska | Vogel | Rakete | Zivilschutz | Gaza-Stadt
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