Schlüsselerlebnis
Warum Großforscher öfter in sich gehen sollten
Die Silbe »Om« gilt im Hinduismus als Manifestation der spirituellen Kraft des Absoluten. Om ist aber auch die Lieblingsendsilbe der Molekularbiologie. In diesem Fach bezeichnet es die Totalität von etwas, das in seiner Gesamtheit unbedingt erschlossen werden muss (in ihren Ansprüchen sind sich Gläubige und Biologen nicht unähnlich).
Zuerst erschlossen also die Wissenschaftler mit dem Humangenom-Projekt alle menschlichen Gene. Dann nahmen sie mit dem Proteom alle menschlichen Proteine in Angriff. Und schließlich folgte der Plan, mit dem Krebsgenom-Atlas alle genetischen Veränderungen zu erfassen, die Krebs auslösen könnten. Es geht um die genetische Analyse von 230 Krebsarten von 500 Patienten.
Führt das biologische Om-Mantra die Menschheit nun zur Erlösung vom Krebs? Zweifel sind berechtigt. Denn während sich die einen Forscher an immer neue Großprojekte machen, grübeln andere wieder über genetischen Fragen, die eigentlich schon beantwortet schienen: Wie lässt das Erbgut den Menschen funktionieren? Plötzlich haben viele Bezirke in der DNA, die nicht in Proteine übersetzt werden, doch eine Bedeutung. Und: Wie wirkt sich die Umwelt auf das Erbgut aus?
Jetzt stellt das Journal of the National Cancer Institute den Glauben an einfache Erklärungen für Krebs auf die Probe. Bisher standen 31 von 241 Varianten von Genen, die DNA-Schäden reparieren, im starken Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen. Nach einer gründlichen Analyse aber bleiben nur noch zwei Risikovarianten übrig. Obgleich man auf dem Gebiet enorm viel Arbeit investiert habe, sei wenig dabei herausgekommen, schreiben die Autoren. Über diese Diskrepanz müsse man nachdenken. Schaden kann das nicht: vor dem nächsten Om-Projekt erst einmal meditieren. Harro Albrecht
- Datum 08.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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