Sprachkunst
Anlässlich des Todes von Johannes Mario Simmel und Gert Jonke
Der Zufall hat es gefügt, dass zum Jahresbeginn zwei österreichische Schriftsteller gestorben sind, die gegensätzlicher nicht sein könnten: der Romantiker Gert Jonke, 62, und der Realist Johannes Mario Simmel, 84 Jahre alt. Während Jonke nur einem überschaubaren Kreis von Literaturlesern vertraut war, erzielten Simmels Romane eine Auflage von insgesamt 75 Millionen. Ihre Titel wurden zu geflügelten Worten: Es muß nicht immer Kaviar sein (1960), Und Jimmy ging zum Regenbogen (1970), Hurra, wir leben noch (1978). Nicht wenige seiner Bücher kamen erfolgreich ins Kino, auch schrieb er selbst viele Drehbücher für den Film. Jonkes Romane hingegen beziehen sich oft auf die Musik: Schule der Geläufigkeit (1977) auf das Klavierwerk von Carl Czerny, Der ferne Klang (1979) auf die Oper von Franz Schreker, und einige seiner zahlreichen Theaterfantasien beschäftigen sich mit Anton Webern oder Georg Friedrich Händel.
Dieser Zufall erinnert auch an den alten Vorwurf gegen die Literaturkritik: dass sie das Erfolgreiche verachte. Was ihren Gefallen finde, gehe am Publikum vorbei. In der Tat sind Jonkes Bücher von der Kritik gerühmt, die von Simmel meist ignoriert oder verrissen worden. Das änderte sich erst 1987 mit dem Roman Doch mit den Clowns kamen die Tränen, der die Gefahren der Gentechnik wie ein Menetekel an die Wand malte. Nun wurde Simmel von einigen Kritikern als Aufklärer gepriesen. Es war die Zeit, da eine Katastrophenangst (vom Waldsterben bis zum Atomtod) grassierte, und Simmel knüpfte an diese Ängste an, um auf die tödlichen Risiken einer entfesselten Moderne aufmerksam zu machen. Überall sah er den Untergang am Werk. Er benutzte den Roman als Mittel zur Gegenpropaganda, aber Simmels literarische Mittel gingen über die der Kolportage, des Nervenkitzels, der Sensationslust selten hinaus. Seine effektversessene Sprache war nur ein blinder Spiegel der allgemeinen Ratlosigkeit.
Simmels Bücher waren Ausdruck eines Realismus, der in dem, was er darstellt und kritisiert, letztlich gefangen bleibt. Die schöne Aufgabe der Literatur aber bestünde darin, »mit Bewusstsein jenseits der Dinge zu sein«, wie Novalis sagte, also das Hamsterrad der sinnlosen Beschleunigung augenblicksweise zu verlassen, die eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen neu zu justieren. Das hat Jonke getan. Er verzauberte die Welt, und dieser Zauber wirkte doppelt: unheimlich und schön. Einerseits zog er dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Er wusste nicht mehr, was wirklich war und was eingebildet, was Fiktion und was Realität. Andererseits fing mit diesem Zauber die Welt auf einmal zu singen an, man konnte sie neu und anders sehen. Und man sah auch sich selbst ein bisschen anders. Jonke war, so Elfriede Jelinek anlässlich seines Todes, »einer der größten Sprachkünstler«.
Dass er selber das nicht war, hat Simmel gewusst. »Ich will gar keine Kunst machen«, hat er einmal bekannt, »wer mich vom ästhetischen Standpunkt beurteilt, liegt ganz falsch.« Der Roman ist keine reine Form, er kann zu vielerlei Zwecken dienen. Das realistische Projekt hat ebenso sein Recht wie das romantische. Aber wer von wirklicher Literatur redet, sollte nicht vergessen, dass sie aus Sprache gemacht ist. Ulrich Greiner
- Datum 08.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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