Hedgefonds Asche zu Asche
Hedgefonds waren die Superstars der Finanzwelt. Jetzt verlieren sie Hunderte Milliarden und ihre Macht

© Peter M. Hoffmann für DIE ZEIT
Die Zocker haben ihr Vermögen verbrannt
Es ist gerade ein Jahr her, dass David und Edwina Roberts in der Charles Street die Schlüssel für ihre Traumwohnung mit Dachterrasse übernahmen. Dort, mitten in Mayfair, einem kleinen, vornehmen Viertel in Londons Zentrum, wollten sie wohnen, und so liehen sie sich knapp acht Millionen Pfund von der Bank. Sie dachten sich nichts dabei, sie verdienten zusammen Millionen, sie arbeiteten um die Ecke bei einem amerikanischen Hedgefonds. Einem der vielen Hedgefonds, die sich in Mayfair ballen.
Doch kurz vor Weihnachten mussten die Roberts wieder ausziehen. Ende Oktober hatten ihre Chefs alles Geld aus London abgezogen. »Aus, vorbei, ohne Vorwarnung«, erinnert sich die 43-jährige Edwina. Jetzt steht ihnen der Bankrott ins Haus. Die Zinsen fressen das Ersparte auf, die Wohnung steht für sieben Millionen Pfund zum Verkauf, doch keiner will sie haben. Mayfairs Immobilienmarkt verfällt.
So viel Millionen für den Normalbürger auch sind – im Metier der Roberts sind sie wenig. Hedgefonds rechneten in Milliardeninvestitionen, Milliardenkrediten und, ja, Milliardengehältern. Bisher jedenfalls haben sie viel Geld von Pensionsfonds, Stiftungen und reichen Privatpersonen erhalten, um es zu mehren, und weil sie zudem Geld bei Banken liehen, konnten sie riesige Summen in Aktien, Anleihen und anderen Wertpapieren investieren. Oft waren ihre Geschäfte riskanter als vieles, was Banken gestattet ist, doch Hedgefonds erzielten über Jahre hohe zweistellige Renditen. Ihre Manager wurden als Magier gefeiert und zum Inbegriff einer Ära der Gier. Das alles endete 2008 spektakulär und abrupt. Für Hedgefonds wird das Jahr 2009 das annus horribilis.
Mayfair, nur ein paar Schritte vom einstigen Haus der Roberts entfernt, vorbei an stattlichen Bürgerhäusern aus dem 18. Jahrhundert, vorbei am Luxus der Bond Street, über die Oxford Street, hinauf in den vierten Stock. Dort sitzt Fauchier Partners. Im Empfang dieses 1994 gegründeten Hedgefonds, der 6,2 Milliarden Dollar verwaltet, fällt der Blick auf zwei impressionistische Gemälde. Alles dort wirkt zurückhaltend, gediegen, so auch der Vorstandschef, Christopher Fawcett. Es ist Ende Dezember und einer seiner letzten Arbeitstage als Chairman von AIMA, der weltweit größten Lobbyorganisation von Hedgefonds – diese haben London neben New York zum wichtigsten Zentrum ihrer Branche erkoren. Mit seiner sanften Stimme und dem eleganten Anzug, den, passend zum rosa Hemd, rote Nadelstreifen durchziehen, ist Fawcett der perfekte Repräsentant einer Branche, bei der die Öffentlichkeit an vorlaute 30-Jährige im Ferrari denkt. Der 56-Jährige kennt noch die kleinen Anfänge der Fonds, ihren Aufstieg, nun ist er bereit, über ihre Krise zu reden. Aber mit stiff upper lip. »Selbst wenn es Grund zur Panik gibt, im Vereinigten Königreich zeigt man sie nicht«, sagt er und verzieht keine Miene. Zu sagen, dass die Branche sich dieses Jahr »sehr verändern wird«, ist für Fawcett das Äußerste. Und es ist eine gewaltige Untertreibung. Seit Monaten erleben Hedgefonds einen tiefen Sturz.
Noch Mitte 2008 gab es weltweit 10.000 Hedgefonds. Sie wachten über 2.000 Milliarden Dollar, eine enorme Finanzkraft, die mit Krediten auf geschätzte 10.000 Milliarden Dollar wuchs. Hedgefonds waren ein integraler Bestandteil des internationalen Finanzsystems. Sie handelten auch all die komplexen Finanzprodukte, die zur Finanzkrise führten, und kauften den Banken große Kreditpakete ab. Das ermöglichte diesen wiederum eine beispiellose Kreditexpansion.
Dann, mit dem Herbst, kam der Einbruch. Viele Fonds machen seither riesige Verluste, Anleger ziehen unzählige Milliarden ab, Banken kappen ihre Kredite. In der Branche hat ein Massensterben eingesetzt, dessen volles Ausmaß erst in den nächsten Monaten zutage treten wird. Die Hälfte aller Fonds könnte ihm zum Opfer fallen, das Anlagevermögen auf 500 Milliarden Dollar schrumpfen. Zudem werden die Banken absehbar kaum mehr größere Kredite vergeben. Die Branche schrumpft somit auf einen Bruchteil ihrer bisherigen Größe. Und als wäre das nicht genug, arbeiten Politiker von Washington bis Brüssel an schärferen Kontrollen. Mit alldem naht das Ende der Hedgefonds in ihrer heutigen Form.
- Datum 09.04.2009 - 10:37 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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Da fällt einem nur noch der Kabarettist Georg Schramm ein:
Jump! You Fuckers!
ich habe eh nie begriffen, welche gesellschaftliche Funktion diese Fonds hatten - und damit welche langfristige Daseinsberechtigung.
Vielen Dank für diesen ausgezeichneten, erklärenden Artikel.
Wenn mich auch die rücksichtslosen Äußerungen mancher Hedgefonds in diesem Text sehr - oder vielleicht gerade desegen nicht - verwundert. Vielleicht sollte diese Personen ein wenig vom Allerheitsmittel Geld absehen und sich mit neuen Werten und Prioritäten ausstatten.
Das schöne Appartment in Mayfair. Der Bentley. Einfach weg.
Oooohhh, alle mal eine Runde Mitleid für die armen Ex-Multimilliardäre.
Nein?
Gut!
Dieses Gezumsel muss so gnadenlos behandelt werden, wie sie mit der Welt umgesprungen sind. Schade nur, dass die nächste Welle der Gier nicht lange auf sich warten lassen wird.
frei auf dem Finanzmarkt agieren dürfen. Wir leben nicht in einer zivilisierten Welt, sondern in einer wilden, degenerierten Welt. Die Bullen und Bären, die Symbole der Börse, haben sich in Menschen verwandelt. Am Besten man steht daneben und schaut dem Treiben zu und wartet ab bis die Kapitalblase entgültig geplatzt ist. Das wird noch durch diverse Rettungsaktionen wie es die Staaten im Moment durchführen, hinausgezögert. Der Staat outet sich im Moment selbst als der neue Hedgfond, er stellt jetzt die Mittel zur Verfügung, als Investor und das auf Pump. Er verpfändet seine Steuerzahler, wahrscheinlich ist, das er selbst darüber stürtzt. Am Beispiel des Absturtzes der Hedgfonds und das Verhalten der Beteiligten, lässt erahnen was in unserer Gesellschaft passiert wenn die Krise alle Teile betreffen.
Jeder selbst ist sich der Nächste. Bei den Massen an unreifen, ungebildeten Menschen, wie die z.B. in Fußballstadien, in denen es heute schon ohne Grund, zu vielen Konfrontationen kommt, wird der Staat es nicht mehr schaffen die Massen ruhig zu stellen. Das ungerechte, kapitlistische System gibt gnügend Anlass für neue Gewalt und Entladung der Frustration.
(als consultant in der city)..and I love it, und damit meine ich auch diesen Zerfall der Finanzindustrie.
Als alter Erz"linker" (gibt grad kein besseres kurzes Wort) hatte ich eine harte Zeit wannimmer ueber Finanzsystem und seine so verdammt offensichtlichen Fehler (bin sw-entwickler) geredet wurde. Die Leute waren so verblendet, es tat weh.
Hm, was soll ich sagen, seit letztem Sommer ist das alles anders..
Finally!
Und ja richtig, kein Mitleid!
Lassen wir sie gehen, und hoffentlich schaffen wirs endlich aus Financial Services das zu machen was es sein soll - ein f***ing service, hilfsmittel, und kein Tumor das Matiere (egal ob echt oder virtuell) akkumiliert bis zum speiben!
Cheers,
CC
ps.@moderators: das f***ing (mit den sternchen) ist hier schon total verniedlicht, wird auch bei der bbc verwendet dann und wann...
Wäre mal interessant zu hören, wie bei auda international "die Aktien stehen."
Das Unternehmen, das zur Harald Quandt Gruppe gehört, hat erst jüngst sein hedge-fund-team durch einen Neuzugang von Havard verstärkt.
Zukünftig wolle man die Strategien, die bisher stark qualitativ ausgerichtet waren, stärker quantitativ akzentuieren.
Eine interessante Perspektive auf das Szenario hätte man sicherlich von den Cayman Islands, einem Standort der auda international.
Vom Madoff-Desaster ist man nach Aussage eines Firmensprechers nicht betroffen.
Den besten Überblick über die derzeitige Situation im Hause dürfte Axel May, bis vor kurzer Zeit noch Geschäftsführer der Harald Quandt Holding und Ex-Mann der Quandt-Erbin Anette May-Thies, haben.
Ob die Erben Harald Quandts immer so genau wissen, auf was sie sich im internationalen Finanzzirkus einlassen, ist wohl eher zweifelhaft.
Es ist sicherlich ein fataler Irrtum zu glauben, man könne mit universitäten Analysten
das hedgefund-Geschäft risikoärmer und erfolgreicher gestalten.
Was spräche denn bei den enormen Summen, die in diesem Geschäft bewegt werden, dagegen, Top-Analysten von den Universitäten wegzukaufen und damit den kontinuierlichen Erfolg einzukaufen.
Genau das funktioniert nicht. Das Geschäft ist nur bedingt berechenbar. Die Warnlampen sollten leuchten, wenn über einen langen Zeitraum hohe Gewinne realisiert werden.
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