Die Vollendete

Zum Tod von Inger Christensen, der großen Lyrikerin Von Susanne Mayer

Sie war eine, die unsere Vorstellung von Literatur in der Tiefe erneuert hat. Inger Christensen, die große dänische Lyrikerin, hat uns eine Dichtung geschenkt, die das Herz ergreift, den Verstand befeuert, das Leben für einen Moment zum Stillstand kommen lässt, einen jener langen Momente des Lesens, in dem uns Unerhörtes geschieht. Etwas, das andere Dichter mit Schock wahrnehmen. »Ein ächt Wolkensteinsches Geschray will ich anheben, auf meine größten Töpfe schlagen oder wie das Maultier in dem Buche durchdringend rufen, die paar Bücherleser auf eine neue Erscheinung hinzulenken, wie sie sich unter den zeitgenössischen Schriften lange nicht fand. Weil fast alles, was uns sonst anempfohlen, sich als Wassersuppe erwies…«, trommelte die große Lyrikerin Sarah Kirsch 1989 aus ihrem Dorf in Schleswig-Holstein, um auf Inger Christensen aufmerksam zu machen, die den Nobelpreis verdiene, wie noch im Oktober ihre Dichterkollegen bei einer Umfrage des ZEIT-Literaturmagazins empfahlen.

Da wäre das Langgedicht Det (1969), wie beinahe alle Christensen-Werke im münsterschen Kleinheinrich Verlag erschienen und wie alle herrlich übersetzt von Hanns Grössel, det/das ist eine Kosmologie der Wörter, Sätze, Dichtung, eine über viele Seiten flutende Erzählung von Welt, ihrem Anfang, der ja auch ein Anfang aus dem Wort ist, erst Wortsuppe, dann sich ausformend, Gestalt annehmend, Drama des Lebens werdend. »Das war es. So anders jetzt da es begonnen hat. So verändert. Schon unterschied zwischen dem und dem, da nichts ist, was es war. Schon zeit zwischen dem und dem, zwischen hier und dort, zwischen vorher und jetzt. Schon die ausdehnung des raums von dem zu dem andern, zu mehr zu etwas, etwas neuem…« Auflage 15000, in Dänemark!

Die Erzählung Das gemalte Zimmer (1976, Suhrkamp), in der sie eine Illusionsmalerei von Andrea Mantegna im Palast der Gonzagas in Mantua mit Worten erweitert, den lebensecht erscheinenden Figuren ein Leben dazudichtet. Alfabet (1981), ein poetischer Singsang, ein zweites Großgedicht in der Tradition der großen Epen der Weltliteratur, wundervoll anzuhören in ihrer eigenen, das Dänisch weich modulierenden Stimme in einer Edition des Hörbuch-Verlags. Das Schmetterlingstal (1991), eine Anbetung von Farben, Formen, ein hohes Lied über die Kunst der Natur, ein Sonettenkranz, zum Requiem gestaltet.

Inger Christensen war die Tochter eines jütländischen Schneiders, eine Volksschullehrerin, die auf Augenhöhe mit Dante, Novalis, Blake gedichtet hat. Sie konnte den Tau auf einem Blatt zusammendenken mit den Gesetzen der Biologie, der Sterne, der Tiefenstruktur musikalischer Schöpfung oder der Grammatik unserer Sätze. Sie gab dem allen und uns eine Form im Gehäuse ihrer Sprache. »Elementarpoesie für den heutigen Menschen« hat Durs Grünbein die Dichtung von Inger Christensen genannt: »ein vollkommenes Kunstwerk«. Sie ist eine Vollendete. »Alles Glück ist jetzt gesammelt und in den Tod gesetzt, wie das Feuer in die Sonne«, heißt es in Das gemalte Zimmer von Inger Christensen, die in der letzten Woche, kurz vor ihrem 74. Geburtstag, starb.

Foto: Rigmor Mydtskov

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service