Buchverlage Hurra, die Krise ist vorbei!
Was die Buchbranche vom neuen Jahr erwartet – eine kleine Umfrage unter deutschen Verlegern

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Verramschen gibt's nicht. Bücher bleiben auch in Krisenzeiten wertvoll
Ulla Unseld-Berkéwicz, Leiterin des Suhrkamp-Verlags
Im Januar erscheinen zwei neue Bücher bei Suhrkamp: Peter Sloterdijks Du mußt Dein Leben ändern und Thomas L. Friedmans Was zu tun ist. Zwei Imperative, eine Analyse.
Jetzt, da man nicht weiß, sieht man der Krise auf den Grund oder starrt man in ein tiefes Loch, in das unser globalisiertes Weltchen gestürzt ist, wird man lesen und kapieren: die Wolfs-Kategorien des Kapitalismus, die gefletschte Gier werden auf der Strecke ihrer eigenen Wildbahn bleiben.
Der Verlag wird auch im kommenden Jahr zeigen, dass die richtige Antwort auf zunehmend unhaltbare Zustände in der Förderung des Haltbaren besteht. Gegen die Geschichtslosigkeit der Spieler und Verwalter, die uns ruinieren und langweilen, setzt Suhrkamp auf Epik, in der Geschichte zu ihrer Wahrheit gebracht wird, wie beim derzeit herausragendsten Erzähler der deutschen Zeitgeschichte, Uwe Tellkamp. Gegen den Versuch, uns die ökonomische und politische Katastrophe als unausweichlichen Naturvorgang darzustellen, hat Suhrkamp auf die poetische Verwandlung von Naturgeschichte in politische Programme für morgen gesetzt, wie der derzeit mutigste Erforscher des Neuen, Dietmar Dath. Adornos »Bangemachen gilt nicht« gilt.
Michael Krüger, Leiter des C. Hanser Verlag
Jeder weiß, dass sie da ist, aber noch keiner hat sie wirklich gesehen. Sie macht von sich reden, ist in aller Munde. Wo zwei oder drei beisammenstehen, ist sie mitten unter ihnen. Sie ist noch etwas Imaginäres, obwohl jeder ihre schweren Schritte hört. Die Krise hat etwas zutiefst Religiöses, und weil wir damit nicht mehr umgehen können, versuchen wir sie kleinzureden: Das Wirtschaftswachstum wird um ein, zwei oder drei Prozent schrumpfen, so what?
Sind nur ein paar durchgeknallte Banker dafür verantwortlich, oder trifft uns alle eine Schuld? Müssen wir unsere Lebensformen ändern, die Arten und Weisen, wie wir mit unserem Planeten umgehen? Haben nicht die meisten gedacht, die wirklich großen Krisen hätten wir im 20. Jahrhundert hinter uns gelassen, jetzt würde die Stunde der Technokraten und Verwalter schlagen, um die Reparaturarbeiten auszuführen, der Emissionswertespezialisten und Terrorismusexperten, der Netzforscher und Rentenmathematiker?
Und nun brauchen wir plötzlich Philosophen, Theologen und Schriftsteller, die uns das fundamentale Schlamassel erklären. Es gibt einen Beschreibungsnotstand. Es schlägt die vielleicht letzte Stunde der Schrift, schwarz auf weiß, auf Papier.
Elisabeth Ruge, Leiterin des Berlin Verlags
Das nächste Jahr wird schwer, das meinen wir alle hier in Berlin. Keiner kann sagen, ob die Verlagsbranche sich antizyklisch zur allgemeinen Wirtschaftslage verhält und die Menschen nun ganz viel lesen. Ja, natürlich, Bücher werden weiter gelesen, aber vielleicht doch einige mehr aus der Leihbücherei. Dennoch – wir freuen uns auf unsere neuen Titel, auf Helen Garner und Péter Esterházy und Thomas Klupp, und ziehen guten Mutes ins Feld.
Antje Kunstmann, Leiterin des Antje Kunstmann Verlags
Hurra, die Krise ist vorbei! Das ist der Titel des neuen Buchs von Greser & Lenz – und unser Motto für das neue Jahr. Die Bundeskanzlerin höchstpersönlich hat Konsumgutscheine für dieses Werk zugesagt, damit sich jeder unter den Schirm der guten Laune stellen kann. Optimismus ist angesagt, die Wirtschaft funktioniert psychologisch, das weiß inzwischen ja jeder. Geht’s schlecht, pumpt man sich mit Optimismus auf: Der nächste Bestseller kommt bestimmt. Geht’s gut, schleicht sich eine seltsame Mattigkeit ein: Wie soll das im nächsten Jahr getoppt werden? Wachstum, mir graut vor dir! Die Klage ist die liebste literarische Form der Verleger, schon immer, und die Krise ihre natürliche Lebensform. Wir sind es gewohnt, Krisen erfolgreich zu überstehen. Wir investieren langfristig, die Rendite aus Inhalten ist schwer zu beziffern, subjektiv und gesellschaftlich kann sie enorm sein. Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Bücher. Sie sind vergleichsweise billig, sie erzählen und erklären unsere Gesellschaft, wie sie ist und wie sie sein könnte. Man kann also zuversichtlich ins nächste Jahr gehen!
Joachim Unseld, Leiter der Frankfurter Verlagsanstalt
Es ist ein großes psychologisches Phänomen, eine Art Reservatio mentalis, die dazu führen wird, dass mindestens für ein Jahr die großen Investitionen im Privaten wie in Betrieben nicht getätigt werden. Das neue Auto wird nicht gekauft, das Haus nicht umgebaut, das Dach nicht neu gedeckt. Die Gegenstände des täglichen Bedarfs hingegen werden von der Krise nicht betroffen sein.
Und für mich ist das Buch ein Gegenstand des täglichen Bedarfs.
Heinrich von Berenberg, Leiter des Berenberg Verlags
Nichts ist ewig. Mag die Zeit, die wir in diesem europäischen Paradies während der letzten fünfzig Jahre mehr oder weniger genossen haben, vorbei sein oder nicht. Unsere Arbeit beruht darauf, dass wir glauben, dass bestimmte Dinge gelesen werden sollen, ja müssen, unabhängig davon, wohin die Welt geht. Um das zu erreichen, brauchen wir nicht auf Brechts kleinste Größe zu schrumpfen, denn wir haben mit ihr angefangen. Kleine Boote wie wir sind manövrierfähig und können in flacher werdenden Gewässern nicht so leicht stranden. Also hoffen wir, dass die ernsteren Dinge wieder wichtiger genommen werden, und vielleicht können die ernsteren Zeiten das Ihre dazu beitragen.
Wir jedenfalls machen weiterhin Bücher, deren Autoren aus allen Himmelrichtungen kommen. Der Blick über die Grenzen hinweg, zunehmend auch über die des europäischen Geheges, bleibt uns wichtig. Das Licht mag aus Washington kommen, aber hoffentlich auch ex oriente. Wenn die Türkei auch 2009 Europa beschäftigt, so ist das für uns genauso gut, wie wenn sich auf Kuba etwas tut oder Kolumbien, ja, Kolumbien Frieden findet. Unsere Bücher werden dem Anspruch genügen müssen, den wir an unser Programm und an uns selbst richten. »Überall zu Hause. Wandere allein wie ein Nashorn«, sagt Eliot Weinberger. So soll es sein.
Helge Malchow, Leiter des Verlags Kiepenheuer Witsch
Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Rezession. Das Bruttosozialprodukt wird 2009 um zwei bis drei Prozent sinken. Das ist ein Problem. Das größere Problem sind die Katastrophenstimmungen, die dazu in keinem Verhältnis stehen. Man wird sehen, dass auch 2009 Steaks gegessen werden und Rotwein getrunken wird. Die Menschen werden auch Hosen kaufen, Straßen bauen, telefonieren, Ikea-Regale zusammenschrauben, nach Paris oder Mallorca fahren (vielleicht weniger), googeln, Benzin tanken und Yogakurse, Fußballstadien und Bob-Dylan-Konzerte besuchen. Sie werden auch Halbleiter bauen und Solarzellen.
Und da es der menschlichen Natur entspricht, sich Geschichten erzählen zu lassen (zum Beispiel über Krisen), nachzudenken (zum Beispiel über Ursachen und Wirkungen von Krisen) und sich durch Unterhaltung vom (Krisen-)Stress zu erholen, wird man 2009 auch ins Kino, ins Theater gehen und – Bücher kaufen und lesen. Es müssen nur die richtigen sein. Vielleicht schärft die Krise die Sinne. Ich zum Beispiel empfehle gleich für den Januar: John Kenneth Galbraith: Der große Crash 1929, Harald Schumann/Christiane Grefe: Der globale Countdown und Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens. Dazu Kierkegaard und Helge Schneider. Das Leben geht weiter. Die Welt geht nicht unter. Wir haben nur eine Rezession.
- Datum 04.05.2009 - 11:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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Schwarze Kunst...?
Diese Aussagen werden doch um des Absatzes willen verkündet. - Alle diese Verleger beuten den Idealismus von Autoren und Übersetzern aus; machen aber selber Geschäfte wie Prinzipale. Dass nur etwa zehn deutsche, wichtige Autoren (nicht die rummeligen angebelichen Bestseller-Autoren...) von ihrer Arbeit leben können, ist ja kein Geheimnis.
LESSING beschrieb diese geliehene Kunst am Beispiel einer Galathee (und ihm war Aufklärung eine Lebensaufgabe!):
"Die gute Galathee! Man sagt, sie schwärz' ihr Haar;
da doch ihr Haar schon schwarz, als sie es kaufte, war."
Gute Bücher 2008...?
Frido Manns "Achterbahn" und Harpprechts "Die Gräfin".
(Darüber hinaus lese ich Wilhelm Lehmann (als besseren Ersatz für eine quatschig gefeierte Simpel-Naturlyrikerin aus Dänemark, die nach ihrem Tod nun gerechterweise keinen Nobelpreis mehr bekommen kann - und Kurt Tucholsky.)
Selbst ist der Schriftsteller
Zunächst hat jeder Autor, wie es ein Recht auf freie Bildung gibt, ein Recht auf Veröffentlichung.
Er muss sich bewähren. Ob er sich zuerst einem Knebelvertrag eines Großverlages unterwirft oder eine seriöse Lösung zum Druck gegen gerechte Bezahlung einsteigt, bleibt ihm überlassen. Wir wollen doch wirklich nicht behaupten, der namhafte Verleger achtet auf Qualität. Er glaubt an junge Talente, die er billig erwirbt um sie groß (im wahrsten Sinne) herauszubringen (selber den Markt machen) oder er zählt auf reißerische Namen oder er verlegt den längst Verstorbenen ohne zusätzliche Honorare. In jedem der drei Fälle bestimmt der Verleger den Markt! Aber bittschön, wo bleibt dann der Künstler, wo bleibt der gute Autor der sich aus der Masse verdichtet? Da wartet der Verleger doch lieber bis dieser gestorben ist und mindestens 70 Jahre tot ist. Der Dichter hat überhaupt keine Chance wenn er sich nicht nach dem Vorbild selbst herausbringt und das auf jeder Ebene. Sich selber herausbringen, das ist die Aufgabe des Dichters. Da jammern Verleger, die Lyrik verkauft sich nicht, dabei findet man überall Lyrik und nur wenig in den Lyrikabteilungen, da gibt es nur ein kleines Regal aber die komplette Buchhandlung ist von der Reiseabteilung über Belletristik bis zur Philosophie und Biografien voller Lyrik. Würde man alle Lyrik wegstreichen, wären die Büchereien und Bibliotheken nur halb so groß. Und dann dieses ewige Besserwissen der Germanisten in den Verlagen. Wie man schreibt und wo man seine Jota setzen muss. Welcher anständige Schriftsteller will das schon? Ich kann nur jedem Kreativen empfehlen seine Dinge selber in die Hand zu nehmen. Der Dichter kann sich doch nicht von einem Verleger zeigen lassen wohin er sein Komma und seinen Doppelpunkt zu setzen hat. Wie der Schriftsteller schreibt, so hat er es gewollt. Das ist eine klare Tatsache. Nicht der Dativ ist dem Genitiv Freund, der Dichter ist sich selbst genug. Warum also nicht selber machen. Das haben alle Großen Dichter und Schriftsteller vorgemacht. Nicht nur Selbstverlag, auch selbst das Wort setzen und selber den Akut, das bringt auch noch Spass und selber Befriedigung. Die Arroganz der Dichter ist ihre falsche Bescheidenheit. Andere töten, aber nur mit Freundlichkeiten. Bessersein? Ich weiß es nicht! In einer gewissen Qualität gleicht sich die Qualität der Menge an. Man findet keine Unterschiede. Es ist Vage, es ist ein Sorietes-Problem. Ab welchem Kriterium beginnt ein Gedicht Lyrik zu sein? Der Interpret wird zum Richter. Das Gedicht ist schuldlos. Der Dichter selber kennt seine Qualität. Der gute Dichter schätzt sich richtig ein. Derjenige der auswählt kann nicht über seine eigene Qualität hinaussteigen. Der Bauer erkennt den guten Apfel nicht. Seine Beurteilung ist eingeschränkt. Er kennt die Produktion eines Apfels aber, welcher Bauer hat schon einen guten Geschmack und welcher Bauer kennt etwas von Urteilen und Argumenten? Der Apfelbauer aber produziert den gewünschten Apfel oder den außergewöhnlichen Apfel. Ein Gedicht ist Ästhetisch oder Philosophisch zu betrachten oder Beides. Diese Lyrikzeitschriftverlage und die Etablierten bleiben unter sich, kein anerkennendes Wort, kein Urteil. Nur nicht die eigene Gruppe stören, etwa durch die Hereinnahme eines der besser sein könnte. Doch dann gibt es noch immer die Möglichkeit zu kontern, das dieser sich überschätzt und das die Neuen immer beleidigt wären. Es müsse ja nach dem Prinzip gehen: Abwarten. Alle mussten sie warten bis sie drankamen; außer natürlich die jungen Spatzen, die da im Frühling zwitschern. Man entdeckt einen Superstar! Die bourgeoisen Kulturbanausen nehmen es enthusiastisch zur Kenntnis. Mitentdecker eines neuen Goethe, soweit reicht der Lyrikhorizont. Qualität? Was ist das? Wo beginnt Qualität, wo hört sie auf? Vage, ein Sorietes-Problem, sie wissen schon.
Diese Lyrikszene ist abartig
Die heutige Literaturszene, insbesondere die Lyrikszene ist anormal abnormal. Wie mir ein Verleger im Vertrauen hinter hohler Hand versichert: „ wir suchen nur junge Mädchen als Talente für unsere Zeitschrift, ergänzen mit hochbekannten Preisträgern und mischen darunter unsere Freunde„. Das ist der Lyrikbetrieb, so läuft das Geschäft. Da suchen die „Lecktoren“ in Verlagen, die Herausgeber von Anthologien und Lyrikzeitschriften diese jungen, nackten Vögelchen und hacken mit ihren Spitzen in die jungen Leiber. Sie beschnäbeln das junge Gefieder in abartiger Perversität. In ihren Verlagen und Zeitschriften halten sie eine Brutstätte alternder, veralterter Abnormer Verehrer der Poesie, die ihre Lektorate dazu benützen, sich selber und ihre untalentierten Ergüsse, mit diesem jungen Federvieh, sowie mit Hochbetagten Ordensgeschmückten Pfauen, zu garnieren. Sie sammeln, organisiert von einer Not, die jungen Hungrigen und Dürstenden, und bieten ihnen kulturbeflissen Champagner und Kuchen für zweifelhafte Dienste; um in ihrer Sprache zu bleiben: alles Lyrikspanner.
Die vertrauten gierigen Lyrikverleger
Die netten freundlichen Manuskriptprüfer
Die feisten stillen Rezensenten
Die kleinen Vögelchen zwitschern
Die alten Spanner warten
Und geben gut die Achtern
Ein Loch im System…
Bringen sie groß raus
Pornographische Halbwüchsige
Zur Tarnung : Alte Preisträger
Drüberhermachen aller Sauereien
Hinten und Vorne mit Vergewaltigungen
Unschuldig alle
Wenn kleine Vögelchen zwitschern
Im Frühling
Und krächzen im Herbst
Was veranlasst sie zu diesem Verhalten? Selber talentlos, sind sie frustriert, kommen nicht an im Lyrikbetrieb zwischen Sonntagsdichtung und großer Lyrik. Was liegt näher als selber die Rolle einer Jury anzunehmen. Ihr wahres unbestätigtes und gehasstes Vorbild: und ihre Auffassung, der schöne und geliebte, der kann sie alle haben. Wie in der Gruppe 47, … alle hingen bei der Bachmann im Schoß. Vergleichbar mit denen die sich seitenweise Schund im Internet herunterladen, dort lassen sie ihre Kindlein ebenfalls zu sich kommen. Und anschließend? Da beklagen die alternden Emporgekommenen, das in den großen Anthologien nur noch Männer vertreten sind. Ja, was war denn vorher? Was war denn mit den Entdeckern? Wir haben die Talente entdeckt und gefördert schreiben Literaturzeitschriftenverleger. Da meinen Verleger, wenn man nur ihre Produkte kauft, würde man Entdeckte finden und manche Entdeckung machen! Ja was glauben die denn? Man erkennt doch gerade an ihren Produkten was sie entdecken und vermarkten. Wo bleibt denn der kaufmännische Verstand? Es bleibt eben kein Geld mehr für den großen Wurf wenn man nur wie Trittbrettfahrer hinter den Anderen herläuft. Das gilt aber für beide Seiten, für den Verleger und für den Schriftsteller. Wer aber erkennt sich schon selbst?
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