Jeder weiß, dass sie da ist, aber noch keiner hat sie wirklich gesehen. Sie macht von sich reden, ist in aller Munde. Wo zwei oder drei beisammenstehen, ist sie mitten unter ihnen. Sie ist noch etwas Imaginäres, obwohl jeder ihre schweren Schritte hört. Die Krise hat etwas zutiefst Religiöses, und weil wir damit nicht mehr umgehen können, versuchen wir sie kleinzureden: Das Wirtschaftswachstum wird um ein, zwei oder drei Prozent schrumpfen, so what?
Sind nur ein paar durchgeknallte Banker dafür verantwortlich, oder trifft uns alle eine Schuld? Müssen wir unsere Lebensformen ändern, die Arten und Weisen, wie wir mit unserem Planeten umgehen? Haben nicht die meisten gedacht, die wirklich großen Krisen hätten wir im 20. Jahrhundert hinter uns gelassen, jetzt würde die Stunde der Technokraten und Verwalter schlagen, um die Reparaturarbeiten auszuführen, der Emissionswertespezialisten und Terrorismusexperten, der Netzforscher und Rentenmathematiker?
Und nun brauchen wir plötzlich Philosophen, Theologen und Schriftsteller, die uns das fundamentale Schlamassel erklären. Es gibt einen Beschreibungsnotstand. Es schlägt die vielleicht letzte Stunde der Schrift, schwarz auf weiß, auf Papier.
Foto: Michael Herdlein für DIE ZEIT
- Datum 09.01.2009 - 13:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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