Kinderbücher gegen Schwermut
Der Zweite Weltkrieg hinterließ bei Tove Jansson tiefe Spuren, die Geschichten aus dem Mumintal halfen, die Depression zu bändigen Von Susanne Gaschke
Tove Jansson stammte aus einer finnlandschwedischen Künstlerfamilie: Ihr Vater war Bildhauer, ihre Mutter Illustratorin; der eine Bruder wurde Fotograf, der andere Autor und Comic-Zeichner. Tove Jansson erhielt ihre Ausbildung zur Malerin und Grafikerin an der Stockholmer Kunsthochschule und an der Finnischen Kunstakademie. Sie schrieb neben ihren selbst bebilderten Geschichten für Kinder auch etliche Bücher für Erwachsene.
Janssons weltberühmte Mumintrolle tauchten schon in den vierziger Jahren als kleine Figuren am Rande der politischen Karikaturen auf, die sie zeichnete – damals allerdings noch nicht niedlich und rundlich, sondern mager und griesgrämig. Der allererste Prototyp entstand angeblich, als Jansson in einer philosophischen Debatte über Immanuel Kant ihrem Bruder unterlag; da habe sie das »hässlichste nur denkbare Geschöpf« an eine Wand gemalt und »Kant« darunter geschrieben.
Kinderbücher verfasste Jansson auch als Gegenmittel gegen die Depressionen, die sie seit der düsteren Zeit des Zweiten Weltkriegs quälten. So sind die ersten Geschichten recht finster, die kleinen Geschöpfe des Mumintals sehen sich permanent Bedrohungen ausgesetzt – vom Kometeneinschlag über Flut- bis zu Schneekatastrophen. Die Figur der stets verängstigten, auf das Schlimmste gefassten Filifjonka dürfte ihren Ursprung in Janssons niedergedrückter Stimmung dieser Jahre haben. Gleichzeitig sagt man den Finnen ganz allgemein ein mitunter melancholisches, schwermütiges Wesen nach.
Der Filifjonka geht es übrigens besser als sie sich von ihrem erdrückenden irdischen Besitz, von ihren Nippesfiguren, Sofakissen und Teetassen, trennt. Das Thema »Loslassen«, bezogen auf Dinge und Mitgeschöpfe, zieht sich durch Janssons Werk, ebenso die Auseinandersetzung mit dem Älterwerden.
Die finnische Landschaft, die Küste und die kleinen Inseln, haben Janssons Werk geprägt. Alle Sommerferien verbrachte die Familie am Meer, später lebte Jansson mit ihrer Partnerin Tuulikki Pietilä das ganz Jahr über auf einer winzigen Schäre.
Sie illustrierte auch internationale Kinderbuchklassiker wie J. R. R. Tolkiens Hobbit oder Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Die Mumins wurden einem größeren nichtskandinavischen Publikum vor allem als Comic zugänglich, den Jansson in den fünfziger Jahren für einen englischen Verleger zeichnete. Tove Jansson erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Auszeichnungen (Nils-Holgersson-Medaille, Hans-Christian-Andersen-Preis). In Tampere gibt es ein Mumin-Museum (Kontakt: muumi@tampere.fi).
- Datum 08.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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