Fantastische Wesen

In der verzauberten Trollwelt von Tove Jansson gibt es nilpferdähnliche Geschöpfe, andere gleichen schlaffem Spargel Von Susanne Gaschke

Schon auf dem Helsinkier Flughafen begegnen dem Besucher die Mumintrolle, als Plüschfiguren, als Kekse, auf Geschirr. Kinderliteratur ohne Merchandising, das gibt es kaum mehr, und der Vermarktungstrend hat auch vor Tove Janssons geheimnisvollen Waldbewohnern nicht haltgemacht.

Immerhin bekommt man so einen frühzeitigen Eindruck davon, was einen womöglich im finnischen Unterholz erwartet: Die Mumins – Mutter, Vater und Sohn – sehen aus wie rundliche Nilpferde (der Vater trägt stets einen Zylinderhut); ihre Verwandten, etwa die bösartige Kleine Mü oder der Schnupferich, haben entfernte Ähnlichkeit mit Menschen, nur sind sie wichtelklein. Schließlich gibt es fragwürdige Wesen wie die Hatifnatten, die marodierendem Spargel mit Ärmchen ähneln, und die Eiskalte Morra, die dunkelste Figur in dieser wilden Gesellschaft.

Seit den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts zeichnete die finnlandschwedische Malerin und Grafikerin Tove Jansson die Mumintrolle und erfand Geschichten um sie herum – die Mumins wurden zu den berühmtesten Kinderbuchhelden Finnlands, Janssons Bücher sind in fast vierzig Sprachen übersetzt. Die Geschichten aus dem Mumintal erlauben einen schönen Einstieg in das eigenwillige Leben der Trolle.

Üblicherweise werden die Mumin-Abenteuer schon sehr kleinen Kindern vorgelesen. Wir empfehlen sie bewusst frühestens ab sieben Jahren, weil sie, ohne dass allzu spektakuläre Dinge geschehen oder pockennarbige Monster in Erscheinung treten, jüngere Kinder mit der Intensität der geschilderten Gefühle und inneren Konflikte stark zu bewegen, wenn nicht zu ängstigen scheinen. Gleichzeitig sind sie so feenhaft-versponnen, dabei so witzig und bisweilen bissig-ironisch, dass gefestigte Erst- oder Zweitklässler viel Freude an ihnen haben dürften.

Sie können gewiss die widerstreitenden Gefühle eines (ebenfalls wichtelartigen) Homsas nachvollziehen, der ständig sein kleines Brüderchen mit herumschleppen muss, obwohl es alle Spiele behindert. »Du kommst wahrscheinlich nie mehr nach Hause«, sagt der Homsa finster zu dem kleinen Quälgeist. »Deine Gebeine werden in der Prärie ruhen, bis sie weiß sind, Mama und Papa werden weinen, bis sie ertrinken, und das alles führt zu nichts und weniger als gar nichts, und schließlich ertönt über allem das Geheul der Hyänen.« Der jüngere Homsa-Bruder reagiert auf diese Ansage, wenig überraschend, mit Dauergeschrei. Und der Homsa denkt verbittert: »Wenn es nur keine kleinen Brüder gäbe! Die müssten entweder groß auf die Welt kommen oder gar nicht! Die wissen nichts vom Krieg. Die müssten so lange in einer Schublade gehalten werden, bis sie was kapieren!«

Im Zentrum der Erzählungen steht das Haus der Muminfamilie im Mumintal – ein wunderschönes Holzhaus mit vielen Zimmern und einer behaglichen Veranda zum Pilzeputzen oder einfach nur zum Dasitzen und Zuhören. In diesem Haus wohnt Mumin, so frei und behütet, so geliebt und gemocht, dass er eigentlich die perfekte Trollkindheit erleben müsste. Und doch fühlt sich gerade er oft fast zerrissen von einer großen Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem, nach Freundschaft, nach Geheimnissen. Kindern mag das bekannt vorkommen, und manche Erwachsene mögen sich erinnern: Da tun Eltern fast alles, um ihren Nachwuchs glücklich zu machen, und trotz aller ihrer Bemühungen ist das Heranwachsen eine ungeduldige Zeit des Harrens, der Unzufriedenheit, manchmal der Verzweiflung.

Mumins Sehnen richtet sich vor allem auf den älteren, frei in den Wäldern herumstreifenden Schnupferich. Der seinerseits spürt lieber allein den Frühlingsmelodien nach, die die Natur ihm von überall her zuzumurmeln scheint – und fühlt sich durch Mumins Anbetung mitunter bedrängt und eingeengt. Zumal er, wenn er an den kummervollen Troll denkt, der zu Hause auf ihn wartet, seine Freiheit auch nicht mehr in vollen Zügen genießen kann. Manchmal nimmt der Schnupferich Rücksicht: zum Beispiel, als Mumin einen kleinen goldgrünen Drachen gefangen hat. Soo stolz ist der Troll, soo sehr möchte er von dem winzigen Tierchen geliebt werden – und soo grausam und undankbar ist der Drache, dass er Mumin die eiskalte Schulter zeigt, den Schnupferich hingegen anbetet. In dieser Lage schickt der Schnupferich den Drachen in die Wüste – und erzählt Mumin, das kleine, herzlose Biest habe sich davongemacht, so seien Drachen, wüssten nie, was sie wollten. Mumin erahnt die gut gemeinte Notlüge, aber er braucht sie auch.

Was bedeuten wir anderen Trollen, wie unabhängig dürfen wir sein, was machen Beziehungen aus uns? Das sind die Grundfragen, die sich durch nahezu alle Abenteuer der seltsamen Wesen ziehen. Auch der Muminvater muss sich ihnen stellen, als ihn unvermittelt eine Midlife-Crisis ergreift: Plötzlich empfindet er es als unerträglich, sein ereignisloses Leben als Verandavater fortzusetzen, und bricht auf, um mit den geheimnisvollen Hatifnatten ein »Leben der Bosheit« zu führen. Niemand weiß wirklich genau, was Hatifnatten sind (und es gehört sich auch nicht, darüber zu sprechen) – auf jeden Fall segeln sie in kleinen Booten umher, lieben elektrische Ladung, ziehen Gewitter an und haben die unheimliche Neigung, ihre Gäste einer Art Gehirnwäsche zu unterziehen. Was der Muminvater für das große Abenteuer hält, lässt Tove Jansson die Leser wissen, ist in Wahrheit nur eine große Illusion. Das Glück liegt anderswo: »Der Muminvater bekam Heimweh nach seiner Familie und seiner Veranda. Plötzlich ging ihm auf, dass es ihm nur dort möglich sein würde, so frei und abenteuerlich zu sein, wie es ein richtiger Vater sein soll.«

Illustration: Sabine Wilharm, Umschlagillustration »Geschichten aus dem Mumintal« erschienen

in ZEIT-Edition »Fantastische Geschichten für junge Leser« 2008; Foto: Reino Loppinen/picture-alliance/dpa

 
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