Deutschland lag noch in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, die Bundesrepublik war noch nicht begründet, da fürchtete man sich in Wien schon wieder vor einer Annexion durch den großen Nachbarn – diesmal kultureller Natur. Am 12. März 1947 stellte der österreichische Ministerrat »das offizielle Verlangen, dass Deutschland die Verwendung der Haydn-Hymne als eines alten österreichischen Kulturgutes untersagt werden möge, um dadurch vor der Welt den österreichischen Anspruch auf diese Melodie zu dokumentieren«.

Vergebens. Wenn es auch noch fünf Jahre dauern sollte, so wurde jene »Haydn-Hymne«, die man in Deutschland als das Lied der Deutschen kennt, schließlich doch zur Nationalhymne der jungen Bundesrepublik. Dabei war der Einspruch aus Wien keineswegs unberechtigt. So eng wie bei kaum einer anderen Musik ist die Wirkungsgeschichte dieser Komposition Joseph Haydns mit der politischen Geschichte Österreichs verbunden. Aber eben auch mit jener Deutschlands.

Zum Auftakt des Haydn-Jahres 2009, in dem des 200. Todestages des Komponisten gedacht wird, beleuchtet die Österreichische Nationalbibliothek in einer kleinen, erlesenen Ausstellung die Entstehungsgeschichte dieses nationalen Symbols, das heute »Einigkeit und Recht und Freiheit« für Deutschland beschwört, obwohl es einst im Geist des österreichischen Absolutismus entstanden war.

Es war die Zeit des Ersten Koalitionskrieges, die Monarchien Europas hatten sich mit Österreich und Kaiser Franz II. gegen Frankreich, die neue Republik, verbündet – und konnten doch nichts gegen die revolutionären Brigaden ausrichten, die im Takt der Marseillaise von Sieg zu Sieg marschierten. Auch der Wiener Stadthauptmann Franz Josef Graf von Saurau (1760 bis 1832) hatte die durchschlagende Begeisterung der feindlichen französischen Truppen zu oft erleben müssen, als dass er nicht genau um die befeuernde Kraft der Musik gewusst hätte – und was seinen eigenen Mannen fehlte: »ein Nazionallied (…), das geeignet wäre (…) in den Herzen aller guten Österreicher jenen edlen Nazionalstolz zu wecken, der zur energischen Ausführung jeder von dem Landesfürsten als nützlich erkannten Maßregel unentbehrlich ist.«

In dem »verdienstvollen Dichter« Lorenz Leopold Haschka, der bereits mit blutrünstig gereimten »Verwünschungen« wider die Franzosen hervorgetreten war, fand Saurau im Herbst 1796 den richtigen Mann für sein patriotisches Anliegen; als Komponist kam niemand anderer infrage als »unser unsterblicher Haydn«. Die Zeit drängte, bis zu Kaisers Geburtstag am 12. Februar 1797 musste das Stück fertig sein. Doch einfach war der Auftrag nicht: Wie sollte ein österreichisches Nationallied klingen, wo Österreich doch gar kein Nationalstaat war, sondern ein Reich, und sein Herrscher – der römisch-deutsche Kaiser – wohl Untertanen hatte, aber kein Volk? Völker waren dem dynastischen Denken zutiefst suspekt, hatte nicht das französische Volk gerade erst seinen König geköpft und mit ihm Marie-Antoinette, die Schwester des Kaisers?