Craig Venter ist der wohl umstrittenste Wissenschaftler unserer Zeit. Seine Bewunderer rühmen Charisma, Mut und Intelligenz dieses Biochemikers, der mehr Gene entschlüsselt hat als irgendwer sonst. Für seine Feinde hingegen ist er »Darth Venter«: Wie der brutale Tyrann Darth Vader in Krieg der Sterne einst von der Truppe der Guten abfiel und auf die dunkle Seite der Macht wechselte, so habe auch Venter das staatliche amerikanische Gesundheitsforschungszentrum NIH verlassen und private Forschungseinrichtungen und Firmen gegründet, um Alleinherrscher über das Universum der Gene zu werden.

Wir begegneten uns zum ersten Mal vor genau zehn Jahren. Damals hatte Venter gerade angekündigt, er werde mit einer neu gegründeten Firma in nur drei Jahren das menschliche Genom sequenzieren. Damit löste er das Rennen um das Erbgut des Menschen und eine Gen-Euphorie ohnegleichen aus: In der Öffentlichkeit entstand der Eindruck, die Gene seien der Schlüssel zum Schicksal eines jeden Menschen.

Diesmal trafen wir uns in Venters Sommerhaus auf Cape Cod bei Boston. Ich wollte wissen, was aus dem Genomprojekt, den Hoffnungen und Ängsten, die es freigesetzt hatte, geworden ist – und was aus Venter selbst. Er erschien in abgeschnittenen Jeans und mit einer schwarzen Sonnenbrille, die er erst gegen Ende des Gespräches abnahm.

Stefan Klein: Herr Venter, Sie haben vor ein paar Monaten als einer der ersten Menschen Ihr ganzes eigenes Genom kennengelernt.

Craig Venter: Wieso »einer der ersten«? Ich war der erste.

Klein: Ihr alter Rivale James Watson, der die Struktur der Erbsubstanz DNA entdeckte, war schneller.

Venter: Von wegen, er kam nur mit seiner Pressemitteilung ein paar Tage früher heraus.

Klein: Was haben Sie denn aus der Kenntnis Ihrer Erbsubstanz über sich selbst erfahren?

Venter: Zum Beispiel, warum ich Kaffee und Cola so gut vertrage. Ich habe gleich zwei Kopien eines Gens, das für einen sehr schnellen Koffeinstoffwechsel sorgt. Watson dagegen gehört zu den Menschen mit einem langsameren Stoffwechsel. Diese laufen nach ein paar Tassen Kaffee viel leichter Gefahr, einen Herzanfall zu bekommen. So klärt sich die alte Debatte, ob Koffein schädlich ist oder nicht – es hängt ganz von Ihren Genen ab.

Klein: Das Sequenzieren Ihres Genoms hat mehr als zehn Millionen Dollar gekostet. Ihr Institut hat das Geld wohl kaum ausgegeben, um Kaffeetrinker zu beruhigen.

Venter: Wir wollten endlich das vollständige Genom eines Individuums kennenlernen. Die bisher bekannten Sequenzen waren ja aus der Erbinformation verschiedener Menschen zusammengesetzt. Und diese stammte überdies aus bestimmten Körperzellen, die jeweils nur ein Chromosom haben – also auch nur die halbe Information. Das Genom, das wir nun veröffentlicht haben, ist das meiner normalen Zellen. Diese enthalten jedes Chromosom doppelt, je eines von meinem Vater und von meiner Mutter. Und diese beiden weichen mehr voneinander ab, als wir dachten. Offenbar haben wir die genetischen Unterschiede zwischen den Menschen weit unterschätzt.

Klein: Dass es ein menschliches Genom gäbe, wie so oft behauptet, ist offenbar eine Fiktion. Passender wäre es, von mehr als sechs Milliarden Genomen zu sprechen – so viele Menschen gibt es.

Venter: Als Individualist, der ich bin, gefällt mir diese Erkenntnis: Zwei Personen können sich um bis zu drei Prozent ihrer Erbinformation unterscheiden. Bisher ging man von weniger als einem Tausendstel aus.

Klein: Ihr Erbgut erlaubt einen Blick in die Zukunft. Es enthält Gene, die ein langes Leben bis weit über 90 Jahre versprechen – allerdings auch solche, die auf ein erhöhtes Risiko hindeuten, Alzheimer zu bekommen. Wie gehen Sie mit der Aussicht auf ein solches Schicksal um?

Venter: Sie beunruhigt mich wenig. Meine Tante väterlicherseits, die gerade 80 wurde, hat denselben Genfaktor und kein Alzheimer, ebenso wenig kommt diese Krankheit aufseiten meiner Mutter vor. Vielleicht gibt es andere Gene, die diese Risikogene unterdrücken. Jedenfalls verstehen wir das Genom noch längst nicht gut genug, um einfach aus der Sequenz auf Krankheitsgefahren schließen zu können. Hinzu kommen die Umwelteinflüsse. Wenn Sie geistig rege sind, ist Ihr Alzheimerrisiko weitaus geringer. Dasselbe sollten die Medikamente bewirken, die ich in Kenntnis meiner Gendaten vorsorglich schlucke.

Klein: James Watson weigerte sich, derart heikle Informationen aus seinem Erbgut zu veröffentlichen. Er wollte nicht, dass bekannt wird, ob er eine Neigung zu Alzheimer hat. Ihnen macht es nichts aus, vor der Welt genetisch nackt dazustehen?

Venter: Nein – eben weil die Gene nicht unser ganzes Leben bestimmen. Abgesehen davon ziehe ich vor Watson den Hut dafür, dass er seine ganze übrige Genomsequenz ins Internet stellte. Damit ist er ein gutes Vorbild. Viel mehr Menschen sollten ihre Erbinformation offenlegen – und zeigen, dass wir vor unseren Genen keine Angst zu haben brauchen.

Klein: Sie sind privilegiert, Sie müssen nicht fürchten, dass Arbeitgeber, Versicherungen oder wer auch immer das Wissen über Ihre Gene missbrauchen.

Venter: Richtig. Aber wir müssen lernen, mit diesem Wissen umzugehen. In zehn Jahren wird es ganz normal sein, dass Menschen ihre eigene Genomsequenz kennen.

Klein: Sie jedenfalls kennen keine Scheu, sich zu offenbaren. Nur ein paar Wochen nach Ihrem Genom veröffentlichten Sie Ihre ziemlich freimütige Autobiografie »A Life Decoded« – »Ein entschlüsseltes Leben«.

Venter: Nun ja, ich dachte, ich könnte anderen ein Beispiel geben. Ich hatte eine ungewöhnliche Karriere, ein aufregendes Leben.

Klein: Sehr aufregend, scheint es. Wir lesen da etwa von einem Kampf mit einer giftigen Seeschlange. Das Tier habe Sie beim Surfen an der vietnamesischen Küste angefallen. Sie wollen die Bestie mit einer Hand am Kopf gepackt, durch vier Meter hohe Wellen schwimmend ans Ufer befördert und dort erst erlegt haben. Ist das nicht ein wenig dick aufgetragen?

Venter: Die getrocknete Schlangenhaut hängt noch heute als Trophäe über meinem Schreibtisch. Das Tier hätte mich umbringen können.

Klein: Sie hatten ziemliches Glück.

Venter: Nein. Ich habe geistesgegenwärtig gehandelt. Und ich bin ein sehr ausdauernder Schwimmer – wozu mich nicht zuletzt eine für den Muskelstoffwechsel zuständige Genvariante befähigt.

Klein: Der Untertitel in der englischen Ausgabe Ihres Buches lautet: »My Genome, my Life«. Tatsächlich versuchen Sie, Ihre Erlebnisse mit Ihren Erbanlagen in Beziehung zu setzen. Aber man fragt sich: Wie viel hat das eine wirklich mit dem anderen zu tun?

Venter: Die Vorstellung, dass man menschliches Verhalten auf einzelne Gene zurückführen kann, ist zu naiv. Wohl aber dürften bestimmte Eigenschaften der Persönlichkeit genetisch festgelegt sein.