Genforschung "Wir waren sehr naiv"Seite 4/4

Klein: Was ist der Unterschied?

Venter: In einem Buch finden Sie sofort den Text, der Sie interessiert. Die Software hingegen zeigt nur, was bei der Datenverarbeitung am Ende herauskommt. Das Programm selbst, das dahintersteht, bleibt Ihnen verborgen. Und Sie erfahren auch nicht, wie es zu diesen Ergebnissen kam...

Klein: ...ebenso wenig wie wir verstehen, wie aus den Molekülen der Erbsubstanz in neun Monaten ein Mensch wird, der dann mit spätestens zwei Jahren zu sprechen beginnt.

Venter: Wir werden es verstehen. Wir haben jetzt die Technik dazu. Darin liegt vermutlich die größte Errungenschaft des Genomprojekts.

Klein: Ihnen persönlich hat der Wettlauf um die menschlichen Gene großen Reichtum gebracht. In Ihrer Autobiografie dürfen wir mitverfolgen, wie Ihre Jachten fast jährlich länger und teurer wurden. Was bedeutet Ihnen Geld?

Venter: Es war ein unerwarteter Segen. Ich bin in nicht sehr begüterten Verhältnissen aufgewachsen, während meine Freunde mit dem Sportwagen zur Schule fuhren. Später dachte ich, dass ich als Wissenschaftler wohl nie mehr Geld bekommen würde als das Preisgeld für den Nobelpreis.

Klein: Wann haben Sie denn zum ersten Mal vom Nobelpreis geträumt?

Venter: Als Student. Aber ich habe meine Forschung nie um des Geldes willen betrieben. Übrigens besitze ich viel weniger, als alle glauben: Millionen, nicht Milliarden. Als die Börse in die Knie ging, ist alles verpufft.

Klein: Und Sie mussten kurz darauf das von Ihnen mitbegründete Unternehmen Celera verlassen. Bestätigt Ihr Scheitern nicht im Nachhinein die Ansicht Ihrer Kritiker, dass Grundlagenforschung und Geschäftemacherei unvereinbar seien?

Venter: So hätten’s alle gern. Ich aber glaube bis heute, dass zwischen Business und Wissenschaft kein grundsätzlicher Konflikt existiert.

Klein: Wirklich? Sie selbst sprachen einmal von einem faustischen Pakt, den Sie da eingegangen seien.

Venter: Beide können einander großartig befruchten. Schwierigkeiten gibt es nur zwischen Menschen, die nicht integer sind – auf beiden Seiten. Als ich gehen musste, machte Celera schon Gewinn. Nur war das Unternehmen seinen Geldgebern nicht profitabel genug.

Klein: Sie zogen sich damals auf Ihre Jacht zurück, ließen Tausende Proben aus den Wassern aller Weltmeere entnehmen und sequenzierten die darin enthaltenen Mikroorganismen. Wieso haben Sie sich vom Menschen abgewandt?

Venter: Habe ich nicht: Ungefähr ein Drittel meiner Zeit widme ich wieder dem menschlichen Genom. Aber daneben gibt es viele andere drängende Fragen. Letztlich war es ein Schritt weiter in der Entwicklung unserer Technik: Erst haben wir uns vom Erbgut eines einzelnen Bakteriums zu dem des Menschen mit seinen 23.000 Genen vorgearbeitet. Jetzt aber konnten wir in 200 Litern Seewasser mehr als eine Million Gene sequenzieren. Und dabei haben wir über 10.000 neue Arten entdeckt. Wir haben das bekannte Reich des Lebens dramatisch ausgedehnt.

Klein: Was nützt das?

Venter: Wir wollen verstehen, wie das Leben grundsätzlich funktioniert. Mit den Daten, die wir nun haben, können wir beispielsweise verschiedene Arten vergleichen und herausfinden, warum ein Bakterium nur 500 Gene hat, ein anderes aber 1800. Mit wie wenigen Genen ist Leben überhaupt möglich? Das wollten wir wissen, vor allem um auf möglichst einfache Weise künstliche Genome und damit Organismen nach Maß herzustellen.

Klein: Kritiker sagen, Sie wollten Gott spielen.

Venter: Das ist eine dumme Kritik. So heißt es immer, wenn Menschen ihre Möglichkeiten erweitern. Schon bei der ersten Herztransplantation, sogar als die Antibiotika aufkamen, mussten Forscher sich mit diesem Vorwurf herumschlagen. Im Übrigen schaffen wir ja kein Leben aus dem Nichts. Wir versuchen nur, die Bausteine des Genoms zu identifizieren und sie dann im Labor neu zusammenzusetzen.

Klein: Sie selbst haben große Vorbilder für dieses Unternehmen genannt: »Das Ziel ist – und da, glaube ich, muss man an den Film ›Superman‹ denken –, die Welt zu retten.«

Venter: Nun, wir wollen Mikroben herstellen, die das schädliche Kohlendioxid aus der Atmosphäre wieder in nutzbaren Brennstoff verwandeln.

Klein: Jede Pflanze tut das.

Venter: Ja, aber unsere künstlichen Organismen werden tausendmal wirksamer sein. Und sie werden ohne Umweg Treibstoff für Autos und Kraftwerke herstellen, zudem Rohstoffe für die chemische Industrie. So schaffen wir eine Möglichkeit, von einem Zeitalter maßloser Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu einem neuen Gleichgewicht auf unserem Planeten zu kommen.

Klein: Wir hören es gern – Ihre neuen Geldgeber sicherlich auch. Man wirft Ihnen allerdings vor, dass Sie Ihren Status als Rockstar der Wissenschaft benutzen, um haltlose Visionen am laufenden Band zu verkünden.

Venter: Streichen Sie »haltlos«, dann bekenne ich mich schuldig. Aber was ist schlimm daran, seinen Status als Celebrity zu benutzen? Um Dinge anzustoßen, die sonst viel schwerer in Gang kämen, ist er doch gut. Ich wünschte mir, mehr Wissenschaftler würden ihren Ruhm dafür verwenden, die Gesellschaft voranzubringen.

Craig Venter, 62, ist ein Pionier der Genforschung. Der amerikanische Biochemiker sequenzierte sein komplettes Genom und veröffentlichte es. Seit Neuestem arbeitet er an seinem Institut in Rockville, Maryland, an der künstlichen Herstellung von Mikroben, die Kohlendioxid abbauen können.

Stefan Klein ist Biophysiker. Der 43-Jährige hat die Bestseller »Die Glücksformel«, »Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist« und »Da Vincis Vermächtnis oder Wie Leonardo die Welt neu erfand« geschrieben.

Stefan Klein führt für das ZEITmagazin regelmäßig Gespräche mit Wissenschaftlern über die großen Fragen, auf die wir keine letzten Antworten haben. Die bisherigen Themen: »Schönheit« (Nr. 26/07), »Schmerz« (Nr. 47/07), »Mitgefühl« (Nr. 21/08), »Astrophysik« (Nr. 31/08) und »Leonardo da Vinci« (Nr. 42/08).

 
Leser-Kommentare
  1. Quintessenz nach erstem Lesen:

    1.) Dieser Mann hat eine merkwürdige Begründung für seinen abgebrochenen Selbstmordversuch gegeben.

    2.) Ebenfalls seltsam ist, dass er - wenn er über sich selbst redet - nur bei positiven Faktoren die Gene als Erklärungsschema benutzt.

    3.) Mein Lieblingsteil, der mir die Relevanz seiner Erkenntnisse am plastischsten vor Augen zu führen scheint:

    "Von 95 Prozent der Erbsubstanz weiß noch keiner genau, wozu sie eigentlich gut ist. All die Abschnitte, die keine Gene sind und noch vor ein paar Jahren als »DNA-Schrott« abgetan wurden, haben offenkundig wichtige Funktionen – nur welche?

    Venter: Ja, wir waren sehr naiv und zu optimistisch.

    Klein: Zudem wirkt das Genom mit anderen Substanzen im Zellkern auf viel kompliziertere Weise zusammen als gedacht. Eigentlich hat es gar keinen Sinn, die Erbinformation ohne die Zelle zu untersuchen, die sie umgibt.

    Venter: Diese Einsicht beginnt sich tatsächlich durchzusetzen. Sie widerspricht den gewohnten Dogmen der Biologie."

    Wenn Du etwas wissen willst, frag keinen Gelehrten, sondern einen Erfahrenen!

    • Euwie
    • 08.01.2009 um 17:04 Uhr

    Dass die Veröffentlichung von Gendaten keine negativen Folgen bringt, ist nicht zu erwarten. Versicherungen RECHNEN ja mit Wahrscheinlichkeiten - da kann man noch so argumentieren, dass nichts sicher ist. Dass umgekehrt diese Daten für die Forschung notwendig sind, macht die Sache problematisch.
    Immerhin gibt er zu, dass die meisten Pressemeldungen übertrieben sind und es praktisch nur darum geht, ins Gespräch zu kommen.

    • peto1
    • 13.01.2009 um 20:00 Uhr

    Das erinnert mich sehr an Frankenstein....

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