Musiktheater Die Alleskönner
Korrepetitoren sind die heimlichen Helden der Oper. Wenn die Orchester streiken, schlägt ihre Stunde

© Andreas Bretz/Rheinische Post
Die Korrepetitorin Ellen Rissinger rettet eine Aufführung von "Lady Macbeth von Mzensk" in Düsseldorf
Opernhäuser muss man sich als geheimnisvolle Bauten vorstellen, in deren Kammern die Uhren unterschiedlich schnell gehen. Hier wird letztmals die Auftrittsnummer aus Tosca geprobt; dort werden erste tastende Kontakte zu Moses und Aron aufgenommen. Drüben erhält ein ortsfremder Tenor, der heute im Freischütz einspringt, letzte Unterweisungen zu Tempo und Stilistik. In der nächsten Kammer frischt eine Sopranistin ihr Tschechisch für eine baldige Jenufa-Premiere auf.
In jeder Kammer sitzt ein Korrepetitor, ein Dienstleister am Klavier, der aufopferungsvoll und mit einer gewissen Demut bunteste Orchesterfarben auf schwarzen und weißen Tasten umsetzt. Dabei bedient er sich des Klavierauszugs, dessen Noten wie schmale, aber trittsichere Klettersteige durchs Gebirge einer ganzen Orchesterpartitur führen und dem Sänger Haken und Seile zuweisen. Wer demnächst im Tristan gegen schweres Blech und dichte Streicher ankämpfen muss, darf froh sein, dass ihn einstweilen ein Klavier und noch nicht das volle Orchester begleitet. Mancher Korrepetitor arbeitet speziell für den Opernchor oder das Ballett, das ist noch eine andere Kategorie. Auf Tempoänderungen des Choreografen muss er seismografisch reagieren.
Neulich traten an etlichen deutschen Opernhäusern die Korrepetitoren in das Rampenlicht, das sie sonst kaum je erblicken. Die Orchester streikten, es schlug die Stunde der Pianisten: Sie nahmen im Graben oder am Bühnenrand Platz und ersetzten, einsam am Klavier, ein komplettes Orchester. So wie Ellen Rissinger an der Düsseldorfer Rheinoper: Von jetzt auf gleich rettete sie eine Aufführung von Dmitrij Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk. Todesmutig durchpflügte sie vom Flügel im leeren Orchestergraben aus mehr als drei Stunden lang den gigantisch schweren Klavierauszug. In den heftigen Orchesterzwischenspielen nahm zusätzlich Dirigent Ira Levin an ihrer Seite Platz, und die beiden spielten für dreißig, vierzig Takte vierhändig; geprobt hatten sie dieses Vabanque-Manöver nie. Das Publikum schien gleichermaßen ungehalten wie fasziniert: Es vermisste das Orchester, Schostakowitschs giftige Holzbläser und das skeletthafte Geklapper des Schlagzeugs, bewunderte aber gleichzeitig den einsamen heroischen Kampf der Pianistin. Hernach bekundete es seine Ehrfurcht vor der Leistung der 39-jährigen Amerikanerin aus Pennsylvania mit donnerndem Applaus.
Korrepetitoren müssen 15 Finger und die Hände eines Goliath haben
Zum Korrepetitor wird niemand geboren oder berufen, doch muss jeder dieser namenlosen Helden eine multiple Befähigung mitbringen. Meist hat er Klavier oder Dirigieren studiert, liebt die menschliche Stimme, kennt sich in Fremdsprachen und Stilen aus, besitzt ein verfeinertes Gehör und kann profunde Ratschläge geben, wie ein Bass mit einer Phrase besser zurechtkommt. Er ist Mädchen für alles und Coach in einem, hat einen großen Stapel Opern drauf und ist sich für Kärrnerarbeit nicht zu schade. Mit der Zeit lernt er die Kunst des Weglassens, manchmal müsste er 15 Finger und die Hände eines Goliath besitzen. Fitness ist unentbehrlich für diese besondere Form von Hochleistungssport.
Zugleich sind die Arbeitszeiten unwägbar und oft an den Freistunden der Sänger ausgerichtet. Kein Wunder, dass mancher Korrepetitor an spätabendlichen Figaro-Sitzungen verzweifelt. Der Lohn der Öffentlichkeit wird ihm selten zuteil, auf den abendlichen Besetzungszetteln taucht er regelmäßig im Kleingedruckten auf, gemeinsam mit der Maskenbildnerin und dem Beleuchter. Bezahlt werden Korrepetitoren fast immer lausig. Ihr wahrer Lohn ist jene Innigkeit, die in der Kammer zwischen zwei Künstlern entstehen kann – als das traumwandlerische Einvernehmen zwischen Sänger und Begleiter, der mehr ist als nur ein Gutachter am Flügel, der immerzu »Zu tief« oder »Zu spät« ruft. Korrepetitoren sind großartige Musiker – und Lotse, Trampolin, Wolldecke, Korrektor und künstlerisches Gehirn in einem. Und ein guter Freund, dem sich ein Sänger mit seinen Nöten bedingungslos anvertrauen kann. Mancher Sänger seufzt nach der Premiere wehmütig: So schön wie in den Proben war es hinterher nie mehr.
Korrepetition per Klavier verlangt andererseits nach jener Sturheit und Unerbittlichkeit, mit der die Namenskollegen aus der Rechtswissenschaft bedürftige Kandidaten fürs juristische Staatsexamen fit machen. Dort sind Repetitoren Knechte der Wiederholung, herbe Einpauker und Einpeitscher. Was sie lehren, lieben sie nur selten. Das Präfix, das diese beiden Gehilfen des Fortkommens anderer trennt, ist Kennzeichen für die Harmonie, die in der Opernkammer herrschen muss, wenn Kunst auftrittsreif gedeihen soll. Lampenfieber ist der Korrepetitionssitzung fremd, oft herrscht experimentelle Atmosphäre, der Ernstfall ist noch etliche Bühnenproben weit entfernt. Zugleich sollte jeder Korrepetitor unverzagt und ein Stoiker sein: Wenn der später hinzutretende Regisseur die Szene noch sieben Mal haben möchte, dann hat der Mensch am Klavier zu funktionieren, egal wie schwer und schweißtreibend sein Klavierpart ausfällt.
Bläst nicht doch eine Oboe, obwohl nur das Klavier erklingt?
Manchem Korrepetitor hilft zur Bewahrung seines Selbstwertgefühls die Tatsache, dass sein Vertrag Dirigierverpflichtung vorsieht. Dann kann er bisweilen selbst am realen Orchesterklang ausprobieren, was er sich am Klavier nur vorstellen durfte. Korrepetitoren, die aus der Kammer nicht herauskommen, besitzen indes das uneingeschränkte Privileg, auch den brüllendsten Opernmoment jederzeit als Kammermusik begreifen zu können. Zu zweit alleine sein: So wohnt auch der heldischen Wagner-Phrase immer ein Lied inne, ein Moment des Scheuen, Reinen, Heilen. Wenn die Orchestermannschaft hinzukommt, geht die Probiererei erst richtig los. Das ewige Ringen um Dynamik, Balance, Textverständlichkeit. Bühnenorchesterproben sind für Sänger eine Schlacht.
Ellen Rissinger, die erst in den USA spielte (wo Korrepetitoren oft nur projektweise engagiert werden) und dann über Würzburg und Pforzheim an die Rheinoper Düsseldorf/Duisburg kam, wäre gern Sängerin geworden, erlernte aber den Beruf ihrer Mutter, auch die war Pianistin. Bedauert hat sie diese Entscheidung nie. Jetzt kann ihr Klavier summen, kann kräftig stützen, behutsames Geleit geben und die Melodien colla parte mitsingen, wie etliche Opern es laut Partitur verlangen. Die Farben einer Mozart-Klarinette hat sie natürlich nicht, aber sie kann sie sich denken, und mit der Zeit mag die Illusion schönste Züge annehmen: Bläst da nicht wirklich eine Oboe, streicht ein Cello, pustet ein Horn? Wenn sich pianistische Brillanz mit Kunstsinn paart, klingt mancher Klavierauszug, als sei er das Original.
Zur Komplettierung ihres Angebots bieten viele Opernhäuser Matineen mit dem Titel »Oper am Klavier« an; meist handelt es sich um Preziosen wie Barockopern, vergessene Offenbach-Operetten oder Raritäten des veristischen Fachs, von denen die Intendanten nicht glauben, dass sie in Serie gehen sollten. Dann dürfen die Korrepetitoren vor handverlesenem Publikum auftreten und im Hintergrund, die Nase dicht in den Noten, schwer erarbeitetes Zeug spielen, das danach wieder im Notenarchiv verschwindet. Die Sänger brillieren und werden von der Kritik gelobt für ihren Einsatz im Namen des Kostbaren. Und wer preist den Korrepetitor? Er spielt nur Klavier, aber durchschreitet dabei die ganze Welt. Bevor unsere Orchester wieder streiken, rufen wir den Korrepetitoren im Namen der Fans, die kaum eine Ahnung von den inneren Kammern eines Opernhauses haben, aus tiefster Seele und Überzeugung zu: Habet Dank!
- Datum 12.01.2009 - 16:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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