Ich sind viele
Alice Munro sucht die Wahrheit ihres Lebens und findet sie nicht Von Andreas Isenschmid
Mit diesem Buch hat sich Alice Munro viel Zeit gelassen. Sie musste 65 Jahre alt und eine gestandene und angesehene Autorin werden, bis sie sich – in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts – »mehr als nur beiläufig« für die Geschichte ihrer Familie, vor allem die der schottischen Vorfahren ihres Vaters, zu interessieren begann. Als aus dieser Beschäftigung Geschichten entstanden, legte sie auch die zunächst für lange Jahre beiseite. »Sie gelangten nie in die Bände mit Erzählungen, die ich in regelmässigen Abständen zusammenstellte.« Erst zu ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag hat sie die elf eng zusammenhängenden biografischen Studien zum Band The View from Castle Rock komponiert. Noch einmal zwei Jahre später liegen sie nun auch deutsch unter dem Titel Wozu wollen Sie das wissen? in Heidi Zernings gewohnt treffsicherer Übersetzung vor.
Warum dieses lange Warten? Die Erzählungen markieren eine Neuorientierung von Munros Schreiben. Bislang umkreiste sie in ihren Geschichten ihr eigenes Leben auf weiten fiktiven Bahnen. Sie griff zwar auf »persönliches Material« zurück, machte damit aber, was sie wollte. Im neuen Buch will sie sich, wie sie im Vorwort schreibt, »enger an die Wahrheit eines Lebens halten, als Belletristik es gemeinhin tut«. Ihr Schreiben sei nun »näher an dem, was eine Biografie tut – ein Leben erkunden, mein eigenes Leben«.
Das ist ein Bruch mit der Tradition ihrer Familie. In der langen Reihe ihrer presbyterianischen Vorfahren bis hin zu ihren Eltern war »jede Form von Selbstinszenierung verpönt«. »Obwohl, wenn ich jetzt darüber nachdenke, niemand dieses Wort benutzte. Sie sprachen davon, Aufmerksamkeit zu erregen. Die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken.« Mit diesem Verbot sollte im neuen Band nun Schluss sein: »Ich stellte mich selbst in den Mittelpunkt und schrieb über dieses Ich so wahrheitsgetreu, wie ich konnte.«
Das Merkwürdige ist nur, dass auf den 381 Seiten dieser Sammlung von einem Ich, das sich in wahrheitsgetreuer Schilderung selbst in den Mittelpunkt stellt, kaum die Rede sein kann. Erst kurz vor der Mitte des Buches nimmt Alice Munro sich selbst überhaupt in den Blick. Vorher erzählt sie zwar in der ersten Person, aber nicht von sich, sondern von ihren Vorfahren. Doch auch als sie sich selbst einbezieht, bleibt sie im Abseits. Statt sich zu beobachten, erzählt sie davon, wie sie früher andere beobachtete. Etwa ihre Tante, die sie von der Heirat abhalten wollte. Oder die großbürgerliche Familie, bei der sie in den Sommerferien als Hausmädchen arbeitete.
Das ist alles nicht ohne Reiz. Nicht auszudenken, wie die Überfahrt der Familie von Schottland nach Kanada im Jahr 1818 und die anschließende Rodung des Landes bei einer Autorin, die zum üppigen Ausschmücken neigt, herausgekommen wären. Munro nähert sich hier mit ihrer kunstvollen Sprödigkeit dem Historischen viel feiner als die Fabrikanten historischer Schinken. Wie schon in den früheren Büchern erzeugt ihr unterschwänglicher Stil mit kargen Worten starke emotionale Wirkungen – das Verschwinden eines Kindes auf dem Schiff hält man nur schwer aus. Später, bei der Schilderung der großbürgerlichen Arbeitgeber, gelingt ihr mit fabelhaft platzierten Kleinstsätzen eine Sozialkritik, die trifft wie ein Schlag ins Gesicht. Am wenigsten vergessen wird man den von unausgesprochenem Mitleid durchtränkten Besuch der Gießerei, in der der beruflich erfolglose Vater Nachtschichten schiebt.
Woran mag es nur liegen, dass einem dieser Band dennoch weniger Freude bereitet als die anderen der Munro? Zunächst daran, dass die Autorin den Bruch mit der Familientradition, um den es ihr ging, erzählerisch nicht vollzogen hat. Womit nicht gemeint ist, dass sie uns pikante Einzelheiten ihres Seelen- und sonstigen Lebens zu verraten hätte. Aber ein bisschen mehr der verpönten Aufmerksamkeit hätte sie ihrem Ich schon schenken dürfen. Vor allem hätte sie der in der Familie gleichfalls tradierten »Verweigerung des Bedürfnisses, das eigene Leben in Anekdoten zu verwandeln«, entschiedener zuwiderhandeln können. In ihren früheren, von den Freiheiten der Fiktion lebenden Geschichten tat sie das mit großem Glanz. Sie waren nicht autobiografisch und sagten doch (oder deshalb?) viel mehr über ihre Person.
Hier liegt über zu vielen Seiten noch immer »der presbyterianische Wettbewerb um Rechtschaffenheit«. Verblüffend oft werden die Figuren unter Tugendaspekten dargestellt, was religionsethisch befriedigender ist als ästhetisch. Und zu oft geht der Gang dieser Erzählungen den schlichten Weg geradeaus. Sie sind, um es mit einem simplen Wort zu sagen: geheimnislos. Und das ist bei einer Erzählerin, die stets eine Meisterin überraschender Verknüpfungen und offener Enden war, doch ziemlich seltsam.
Alice Munro: Wozu wollen Sie das wissen?
Elf Erzählungen; a. d. Engl. v. Heidi Zerning; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2008; 381 S., 19,90 €
Foto: Andrew Testa/eyevine/intertopics
- Datum 08.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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