Wildnis und Florenz

In seinem letzten Roman erzählt Wallace Stegner, wie zwischen vier Menschen das entsteht, was bleibt: Freundschaft. Oder Liebe? Von Piero Salabè

Heil – ein für lange Zeit in Verruf geratenes Wort, wonach man vergeblich in der Nachkriegsliteratur von Beckett bis Thomas Bernhard sucht. Neue, unbeschwertere Generationen von Schriftstellern haben es für sich wiederentdeckt. Ihr Heil ist leicht und geschichtslos.

Von einem ganz anderen, mit der Zerbrechlichkeit verwandten Heil handelt Zeit der Geborgenheit, der ursprünglich 1987 erschienene Roman des endlich hierzulande wiederentdeckten Amerikaners Wallace Stegner, der 1971 mit Angels of Repose den Pulitzer-Preis gewann und 1993 84-jährig verstarb. Sein letztes Werk, dessen Originaltitel Crossing to Safety einem Vers Robert Frosts entnommen ist, erzählt die Geschichte einer Freundschaft, die sich gegen die Sinnlosigkeit der Zeit behauptet.

Zwei junge Männer lernen sich in den dreißiger Jahren im Mittleren Westen Amerikas kennen, als im Land die große Depression wütet. Larry Lang und Sid Morgan arbeiten beide als Assistenten am Seminar für Englische Literatur der Universität von Madison. Während der hyperkultivierte, aufopferungswillige Sid, der Sprössling einer betuchten Familie von der Ostküste, auf eine akademische Karriere spekuliert, die letztlich scheitert, setzt sich der aus einfachen Verhältnissen stammende Larry, ein klassischer Naturbursche aus dem Westen, kraft seines schriftstellerischen Talents außerhalb der Universität durch.

Es ist eine Freundschaft, die auch ihre Frauen einbezieht: Larrys stille, gutmütige Lebensgefährtin Sally, eine Altphilologin, die sich mit einem bescheidenen Leben an seiner Seite zufriedengibt, und Charity, die großzügige, geistreiche Frau aus großbürgerlichem Hause, die alles unter Kontrolle hält – insbesondere ihren Mann, dessen akademische Publikationen ihr wichtiger als seine lyrischen Versuche sind. In dieser Viererbeziehung kreuzen und kompensieren sich Charaktere: Charity und Larry sind sich in ihrer Klugheit ähnlicher als ihre nachgiebigen, selbstzweiflerischen Partner, ohne die sie jedoch nicht auskämen.

Die Sternstunden dieser Freundschaft sind alltägliche, private Ereignisse: die gleichzeitige Geburt des ersten Kindes, das Warten auf eine Beförderung, die Leidenschaft für die Literatur, die gegenseitigen Einladungen. Es ist eine Freundschaft der leisen Töne, in der man um Großzügigkeit wetteifert und Tag um Tag das schweigsame »Alphabet der Dankbarkeit« erlernt.

Kein Paradies ist ohne Schlange, warnt aber Stegner. Gefühle sind mehrdeutig, das Glück kurzwährend, echte Freundschaft auf dauerndem Prüfstein. So schleicht sich in die Idylle auch die Gefahr des Bruchs, des jähen Endes ein. Während eines Ausflugs in die Wildnis an der Grenze zwischen Kanada und den USA entfacht sich ein scheinbar unversöhnlicher Streit zwischen Sid und Charity, und zum ersten Mal wird Sally von der Kinderlähmung befallen. Die Furcht, dem Partner nicht gewachsen zu sein, unerfüllte Wünsche, schwelende Konflikte, die gegenseitige Attraktion – all diese Gefahren spüren die Freunde. Subtil lässt sie Stegner in ihre Beziehung mit einfließen, sieht jedoch von aller Dramatik ab. Diese schweigsame, wohlwollende Geduld spiegelt auch das Eheleben der Paare wider: Larrys solidarische Beziehung zu seiner behinderten Frau und Sids Fähigkeit, Charity trotz ihrer dauernden Vorwürfe zu lieben. Die Essenz des Lebens, so Stegners Erkenntnis, ist das »unausgelebte Leben«, jene geteilte Zerbrechlichkeit, die im Fluss der Zeit Werte zu behaupten vermag.

Freundschaft ist ein Formungswille, die Fähigkeit, aus dem Chaos des Instinkts und der Gefühle etwas Bleibendes zu bewahren. Symbolisch steht hierfür die Italienreise der befreundeten Paare: »Was wir in den Straßen, Museen und Kirchen von Florenz suchten, hatte etwas mit Geist und Ordnung und folglich auch mit Hoffnung zu tun, mit dem Traum vom Menschen.«

Wildnis und Florenz, Natur und Zivilisation, Chaos und Form – Stegner zitiert das klassische Gegensatzpaar der amerikanischen Epik, um die eminent soziale Eigenschaft der Freundschaft hervorzuheben und sich von aller eskapistischen Naturromantik abzuheben. Es bleibt geheimnisvoll, aus welchen Ingredienzien Freundschaft besteht und ob zur Liebe, jenseits des »sexuellen Minengürtels«, eine Trennlinie verläuft. Sie offenbart sich in winzigen Episoden, in der Scham etwa, die der erfolgreiche Schriftsteller Larry für den Schwachstrompoeten Sid empfindet, der noch im Alter seine von der Frau gescholtenen poetischen Ambitionen pflegt: »Ein Buch stand umgedreht im Regal, der Rücken zeigte nach hinten. Als ich es herausnahm und richtig herum zurückstellte, sah ich, dass es ein Reimwörterbuch war. Ich stellte mir vor, dass er es hastig ins Regal geschoben hatte, als er Schritte hörte, und schämte mich für ihn.«

Wie sehr das Heil der Freundschaft im täglichen Miteinander öfter durch Schmerzen als Freuden geboren wird und wie zerbrechlich es ist, macht der Schluss des Romans deutlich, als Larry mit seiner Frau an Charitys Sterbebett eilt. Sid wird mit der Situation nicht fertig, die Frau, mit der er sich ein Leben lang zerstritt, zu verlieren. Als er auf einmal im Wald verschwindet, befürchtet Larry das Schlimmste. Doch dann erscheint er wieder »wie goldbestäubt im Mondlicht«, um der Familie und den Freunden entgegenzutreten. Der Gedanke an die anderen bietet Halt in der vom Nichts bedrohten Existenz.

In seinem letzten Roman, den Chris Hirte elegant und einfühlsam ins Deutsche übertragen hat, hinterlässt Stegner eine humane Botschaft: Wenn das Leben Chaos ist, dann bleibt dem flüchtigen Menschen eine Sicherheit – der Bund der Liebe, der in seiner freiesten Form den Namen Freundschaft trägt.

Wallace Stegner: Zeit der Geborgenheit

Roman; a. d. Engl. v. Chris Hirte; dtv Band 24661, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2008; 417 S., 14,90 €

 
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