Das soll radikal, gar utopisch sein?

Ulrich Greiner: "Sterne vom Himmel holen"

Der Artikel klingt, als sei die heutige Zeit, im Vergleich zu früher, unbarmherziger. Aber ist es nicht so, dass es, seit es den Menschen gibt, die Barmherzigkeit delegiert wurde? Zum Beispiel an die Klöster, an die Klosterschwestern, die Ehefrauen, die Mütter. Wer über Barmherzigkeit schreibt, kann die Frauen und deren Geschichte nicht einfach weglassen. Es sind die Frauen, die im Alltag in unspektakulärer Weise barmherzig sind. Weil sie in den schlecht bezahlten, sozialen Berufen arbeiten. Weil sie die Freunde der Kinder mitversorgen, die Babykleidung der Alleinerziehenden im Nachbarhaus schenken, die alten Eltern besuchen.

"Auf der einen Seite gibt es die sozialen Ingenieure und die psychotechnisch versierten Helfer […]. Auf der anderen Seite gibt es die Mehrzahl derer, die im sozialen Zusammenhang auf Abstand achten", schreibt der Autor am Ende seines Artikels, und ich frage mich, wen er mit "Mehrzahl" meint. Die Frauen sind es jedenfalls nicht, weder im Beruf noch privat.

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Anna Leipolz, München

Mitleid und Barmherzigkeit sind lediglich Emotionen. Ihnen können Taten folgen – oder auch nicht. Sind gute Werke aus Einsicht und Vernunft weniger wert? Mir ist die Rechtssicherheit einer Pflegeversicherung lieber als die Barmherzigkeit meiner Angehörigen und Nachbarn.

Was soll denn an der neutestamentarischen Forderung, den Hilfsbedürftigen zu helfen, "radikal", "provokativ", gar "utopisch" sein? Es handelt sich um nichts weiter als das wackelige Solidarsystem vergangener Zeiten. Man findet derartige Sätze in allen alten Religionen und Weisheitslehren. Die Bibel zeichnet sich allerdings in besonderem Maße durch Versprechungen und Drohungen aus: ewige Glückseligkeit oder ewige Pein. Ich halte das für keine gute Basis, um selbstlos zu handeln.

Das Christentum hatte seine große Zeit im Mittelalter, einer Epoche voller Intoleranz, Gier und Rachsucht. Die alten Legenden des Vorderen Orients, gesammelt in der sogenannten Heiligen Schrift, haben ihre Prüfung nicht bestanden.

Wolfgang Graff, Altenglan

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