"Viele Grüße vom nationalen Widerstand! Du linke Bullensau, du ärgerst uns nicht mehr! Du trampelst nicht mehr auf den Gräbern unserer Kameraden herum!" Es waren vor allem diese hasserfüllten Sätze aus der Erinnerung des Opfers, welche die Messerattacke auf den Passauer Polizeidirektor Alois Mannichl so eindeutig erscheinen ließen. Ganz offensichtlich hatte ein Rechtsextremer Mannichl zu Hause aufgesucht und niedergestochen. Aus Rache, weil der Polizist konsequent gegen die rechte Szene vorgegangen war.

Schon in den ersten Tagen nach der Tat ließen Politiker und Ermittler jede Zurückhaltung fallen. "Ich sehe ein Fanal mit überörtlicher Bedeutung", sagte der nach Passau gereiste Münchner Generalstaatsanwalt Christoph Strötz. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach im Landtag von einem "Angriff auf den Rechtsstaat" durch Rechtsextreme und forderte deshalb gemeinsam mit Ministerpräsident Horst Seehofer, erneut ein NPD-Verbotsverfahren zu prüfen. Wann, wenn nicht jetzt?

Fast vier Wochen nach der Tat erscheinen die Umstände der Messerattacke offener denn je. Offiziell sprechen die Ermittler zwar weiter von einem "offensichtlich rechtsgerichteten Hintergrund". Ermittelt werde aber, sagen Polizei und Staatsanwaltschaft, "in alle Richtungen", "im Punker- oder Rockermilieu, aber auch in der Gothic-Szene". Die Sprachregelung kommt einem Debakel gleich, gesteht sie doch ein, dass die Ermittler sich zu früh auf einen Täterkreis festgelegt haben. Kann die Tat deshalb vielleicht nie aufgeklärt werden, weil Spuren längst verwischt sind?

Erinnerungen an ähnliche Fälle werden wach: An den unaufgeklärten Brand in einem Lübecker Asylbewerberheim, bei dem 1996 zehn Menschen ums Leben kamen. Die Ermittler konzentrierten sich auf einen Hausbewohner, den sie für den Brandstifter hielten, obwohl es auch Verdachtsmomente gegen vier rechtsgerichtete Jugendliche gab.

Oder an den Fall Joseph aus dem sächsischen Sebnitz, der im Jahr 1997 angeblich von Neonazis im Freibad ertränkt worden war. Erst nach der Obduktion stellte sich heraus, dass der Sechsjährige an einem angeborenen Herzfehler beim Schwimmen gestorben war. So unterschiedlich die Fälle im Einzelnen waren – in Lübeck wurden Rechtsextreme als Täter ausgeschlossen, in Sebnitz zu Unrecht verdächtigt –, gemeinsam ist das Vorurteil. Mit fatalen Folgen: In beiden Fällen mutierten Politiker zu Kommissaren und mischten sich in Ermittlungen ein, die Staatsanwälte möglichst unvoreingenommen führen sollten.

Auch im Passauer Fall tauchten von Anfang an Ungereimtheiten auf. Warum etwa gab das Opfer keine bessere Beschreibung des Täters ab – obwohl der erfahrene Polizist dem Messerstecher zumindest für Sekunden gegenübergestanden haben muss – und sich dessen Äußerungen ja gemerkt hat?

Oder die Geschichte der Tatwaffe: Zunächst verbreitete die Soko Fürstenzell die Nachricht, der Täter habe das Messer erst am Tatort vorgefunden. Als Teil eines Brauches, nach dem Besucher sich im Advent an Haustüren ein Stück Lebkuchen abschneiden dürfen. Dann hieß es, das Messer habe auf der Gartenseite des Hauses gelegen. Ist der Täter um das Gebäude herumgegangen und nach seinem Fund spontan zum Messerstecher geworden? Schließlich erzählen Nachbarn jetzt eine weitere Version: Demnach war jedes Haus in der Nachbarschaft für einen bestimmten Adventstag geschmückt. Am 10. Dezember lud die Familie Mannichl zu Punsch und Spekulatius ein. Danach sei das Messer wohl liegen geblieben – vor der Haustür.