Liebeskolumne Soll man Eifersüchtige belügen?

Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Wie geht man mit einem eifersüchtigen Partner um?

Die Frage: Raphael und Marina sind noch nicht lange zusammen, als ihr auffällt, dass er äußerst eifersüchtig ist. Marina ist es gewohnt, viele Freunde zu haben, auch Männer. Raphael wittert in jedem Bekannten einen Nebenbuhler und ist um keinen ätzenden Kommentar verlegen. Als sie ihm sagt, dass sie dieses Verhalten sehr stört, erklärt er ihr, warum er ein Vertrauensproblem hat. Vor wenigen Jahren musste er entdecken, dass seine damalige Freundin eine Affäre mit seinem besten Freund hatte. Marina hat Verständnis. Aber sie möchte nicht aus Rücksicht auf Raphaels Trauma ihr soziales Umfeld vernachlässigen. Sie gesteht einer Freundin, dass sie sich mit Notlügen helfe, wenn sie sich mit Freunden treffe. "Aber wenn er dahinterkommt, fühlt er sich doch nur bestärkt, dass du nicht vertrauenswürdig bist", sagt die Freundin.

Wolfgang Schmidbauer antwortet:Ich glaube nicht, dass Raphaels Eifersucht durch diese Traumatisierung entstanden ist, sie war sicher schon vorher da. Und wenn Marina ihren Partner liebt und ihn nicht in seinen Ansprüchen bestärken will, darf sie ihm dieses Verhalten nicht durchgehen lassen. Jede Beziehung wird gefährdet, wenn sich die Partner einschränken und nicht fördern. Und da kein Mensch dem anderen alle Kontaktmöglichkeiten ersetzen kann, ist es gut für die Liebe, wenn beide in Freundeskreisen wurzeln. So begibt sich Marina in eine gefährliche Lage, wenn sie versucht, sich mütterlich auf Raphaels Seelenlage einzustellen. Sie verleitet ihn nur dazu, in seiner kindlichen Haltung zu verharren. Dass man von Menschen enttäuscht wird, gehört zum Leben. Wer daraus einen Kaperbrief für Beziehungen ableitet, ist auf dem falschen Weg.

Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten, von ihm erschien u.a. "Das Mobbing in der Liebe", Gütersloher Verlagshaus

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine E-Mail an liebeskolumne@zeit.de .

Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt er im Interview mit ZEIT ONLINE.

 
Leser-Kommentare
  1. und sich auch noch niemand zu diesem Artikel meinte äußern zu wollen, möchte ich Herrn Schmidbauer mit dreimonatiger Verspätung loben: Hervorragender Artikel. Dankeschön.

    In der Theorie sind Theorie und Praxis immer dasselbe, in der Praxis sind sie es nie!

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  • Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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  • Schlagworte Wolfgang Schmidbauer | Familie und Partnerschaft | Mobbing
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