Martenstein Ein trauriges Tier

Unser Kolumnist kauft sich ein Auto und kriegt den Blues

Frauen kriegen, wie ich gelesen habe, nach der Geburt eines Kindes häufig die postnatale Depression. Sie denken: "Da ist jetzt dieses Kind – und wie weiter? Wozu das alles?" Verbreitet ist offenbar auch das Phänomen der postkoitalen Depression. Hinterher ist man ganz traurig, ein animal triste, man sagt sich: "Na gut. Aber wo ist bei alldem der Sinn?" Mir persönlich ist noch ein anderes depressives Phänomen bekannt. Wenn ich etwas Größeres eingekauft habe, bekomme ich die Post-Einkaufs-Depression.

Der letzte größere Einkauf ist ein Auto gewesen. Ich brauchte das Auto. Ohne Auto ist es schwierig, einem Beruf in der Medienbranche nachzugehen. Ach Quatsch! Man könnte auch ohne Auto in der Medienbranche arbeiten. Ich wollte einfach ein Auto haben, so war das nämlich wirklich. Trotzdem war ich nach dem Autokauf übellaunig, knarzig, wortkarg. Ich hatte das Lachen verlernt.

Ich habe mit düsterem Gesicht und zusammengekniffenen Augenbrauen im neuen Auto gesessen. Ich dachte, dass ich viel Geld ausgegeben und eine Entscheidung getroffen habe. Das Geld ist weg, das ist ziemlich sicher. Ob meine Entscheidung richtig war, weiß ich dagegen erst in einigen Monaten, wenn ich das Auto mit seinen Stärken und Schwächen genau kenne, falls es nicht vorher schon auseinandergefallen ist. Ich habe dieses spezielle Auto gekauft, ich kann nun kein anderes nehmen, jahrelang. Der Gedanke, dass ich eine folgenschwere falsche Entscheidung getroffen haben könnte, hat mich fertiggemacht.

Wollte ich überhaupt ein Auto haben, ich meine, wirklich? Warum habe ich das Geld nicht in meine Altersversorgung investiert? Ich werde alt sein und kein Geld für Sushi haben, und zwar wegen dieses Autos. Im Moment des Kaufes hat mir das Auto gefallen. Aber wie werde ich das Auto in zwei, drei Monaten beurteilen?

Dann stelle ich vielleicht fest, dass ich am Tage des Autokaufes in einer mentalen Ausnahmesituation gewesen bin. Vielleicht hat mich auch der Autoverkäufer manipuliert, naturgemäß merkt man es nicht, wenn man manipuliert wird. Deshalb habe ich andere Menschen nach ihrer Meinung gefragt. "Wie findest du mein neues Auto? Ist es schön? Sag, dass es schön ist!"

Die anderen Menschen dachten, dass ich angeben will. Ich wollte aber nicht angeben, ich wollte Trost. Aber den meisten Menschen ist es vollkommen egal, ob mein neues Auto schön ist. Das spüre ich doch. Der Mensch ist einsam, er ist, ich glaube, das hat Camus gesagt, ein Geworfener. Wenn ich eingekauft habe, denke ich existenzialistisch. Und wenn ich nur das Allernötigste ausgebe? Wenn ich alles spare? Ich sterbe vielleicht, bevor ich alt bin. Dann will ich mir doch wenigstens etwas gegönnt haben, ich will doch wenigstens ein Auto gehabt haben in diesem Hundeleben, als Geworfener. Es kann aber auch etwas Unvorhersehbares passieren, noch heute.

Ich brauche plötzlich Geld, aber da ist nun statt des Geldes dieses Auto, von dem ich nicht einmal weiß, ob es mir wirklich gefällt. Das Auto hat eine schlechte Sicht nach hinten. Einparken ist mühsam. Nun werde ich also jahrelang Mühe beim Einparken haben, und dafür habe ich auch noch Geld ausgegeben, zu viel vermutlich, denn diese Autos gibt es anderswo bestimmt billiger. Geld, das ich bald dringend brauchen und dann nicht haben werde, aber gehabt haben werden könnte oder so ähnlich, wenn nur das verfluchte Auto nicht wäre, dieses Auto, das meine finanzielle Zukunftsperspektive zerstört, meine innere Sicherheit bedroht und für das ich, weil es so hässlich ist, auch noch heimlich von allen verachtet werde. Ich könnte heulen, echt. Animal triste sum.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. seit "germknödelwochen - aufi zum loisl" quält sich martenstein durch seine kolumnen; man wartet immer, kommt vielleicht doch noch was, es kommt aber schon lange nix mehr. und jetzt auch noch der falsche fehler "zukunftsperspektive"! die alte ruine, die weibliche frau, der weiße schimmel. hat martenstein etwa nur mehr "vergangenheitsperspektive"?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...wer tautologt gelegentlich nicht auch gerne?...

    Ihre Kritik an einem der besten deutschen Kolumnisten ist doch wohl eher Korinten...ei

    ...wer tautologt gelegentlich nicht auch gerne?...

    Ihre Kritik an einem der besten deutschen Kolumnisten ist doch wohl eher Korinten...ei

    • Colon
    • 09.01.2009 um 17:23 Uhr

    Postmoderne Schmerzszenarien,
    oder, warum die globalisierte Tristesse danach aus dem Bürger keinen Citoyen, sondern bestenfalls einen Citroën-Kleinwagenkäufer macht:

    Die Sinnkrise beim Kaufen von Sachen, "Wertgegenständen" und menschlichen Dienstleistungen führte bei unserem derzeit sprachlich elegantesten Kolumnisten zu einer, nun schon länger anhaltenden, mild-depressiven Verstimmung.

    So, als gäbe es nicht nur eine "Zornsparkasse", wie es uns Deutschlands Kreuzbube unter den Couchphilosophen nahelegt, sondern auch eine ewige und gehörig humorvoll ausgestaltete Bank für Niedergeschlagenheit. - Mir persönlich gefiele das Wort "Ironie" an dieser Stelle besser, weil es noch etwas mehr jenes bittersüßen Schmerzes und jene Einsicht in das Wissen um Vergeblichkeiten transportierte und das ein durchaus tragfähiges literarisches Geschäftsmodell lieferte.
    Dazu bewegt sich unser Autor mit seinem Auto vorwiegend in Räumen, die ein alter Obermeister der Ironie, Theodor Fontane, auch schon, allerdings mit Droschke und Kutsche, befuhr.

    In Wahrheit handeln ja Kolumnen nicht von den Schicksalen der Schreiber derselben, sondern von dem der lesenden Leser. Sonst wäre das Lesen einer Kolumne so frustrierend, wie der Kauf eines fahrbaren Untersatzes mit kleiner Heckscheibe oder überdimensionierter C-Säule. So enttäuschend, wie die freiwillig mitgekaufte Garantie ewigen Rückenschmerzes, bei der wiederholten Wahl des Fahrzeugs mit den falschen Sitzen.
    Dies gilt besonders dann, wenn am Steuer nicht geschlafen, sondern auch angestrengt nachgedacht werden soll, was den demnächst die kleine Zeilensäule füllen könnte. Wenn also der Autositz über die Jahre zum Nachdenklichkeitssessel und Bruder des Schreibtischstuhles mutierte.

    Wir Bürger wissen viel, und trauen uns doch selbst nicht mehr über den Weg. Daher sind wir traurig und überlassen den Händlern die Initiative, oder eben den Verkäufern noch grösserer Sachen, bis hin zu ausgepreister Geistesnahrung, ob heilig oder heidnisch. - Selten allerdings, stellt sich "Sinn" aus dem schweifenden Blick über das Wochenmarktgemüse ein und niemals, davon bin ich jedenfalls fest überzeugt, an den Pröbchenständen im KDW zu Berlin.

    Warum schaufelten sie, die Händler meines Vertrauens, mein Geld in Derivate? Warum fallen in der Schule meiner Kinder die Putzbröckel von der Decke und trotzdem baut meine Stadt lieber neue Museen und Parkhäuser im Leaving Las Vegas-Stil? Warum funktioniert mein tragbares Telefon, mein Computer, selbst die Fuzzy-Logik meiner Waschmaschine nur mit Coltan, das für einen Euro Tageslohn je Arbeiter, zur Bereicherung von Warlords, Zwischenhändlern und den üblichen sonstigen Profiteuren aus dem kongolesischen Boden geholt wird?

    Warum fallen mir solche Sachverhalte erst in der Krise, vielleicht erstmals überhaupt, auf? Vorher habe ich mich doch für Wertschöpfungsketten, jenseits meines eigenen Verbesserung, nicht die Bohne interessiert!

    Warum garantieren Angela Merkel und Peer Steinbrück Spielern einen praktisch unbeschränkten Kredit, während auf meinen Sicherheiten überall ein Kukuk klebt oder zumindest diese Chance der Gläubiger eine Grundvoraussetzung für die Vergabe von Kredit, Vertrauen, Hilfe geworden ist?

    Warum will ein Land partout weiter von der großen Koalition der Konservativen und Liberalen regiert werden, die noch vor Monaten und Jahren die blankpolierten wirtschaftlichen Stellschrauben als Antidepressiva und ewige Glückspillen verkauften, die nun nicht mehr wirken und uns, kommerziell zur Vorruhe gekommen, seltsam beschauliche und linde Trauer einbrockte?

    Das ist die Misere des Bürgertums. Wir hoffen immer noch auf die Wirkung von Murti-Bing, um leistungslos reich, gedankenlos glücklich und isoliert unmenschlich sein und bleiben zu können. Auf Dauer wird dann aus der eingetretenen Verstimmung eine gesellschaftliche Krankheit.

    Der Existenzialist Camus hätte gesagt, schrieb es nieder und lebte danach, wir wären in unserer Geworfenheit frei zum Engagement, dürften dann auch einigermaßen glücklich Steine wälzen und sogar zufällig und tragisch durch das Auto sterben. Helfende Hände sind eben nicht gleichzusetzen mit der unsichtbaren Hand des Marktes, sondern, wenn dauerhaft gereicht, praktische Realität.

    Anregungen:

    Zur bürgerlichen Ironie in der Krise,
    Theodor Fontanes Roman um Frau Kommerzienrätin Jenny Treibel

    Zum Engagement, leider nicht in der nächsten Buchhandlung, sondern nur noch antiquarisch, Josef Stallmach, "Das Ethos der Freiheit zum Engagement", ein Kapitel aus "Suche nach dem Einen", Bonn 1982

    Zur helfenden Hand:
    "Put a little love in your heart", von Jackie De Shannon, Jimmy Holiday, Randy Myers, am 21. Juli 1971 von Ella Fitzgerald im "Gemüsetheater" zu Nizza, oder doch nur vor hoffnungsvoll grünen Wandteppichen, gesungen.

  2. finde es gut das sie da nur an sich selbst bei denken ;)

  3. ...wer tautologt gelegentlich nicht auch gerne?...

  4. Ihre Kritik an einem der besten deutschen Kolumnisten ist doch wohl eher Korinten...ei

  5. Herr Martenstein befindet sich wieder in allerhöchster Bestform!

    Ganz viele Grüße aus Schleswig-Holstein

    • Colon
    • 11.01.2009 um 19:47 Uhr

    Liebe Koboldine,

    Wie "tautolog" (Volker Steinkuhle) und relativ so manche Wertungen, ja, sogar die Selbstbezichtigungen ausfallen können, lesen Sie bitte einmal bei dem geschätzten Martenstein nach.

    Geradezu paradigmatisch können Sie da, unter der Überschrift "Hat etwas gegen Teamwork", nachlesen, was in Zeiten der Vorkrise, im August 2007, auf der Seite 6 der ZEIT noch en vogue war, nun aber, so vermute ich, nicht mehr verkauft werden könnte, sondern nur noch aufgewärmt daher kommt.

    Martenstein hält "Teamwork" für einen "Mythos des 21.Jh.", ja sogar im Reiche der physikalischen Wissenschaften baut er lieber weiterhin auf Ein-Stein-Türme und sonstige kreative Monaden, als der Wahrheit ins Auge zu schauen, dass selbst Schachweltmeister, Zyklotronbetreiber, Monderoberer und Schriftsteller auf Teams, manches Mal auf ganz zufällige und spontane, angewiesen sind.- "Oh, heiliger Newton", würde ich gerne ausrufen und betonen, wie viele Entdeckungen dem Zwang und der humanen Neigung zum "Teamwork" geschuldet sind. Denn sonst würden sich nicht nachher so häufig Benachteiligte und ungenannt Gebliebene beschweren, wie es von der Kernspaltung bis zum HIV-Virus, von der Konstruktion des ersten Kernreaktors, mit geflüchteten Leihphysikern aus ganz Europa, bis zum "Human Genome Project" der Fall war und ist.

    Ohne Maxwell und Planck, ohne seine mathematisch begabtere erste Frau, ohne die Chance zur Korrespondenz und zum Austausch mit anderen Elementar- und theoretischen Physikern, hätte es Einsteins spezielle Relativitätstheorie nie bis zur herrschenden Lehrmeinung gebracht. Ohne die Chancen zur relativ unsystematischen Weiterarbeit mit den Kollegen im Berliner Kaiser-Wilhelm- Institut wäre die allgemeine Relativitätstheorie nie so von ihm formuliert worden und der schlagende Beweis für die Lichtkrümmung wurde von Astronomen trickreich und im Team erbracht.

    Ganz unsystematisch schreibt sich die Geschichte der Pharmaka gegen so üble Leiden wie Depressionen und Schizophrenien, deren Entdeckung größtenteils einer weitschweifigen wissenschaftlichen Suchbewegung nach Zufallsfunden zu verdanken ist. Die Tastbewegungen werden mittlerweile von großen Wissenschaftsteams angestellt.

    Hannah Arendt, von Martenstein sehr ungenau als Zeugin angeführt, verwendete ja den Begriff "workmanship" im alten Sinne und da bedeutet Teamwork in der zunehmenden Arbeitsteilung, sie dachte an die Fabriken der Taylor-Ära , an den Wechsel von "work" (Aufgabe, Zweck an sich, Hingabe) zu "labo(u)r" (Broterwerb), tatsächlich eine prinzipielle Abkehr vom "workmanship" (Sachen für Zwecke, statt Konsumgüter zum Verbrauch)(Arendt, The Human Condition, p.161). Sie dachte an die industrielle Revolution und das allgemeine Erlebnis der Entfremdung am Fließband und nicht, ob sich das jedem Penäler bekannte Schulbeispiel, "teamwork" ist, wenn Viele von dem Einen abschreiben, sich auch im Leben, was an sich schon ungewöhnlich ist, wiederfindet. Martenstein sparte sich den Halbsatz nach dem Komma, was kreativ ist, aber in diesem Falle auf den Holzweg führt.

    Was bleibt: Schon damals bestand wohl eine gewisse, auf die Dauer zu moroser Verstimmheit führende, und nur noch durch feine Ironie gemilderte depressive Verstimmung, die sich nun sogar beim Autokauf auswirkte.

    So sind wir , die wir Martensteins "Leiden" ja teilen, weil uns nun Gewissensbisse allzu sehr plagen, wir es aber nicht zugeben wollen, so schön unlogisch und unwissend kollektiv verstimmt, angesichts eines noch kaum vollendeten, zweiten Jahrzehnts der voluntaristischen Theoretiker von der erwünschten, weil angeblich für Kreativität und Freiheit so nötigen Vereinzelung. Dabei sollten wir uns doch die Hände zur Gemeinschaft reichen und deren verändernde Kraft wieder entdecken. Sonst gehört am Ende der Krise die ganze Welt noch weniger Leuten an der Spitze der Gesellschaftpyramide.

    Kulturell könnten wir von schillernden Schaubühnen lernen. Als Kolumnisten des Lebens, vom Alter und der Weisheit des Genres. Sprachlich müssen wir lernen, aus Katzengold etwas zu machen oder aber auch einmal Blutstein und Bernstein schöner zu finden als den Brillianten am Ringfinger.

    Grüße

    Christoph Leusch

    • hagego
    • 11.01.2009 um 19:59 Uhr

    #7

    Sehr schön be- und geschrieben, Colon!

    Vor allem sollten wir mit dem beringten Finger nicht so oft in die Richtung der Anderen zeigen. Sondern dieses Zeige-Glied mal in einer kontemplativen Phase in die eigene Nase stecken.

    Vielleicht werden wir dort eher fündig...

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