Nahost-Konflikt Ein Hass, größer als aller SchmerzEine junge Palästinenserin tötet bei ihrem Selbstmordattentat eine junge Israelin. Jahre später verabreden sich ihre Mütter zum Gespräch
Eine junge Palästinenserin tötet bei ihrem Selbstmordattentat eine junge Israelin. Jahre später verabreden sich die Mütter zum Gespräch
Was hatten sie sich nur von dieser Konfrontation versprochen? Antworten? Anteilnahme? Frieden gar? Beide hatten eine Tochter verloren. Die eine war zufällig da gewesen, als die andere sich in die Luft sprengte. Nun saßen ihre Mütter, taub vor Schmerz beide, vor je einer Kamera, und jede suchte im Gesicht der anderen – ja was?
»Ich habe lange auf dieses Gespräch gewartet«, sagte Avigail Levy schließlich in das Bildtelefon. »Ich bin sehr aufgeregt. Dies ist eine Sache zwischen uns beiden, zwischen zwei Müttern. Ich will, dass du mir zuhörst!« – »Ich verstehe dich«, erwiderte Um Ayat, und für einen kurzen Moment lächelte sie unsicher. »Du bist eine Mutter und ich auch«, fuhr sie fort. »Wir beide haben einen Verlust erlitten. Aber du lebst nicht unter Besatzung. Du bist der Besatzer.«
Avigail Levy hatte viel über diese andere Frau nachgedacht, und sie hatte wenig geschlafen in der Nacht zuvor. Lange hatte sie nach den richtigen Worten gesucht. Und wie oft hat sie in all den Jahren das Foto mit dem Gesicht von Um Ayats Tochter betrachtet, das sie sorgfältig aufbewahrt hatte.
An dem Tag, der das Leben der beiden Mütter für immer verbinden sollte, hatte sich Um Ayats Tochter auf den Weg von Bethlehem nach Jerusalem gemacht, in ihrer Handtasche zehn Kilo Sprengstoff, gespickt mit Nägeln und Schrauben. Zur gleichen Zeit brach in Jerusalem Avigails Tochter zum Supermarkt auf, um noch ein paar Zutaten für das Abendessen zu kaufen. Als beide gemeinsam die Eingangstür erreichten, rief ein Wachmann: »Wartet!«
Sekundenbruchteile später erschütterte eine Explosion den Supermarkt. Als der Rauch sich verzog, waren beide Mädchen und der Wachmann tot. Sieben Stunden dauerte es, bis geklärt war, welcher Körperteil zu wem gehörte.
George W. Bush äußerte in den Nachrichten seine Betroffenheit, am nächsten Tag drängten mehrere Hundert Menschen zur Beerdigung von Rachel Levy, dem 456. israelischen Opfer der zweiten Intifada. Zehn Kilometer entfernt wurde ein leerer Sarg in einem Triumphzug durch die Gassen des Flüchtlingslagers Deheische getragen, geschmückt mit der palästinensischen Flagge und dem Foto der 17-jährigen Ayat Al-Akhras.
Es ist ein kalter Januartag in Jerusalem, sechs Jahre später, als Avigail Levy zum Supermarkt Supersol fährt. »Ich spüre sie hier«, sagt sie. Es ist wie ein Sog. Vor drei Jahren ist sie in die Nähe gezogen. Am Eingang hängt eine schlichte Gedenktafel: Rachel Levy – 29.3.2002.
Rachel hätte in diesem Jahr ihre Schule beendet, sagt Avigail, sie freute sich auf ihren Armeedienst. »Mama, mir passiert nichts«, habe Rachel immer gesagt. Wenn das Radio einen Anschlag meldete, drehte sie den Ton ab. Designerin wollte sie vielleicht werden, und kurz vor dem Attentat stellte sie in der Schule Fotos aus, Wasseraufnahmen. Avigail redet langsam über Rachel, leise, als würde das den Schmerz dämpfen. Sie ist eine kräftige Frau mit langen dunklen Haaren und bestimmtem Auftreten. Die Sicherheitsleute am Eingang begrüßen sie wie eine alte Bekannte.
Avigail lächelt. Rachels Berühmtheit ist ihr ein Trost. Immer wieder hat sie mit Reportern geredet, saß sie in Talkshows. Sie sprach vor dem israelischen Parlament, dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. »Wir werden dich nie vergessen«, hatte sie in Rachels Grabstein gravieren lassen.
Avigail erinnert sich, wie es war, als sie die andere zum ersten Mal sah. Sie selbst hatte sich nach dem Attentat in ihrer Wohnung eingeschlossen, brüllend vor Ohnmacht, als plötzlich diese Frau im Fernsehen erschien. Festlich gekleidet, verteilte sie in ihrem Trauerzelt Bonbons. Ein halbes Jahr später tat Avigail etwas Unerhörtes – alle Freunde hatten versucht, es ihr auszureden. Sie wählte die Nummer des Parents Forum, einer Organisation für die Eltern von Intifada-Opfern. »Hier ist Avigail Levy«, sagte sie. »Ich möchte die Mutter der Mörderin meiner Tochter kennenlernen.«
- Datum 09.01.2009 - 10:07 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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