Nahost-Konflikt Ein Hass, größer als aller SchmerzEine junge Palästinenserin tötet bei ihrem Selbstmordattentat eine junge Israelin. Jahre später verabreden sich ihre Mütter zum GesprächSeite 6/6

Es war ein Versuch, das Unmögliche zu tun, die Trauer zu teilen, aber im Film sieht man, wie sie daran scheitern, die jeweils andere zu verstehen. Fast vier Stunden sollte ihr Gespräch dauern, keine von ihnen wollte es beenden. Schließlich versagte die Technik.

»Wie geht es ihr?«, erkundigt sich Um Ayat zwei Jahre später in ihrem Wohnzimmer. »Weint sie viel?« Seit damals haben sie nichts voneinander gehört. Um Ayat sagt, sie habe nicht erwartet, dass Avigail so fanatisch sei. Diese Frau wirke traurig, aber sie sei auch so selbstgewiss. Sie habe nichts verstanden.

Ob sie sich irgendwann bei Avigail Levy entschuldigen möchte?
»Sie ist ein Opfer wie ich«, sagt Um Ayat, und es sind fast dieselben Worte, die Avigail wählen würde. Dann macht Um Ayat eine Pause und flieht in die Politik. »Sie hätte mit ihren Kindern nicht herkommen sollen nach Jerusalem. Es ist nicht ihr Land.«

Um Ayats Augen sind von Schatten umrandet. Aber ihr Lächeln hat fast etwas Jugendliches. 25 Enkel hat sie, die drei jüngsten heißen Ayat. Wie ein dämpfendes Polster hat sie einen Sinn um Ayats Tod konstruiert: Ayat ist im Kampf für die palästinensische Sache gefallen. Wenn die Zweifel drängender werden, betet sie. »Es war nicht leicht«, sagt sie. Israelische Zeitungen schrieben, Ayats Eltern hätten sie in den Tod geschickt, damit sie ihnen Ruhm und Reichtum bringe, Ayat sei schwanger gewesen, Ayat sei feige.

Seit Ayats Tod macht Mohammeds Herz Probleme. Die israelische Baufirma hat ihn entlassen. Ihre Tochter Senat musste ihr Jurastudium abbrechen, ihre Söhne dürfen die Palästinensergebiete nicht mehr verlassen. Oft haben die israelischen Soldaten ihnen mit der Sprengung ihres Hauses gedroht. Zuletzt trieben sie die Familie mitten in der Nacht auf die Straße. »Wer sich bewegt, wird erschossen!«, brüllten sie. »Der Hass pflanzt sich fort«, sagt Um Ayat, streift den Gebetsschleier über und geht nach nebenan.

Es war alles umsonst, sagt Avigail Levy. Nicht eine einzige Antwort hat sie gefunden. Sie wollte von Mutter zu Mutter reden, aber Um Ayat sah in ihr nur Israel. Avigail schüttelt den Kopf. »Sie war eiskalt.«

Avigail ist unendlich müde. Sie meidet heute die Palästinenser und zwingt sich, nach vorn zu schauen. Sie sagt, sie wolle Rachel nun ruhen lassen, endlich weiterleben für ihre anderen Kinder. Vor einer Weile hat sie von Rachel geträumt. »Ich weiß doch, dass du mich nie vergessen wirst«, hat sie gesagt, »geh schlafen, Mama, ich bin okay.« Seitdem hat Avigail das Amulett mit Rachels Bild, das sie jede Sekunde um den Hals trug, sorgfältig in einer Schublade verstaut. Vor sechs Monaten hat sie ihre Therapie abgeschlossen.

»Wir machen Fortschritte«, sagt Avigail. Im Sommer will ihr ältester Sohn Guy heiraten. Er hat ihr Enkelkinder versprochen. Und vor ein paar Wochen war Kobis Bar-Mizwa-Feier. Nur einmal hat sie Rachel in ihrer Ansprache kurz erwähnt.

Als Avigail am nächsten Tag ihre Angehörigengruppe von Intifada-Opfern besucht, haben sie ein neues Mitglied. Ein Israeli, der seine schwangere Frau und seine drei Kinder verloren hat. Ein Palästinenser hat ihren Wagen im Gaza-Streifen angehalten, dann hat er sie erschossen, einfach so.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service