Skurrile WissenschaftDer Felix Krull der Mathematik

Über Jahre hinweg hat ein dubioser Wissenschaftler die Fachwelt mit gelehrt klingendem Unsinn genarrt. Nun sind Gutachter, Verlage und Kollegen blamiert von 

Hinweis: Dieser Text ist ist eine korrigierte Version des Artikels, der in der ZEIT Nr. 3/2009 erschien und in einigen Punkten sachlich falsch war.

Mohamed El Naschie ist ein produktiver Kopf, ein erstaunlich produktiver: Mehr als 300 Artikel hat er in den vergangenen 15 Jahren veröffentlicht, vor allem über theoretische Physik. Und das, obwohl er kein Physiker ist, sondern nur ein Ingenieursdiplom und einen Doktor der Philosophie besitzt. Fast alle diese Artikel erschienen in der Zeitschrift Chaos, Solitons and Fractals im renommierten Elsevier-Verlag. Herausgeber: Mohamed El Naschie. Allein in der aktuellen Ausgabe des Journals druckt er fünf Artikel aus eigener Feder.

Der amerikanische Physiker John Baez, der es sich zum Hobby gemacht hat, wissenschaftliche Scharlatane zu entlarven, hat sich einige dieser Arbeiten angesehen und kommt zu dem vernichtenden Urteil: "Undisziplinierte Numerologie, gespickt mit eindrucksvollen Modewörtern". Zu Deutsch: völliger Schwachsinn. Genüsslich nimmt Baez in seinem Internetblog einen Artikel auseinander, in dem El Naschie durch allerlei Zahlenakrobatik einen Zusammenhang herstellt zwischen den 17 Symmetrien, die sich in den Mosaiken der spanischen Alhambra finden, und einem Näherungswert der physikalischen Feinstrukturkonstante.

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Diese Art spekulativer Physik und El Naschies eigenwillige Art, seine Zeitschrift zu führen, sind nun offenbar auch dem Elsevier-Verlag aufgestoßen. Man habe "einige Diskrepanzen in den herausgeberischen Praktiken" entdeckt; El Naschie lege mit der ersten Ausgabe des Jahres 2009 sein Amt nieder. Damit könnte man die Geschichte um den fleißigen Selbst-Publizierer zu den Akten legen - würde sie nicht ein bezeichnendes Licht auf den Wissenschaftsbetrieb werfen. Denn offenbar blieb El Naschies merkwürdiges Gebaren sowohl den zuständigen Fachgutachtern als auch dem Elsevier-Verlag jahrelang verborgen. Wie konnte das geschehen? Und was sagt das über jene Institutionen, die sich selbst gern als die Hüter wissenschaftlicher Qualität darstellen?

Manche halten ihn für einen "der Größten seit Newton und Einstein"

Fragt man Physiker und Mathematiker, die auf dem Gebiet der Chaostheorie arbeiten, dann reagieren sie nur mit fassungslosem Kopfschütteln. Heinz-Otto Peitgen etwa, der in den achtziger Jahren die fraktale Mathematik populär gemacht hat und selbst im redaktionellen Beirat von Chaos, Solitons and Fractals sitzt, entschuldigt sich zunächst, er habe die Zeitschrift in den letzten Jahren nicht mehr verfolgt. Wenn er aber die aktuellen Arbeiten lese, stünden ihm "die Haare zu Berge". Ein weiterer Mathematiker, der namentlich nicht genannt werden will, bezeichnet El Naschies Theorien vom unendlich-dimensionalen Universum als "Witz". Und Bruno Eckhardt, Chaosphysiker der Universität Marburg, ein ehemaliger Berater von Chaos, Solitons and Fractals, staunt nur noch über El Naschies Talent zur Selbstdarstellung: "Wie der sich in der Wissenschaft umtreibt, ist faszinierend!" Tatsächlich hat es Mohamed El Naschie geschafft, eine ganze Reihe einflussreicher Persönlichkeiten für sich einzunehmen. So sagt zum Beispiel Peter Weibel, Leiter des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM): "El Naschie ist in der Community sehr angesehen." Außerdem glaubt Weibel, dass El Naschie "immer wieder im Gespräch als möglicher Nobelpreiskandidat" sei. Zu El Naschies 60. Geburtstag richtete Weibel gar 2005 in Karlsruhe ein Symposium aus, die Festschrift dazu erschien im angesehenen akademischen Springer-Verlag.

Auch auf vielen arabischsprachigen Webseiten ist die Rede davon, der Gelehrte sei schon mehrmals für den Nobelpreis nominiert worden (dabei gibt es, anders als beim Oscar, überhaupt keine solchen Nominierungen). Selbst in China beging man den 60. Geburtstag El Naschies gebührend mit einem Symposium: "Auf den Fußspuren von El Naschie kommen wir in Shanghai zusammen, um einen der größten Wissenschaftler seit Newton und Einstein zu feiern", schrieb Ji-Juan He von der Donghua University in Shanghai. He ist ein Mitherausgeber von Chaos, Solitons and Fractals.

Wer verbirgt sich hinter dieser schillernden Figur? Wer ist dieser El Naschie? Der gebürtige Ägypter wuchs in Deutschland auf, machte in Hannover sein Ingenieursdiplom und promovierte am Londoner University College. Das ist der letzte universitäre Grad, den man nachvollziehen kann. Später schmückte er sich mit einem Titel der Universität Cambridge und zog sich deren Zorn zu. Auf seiner Website bezeichnet er sich als distinguished fellow des physikalischen Instituts der Universität Frankfurt am Main - tatsächlich hat er die blumige Auszeichnung vom privaten Frankfurter Förderverein für physikalische Grundlagenforschung bekommen. Bekannt ist von dem Privatgelehrten nur eine Postfachadresse in England, seine Website wird von einer Dame in Deutschland betreut, die sich als "Büro El Naschie" vorstellt und bedauert, "der Herr Professor" sei derzeit leider nicht erreichbar. Im Übrigen seien die ganzen Anschuldigungen falsch. Herr El Naschie denke nicht daran, sich von seinem Herausgeberposten zurückzuziehen; er habe eine "internationale Kanzlei" gebeten, gegen den Elsevier-Verlag eine Verleumdungsklage anzustrengen.

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  • Schlagworte Wissenschaft | Mathematik | Peter Weibel | Cern | Chaos | England
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