Beirut - Im Beiruter Stadtteil Haret Hreik, der Hochburg von Hisbollah, wird fleißig gebaut. Rohbauten wachsen hoch, wo israelische Kampfbomber im Juli 2006 Wohnungen und Büros in Schutthaufen verwandelten. Daneben heben nun Bagger neue Baugruben aus, genau am einstigen Hauptquartier der »Partei Gottes«. Davor stehen Schilder mit zwölfstöckigen Wohntürmen in der Mittelmeersonne, davor ein imaginärer Fuhrpark mit Limousinen aus süddeutscher Produktion. »Es wird besser als je zuvor« heißt der Leitspruch der Baufirma Waad. Das Hisbollah-Unternehmen heißt auf Deutsch »Versprechen«, das muss sie nun einhalten. »Eigentlich hilft die Regierung«, erzählt eine ehemalige Bewohnerin des Viertels. »Jede ausgebombte Familie bekommt Geld vom Staat.« Viele geben es dann Waad, damit die was draus bauen. Das Lob für den Wiederaufbau im Frieden kassiert am Ende Hisbollah.

Krieg, das ist hier böse Erinnerung und täglicher Medienkonsum. Aus jeder Wohnung, jedem Café dringen die Fernsehnachrichten, es gibt nur ein Thema: Bomben auf Gaza. Al-Manar, der Hisbollah-Sender und arabische Satellitenkanäle berichten rund um die Uhr über den israelischen Angriff auf Hamas. »Wie bei uns vor zwei Jahren«, sagen viele Beiruter. Die Schiiten in Haret Hreik sehen im Krieg gegen die sunnitische Hamas in Palästina eine Kopie der Angriffe auf den Libanon vor vierzig Jahren, die Hisbollah mit der Entführung israelischer Soldaten provoziert hatte. Sie wünschen Hamas, dass sie jetzt genauso unterm Bombenhagel durchhalten möge wie Hisbollah damals.

Hisbollah und Hamas – auf diese einst winzigen islamischen Milizbewegungen schaut heute die ganze Welt. Solidarität, womöglich ein Bündnis von Schiiten und Sunniten – das scheint schlecht zu passen zum Kampf der Kulturen, zum großen Gegensatz zwischen dem radikalschiitischen Iran und der streng sunnitischen Vormacht Saudi-Arabien. Was hält die Allianz von Hamas und Hisbollah zusammen, was verbindet sie mit den großen Staaten Iran und Syrien, die als Paten der Radikalen-Front gelten?

In seinem lichten, modernen Büro aus der Nachkriegsära nach 2006 in Südbeirut lädt Hussein zu einem Tee ein. Keine Flaggen an der Wand, keine Widerstandsfolklore, nur ein Computer, aufgeräumte Ablagen und ein Tisch aus mattiertem Glas. Hussein kommt aus der Hisbollah-Bewegung, er möchte seinen echten Namen aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung lesen. Die Frage, was denn Schiiten und Sunniten zusammentreibt, freut ihn geradezu. »Ja, wir sind mit Hamas in einem Bündnis.« Hamas lerne von Hisbollah. Das sei ein Beispiel dafür, dass die Region nicht von religiösen und konfessionellen Gegensätzen zerrissen werde. »Wir haben es vielmehr mit politischen Gegensätzen zu tun«, sagt Hussein – nichts Metaphysisches, sondern Konflikte zwischen Israel und seinen Gegnern, zwischen Feinden und Freunden Amerikas.

Hisbollah und Hamas sind in den achtziger Jahren entstanden. Als Widerstandsbewegungen gegen Israel, so sehen sie es selbst. Als Terrorzellen gegen erfolgreiche westliche Staaten, so sehen es Israelis und Amerikaner. Die palästinensische Hamas hatte ihr Vorbild in den Muslimbrüdern in Ägypten, die den »Islam für die Lösung aller Dinge« halten. Die libanesische Hisbollah wurde mit der fürsorglichen Hilfe des iranischen Botschafters in Damaskus aufgebaut. Im von Israel besetzten Südlibanon wuchsen die schiitischen Milizen auf im Geist der iranischen Revolution.

»Widerstand« gegen Israel erhoben Hamas und Hisbollah zum politischen Lebenszweck. Sieg – das ist für sie der Raketenhagel auf israelische Städte. Von Anfang an war die um wenige Jahre ältere Hisbollah besser aufgestellt. Suppenküchen für eine im Krieg verarmte Bevölkerung, eine in sich geschlossene Erklärung der Welt aus der islamistischen Ideenfabrik und eine schlagkräftige Miliz – das ist das Erfolgsrezept. Talal Atrissi, ein Beiruter Soziologe mit intimer Kenntnis von Hisbollah, sagt, die Partei Gottes würde ihre militärischen Fertigkeiten an Hamas weiterreichen. Kleine Gruppen würden in Syrien und im Libanon gedrillt. »Diese Hamas-Milizen gehen danach zurück nach Gaza und bilden dort andere aus«, sagt er.