Löchrige Netze

Warum die Terrorgruppe al-Qaida weniger bedrohlich ist als gemeinhin angenommen

Wer längst meint, in den letzten Jahren sei die Gefahr des Terrorismus gedankenlos zur sicherheitspolitischen Hauptherausforderung für die Staaten der Welt hochstilisiert worden, der findet Unterstützung in der Herbst-Ausgabe der Harvarder Vierteljahresschrift International Security. Unter dem Titel Assessing the Dangers of Illicit Networks (Gefahrenbewertung verbotener Netzwerke) analysieren zwei junge Wissenschaftler, Mette Eilstrup-Sangiovanni (Cambridge) und Calvert Jones (Yale), warum al-Qaida weniger bedrohlich sein könnte, als viele glauben.

Beide gestehen unumwunden, sie seien keine Terrorismus-Experten. Ihr Ansatz ist ein anderer: Sie klopfen kritisch die verbreitete Weisheit ab, die lockeren Netzwerke terroristischer Gruppen seien notwendigerweise den starren Formen staatlicher Gewaltanwendung überlegen – und kommen zum gegenteiligen Ergebnis.

Fünf Vorteile gegenüber dem Staatsapparat werden gemeinhin den lockeren Zusammenschlüssen gewaltbereiter privater Gruppen zugeschrieben: ein nicht durch hierarchische Verengungen behinderter Informationsfluss, der die rasche Berücksichtigung lokaler Umstände ermöglicht; die mit losen, auf persönlichem Vertrauen gründenden Organisationsstrukturen verbundene Gabe, andere Individuen und Gruppen einzubeziehen; eine hohe Anpassungsfähigkeit in neuen Situationen; die autonome Handlungsfähigkeit jeder einzelnen Gruppe, die ihr Überleben nicht von dem Schicksal anderer Teile des Netzwerks abhängig macht; schließlich hohe Lernfähigkeit wegen einer flachen Befehlsstruktur.

Mit diesen vermeintlichen Vorteilen jedoch, so die Autoren, sei es in Wahrheit nicht weit her; und sie belegen ihr Urteil mit Befunden aus der Praxis. Der Informationsfluss zwischen einzelnen Gruppen desselben Netzwerks werde schon durch die Notwendigkeit behindert, einander nicht zu gefährden. Fehlschläge terroristischer Aktionen sind häufig die Folge unzureichender Koordination. Der Mangel an zentraler Führung bedingt oft komplizierte, langwierige Entscheidungsprozesse, die nicht nur taktischer Beweglichkeit entgegenstehen, sondern auch die Versuchung steigern, ohne ausreichend sorgfältige Vorbereitung zuzuschlagen. Und so vorteilhaft in der Theorie die Leichtigkeit ist, mit der lose Netzwerke andere Gruppen ankoppeln und sich so ausweiten können, so sehr trägt dies umgekehrt den Keim der Zersplitterung, gar der Rivalität durch unterschiedliche Ideologien, Ziele und Strategien in sich.

Al-Qaida, so Eilstrup-Sangiovanni und Jones, sei trotz seiner Entwicklung zu einer globalen Dschihad-Bewegung mit angebundenen Gruppen und Ad-hoc-Zellen in der ganzen Welt »ein besonders geeigneter Fall, um Schwächen der Netzwerk-Struktur zu identifizieren«. Bezeichnenderweise habe al-Qaida seine erfolgreichsten Aktionen zu einem Zeitpunkt ausgeführt, als die Organisation nicht etwa lose, sondern weitgehend hierarchisch gegliedert war; der 11. September 2001 war nicht das Werk eines Netzwerks: »Viele ihrer traditionellen Stärken dürften auf einer hierarchischen Befehlsstruktur sowie zentraler Koordination beruht haben.« Inzwischen habe al-Qaida sich in eine lose Vereinigung verwandelt, die zwar radikalen Islamisten Inspiration und Rechtfertigung bieten könne, dafür aber kaum noch strategische oder taktische Unterstützung.

Mit dem Verfall zentraler Disziplin und zentraler Ausbildung seien die Sicherheitsprobleme der einzelnen Zellen gewachsen, mangelnde Professionalität habe zu fehlgeschlagenen Aktionen geführt, die Durchdringung terroristischer Netzwerke durch die Polizei sei erleichtert worden. Mit der Vertreibung aus Afghanistan habe al-Qaida seine Identität eingebüßt und sei gezwungen worden, seine ursprüngliche Struktur durch die eines lockeren Netzwerks zu ersetzen. Damit sei die Bedrohung durch diese Gruppe erheblich geschrumpft.

Dass die terroristische Bedrohung nicht verschwunden ist, weiß jeder, der morgens die Zeitung aufschlägt. Auch die Autoren stellen das nicht in Abrede. Aber sie beleuchten überzeugend, dass es sich eben nicht um eine existenzielle, den großen Bedrohungen früherer Zeiten gleichzustellende Gefährdung moderner Staaten handelt, zu der die Bush-Regierung sie aufbauschte. Gesunder Menschenverstand hat dies ohnehin stets nahegelegt. Wie schön, wenn er hier Bestätigung durch die Wissenschaft erfährt. Christoph Bertram

Aus Politischen Zeitschriften

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Afghanistan | Cambridge
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service