Großer Macher, kleines Glück
Er ist einer der wichtigsten Konzertveranstalter Europas und hat die Klassik auf die großen Bühnen geholt. Und er glaubt: Tingeltangel geht auch in der Krise gut von Anna Marohn
Peter Schwenkow?
Peter Schwenkow hat eine Lieblingszeichnung. Sie ist schnell skizziert und nicht schwer zu verstehen. Er nimmt einen edding-Stift und malt eine Wellenlinie auf ein Flipchart in seinem Büro: Das ist Britney Spears, heute Top, morgen Flop und übermorgen – na, wer weiß das schon. Dann kommt eine Diagonale dazu, sie beginnt links unten und steigt gleichmäßig an: das ist »die Anna«. Eine gerade Linie des Erfolgs, Anna Netrebko. »Eine langfristige, planbare Entwicklung, in die es sich zu investieren lohnt«, wie Schwenkow zufrieden feststellt. Der Konzertunternehmer hat mit der Operndiva schon einen Haufen Geld verdient.
Die Welt, in der Anna Netrebko nur »die Anna« ist, das ist Schwenkows Welt.
Besichtigen ließ sich der Kosmos auf der Feier zum 30. Geburtstag der DEAG Deutsche Entertainment AG in Berlin im vergangenen Juni. Die Party stieg in der Berliner Waldbühne. Sekt und Häppchen, großer Promiauflauf. Verlegerin Friede Springer gratuliert, ihr Vorstandschef Mathias Döpfner ebenso, Großgesellschafterin Isa Gräfin von Hardenberg, Präsidentenwitwe Christina Rau, der ZDF-Mann Peter Frey und Prominente aus der Welt von Film und Fernsehen. Küsschen links, Küsschen rechts.
Peter Schwenkow unterhält sich intensiv mit der befreundeten Friede, ganz so, als ob er das Blitzlichtgewitter gar nicht bemerkte. Wenig später ruft er aufgedreht zwei Reporterfreunden zu: »Seh ich aus wie 54? Ich kenn Leute, die sehen da schon ganz anders aus, ganz anders!«
Starpianist Lang Lang und Mutter geben der Runde einen weltläufigen Touch. In seiner Rede bedankt sich Schwenkow dann vor allem bei Berlin und den Berlinern, um schließlich zum Punkt zu kommen: »Ich glaube, ich habe der Stadt auch ein bisschen was zurückgegeben.«
Mit Klaus Wowereit lieferte er sich einen Zweikampf – und verlor knapp
Schwenkows Verdienst ist es, die Berliner Waldbühne wieder zu einer Freilichtbühne von Rang und Namen gemacht zu haben. Die Waldbühne hatte nach einem Konzert der Rolling Stones in den sechziger Jahren ramponiert brachgelegen.
1978 machte sich Schwenkow daran, die Anlage mit einem großen Konzert von Frank Zappa wiederzubeleben. Aber ein Dauerregen verwandelte die Waldbühne in ein Schlammloch. Das Konzert musste in die Deutschlandhalle verlegt werden. Und Platzhirsch Fritz Rau half dem Jungunternehmer Schwenkow finanziell aus der Patsche.
Er ließ sich nicht entmutigen. Und die Waldbühne brachte ihm dann doch noch Glück und Geld. Von 1981 an pachtete und vermarktete er mit seiner Agentur Concert Concept den Ort exklusiv. Vor der Kulisse von bis zu 22000 Fans spielten Musiklegenden wie Neil Diamond, Joe Cocker und REM unter seiner Zeltkonstruktion auf der Bühne.
Vergangenes Jahr entzog ihm die Stadt Berlin dann allerdings die Vermarktung der Spielstätte und gab sie an einen anderen Bewerber. Peter Schwenkow wäre nicht Peter Schwenkow, wenn er nicht genau zu wissen glaubte, warum. »Ist doch klar«, sagt er. »Wowereit hat es einfach nicht verkraftet, fast gegen mich zu verlieren.«
Es war ein Zweikampf, der Wunden schlug: Dem CDU-Mann Schwenkow hatten im Herbst 2006 im Wahlkreis 5 in Charlottenburg-Wilmersdorf 365 Stimmen gefehlt, um das Direktmandat für das Berliner Abgeordnetenhaus gegen Klaus Wowereit zu gewinnen. Schwenkow zog dann über die Liste ein. Der Wahlkampf sei fair gewesen, sagt er. Doch dann verlor er die Waldbühne. Seitdem redet er nicht mehr mit dem Regierenden Bürgermeister.
Erst wollte Schwenkow juristisch gegen die Entscheidung vorgehen, dann beruhigte er sich halbwegs. »Um Schaden von der Waldbühne abzuwenden«, habe er auf eine Klage verzichtet, sagt er. Aber es schmerzt ihn. Andererseits: Viel Geld sei mit dem Ort ohnehin nicht mehr zu verdienen gewesen.
Schwenkow hat sein Geschäft vor ein paar Jahren neu ausgerichtet und sich auf klassische Musik konzentriert. Er sorgte dafür, dass Klassikkonzerte in Deutschland zu kommerziellen Großveranstaltungen, zu Events werden konnten. »Die Anna« ist einer seiner größten Erfolge. Mit dem Opernstar füllte er die Waldbühne, Hallen und Open-Air-Plätze. Mehr Freude als der Popzirkus macht ihm der Umgang mit Künstlern der Klassik auch. »Wenn sie hier ist, geh ich mit Anna Mittag essen, abends in die Klubs, ich mache Partys für Anna, ich geh überall mit Anna hin«, sagt Schwenkow. Und fügt schnell an: »Rolando Villazón ist auch ein toller enger Freund geworden.«
Erst letzte Woche war er mit »der Jessye« in New York Mittag essen. Für die Sopranistin Jessye Norman, hat er auch schon mal eine Tour in Deutschland organisiert. Der Kontakt war über den gemeinsamen Freund André Heller zustande gekommen, nun planen die drei ein Musikereignis, einen großen Jazzabend, an dem die Diva erzählen soll von den Wurzeln ihrer Musik – und natürlich singen.
Schwenkows jüngste Entdeckung ist der zwischen Popkommerz und Klassik geigende David Garrett, er verkauft bisweilen an einem Tag 1000 Eintrittskarten für Konzerte und 8000 CDs. Nachdem Schwenkow den Deutsch-Amerikaner unter Vertrag genommen hatte, ließ er ihn zu Hause vor Journalisten beim Brunch aufspielen, um ihn schnell bekannt zu machen. »Das Gefühl, wenn so was klappt, das ist unbeschreiblich.« Dann fällt ihm doch noch eine bildhafte Umschreibung ein: »Besser als Sex.« Pause. »Na ja, also fast so gut wie Sex.«
Schwenkow hat einen Hang zu großen Worten, großen Gesten. Bei einem Rundgang in seinem Büro an der Potsdamer Straße nimmt er einen Krummsäbel aus der Vitrine, hängt ihn sich in orientalischer Manier an den Gürtel und stolziert damit auf dem roten Teppich vor seinem Schreibtisch auf und ab. Den Säbel hat er mal im Jemen gekauft. Damals lief er mit seiner Neuerwerbung auch so durch die Gassen von Sanaa. Ganz neidisch seien die älteren arabischen Männer gewesen. Es ist nämlich ein teurer alter Säbel. »Das war irgendwie cool«, sagt er.
Schwenkow ist ein Mann, der im Eingang seines Büros zwei große Porträts von sich selbst hängen hat, aber nicht mehr weiß, welcher Künstler ihm die Bilder geschenkt hat. Fürs Foto steigt er nur zu gern mit Gitarre auf seinen Schreibtisch. Und über seine Wahlheimat Berlin sagt er: Super Stadt für Hartz-IV-Empfänger, da brauche man nur einen Anzug und könne sich von einer Vernissage zur nächsten durchessen. Weiß er, was er da redet? Wenig später zeigt er dann Fotos auf seinem Handy. Bilder von Luxusurlauben am Tadsch Mahal und auf den Malediven. Und von Anna, die eine Bronzestatue küsst.
Wird man so in dieser Szene?
Eigentlich sei es das Resultat eines gigantischen Missverständnisses, dass er Konzertveranstalter geworden sei, erzählt Schwenkow. Anfang der Siebziger hatte er als Student (Werbung, Kommunikation) Karten verkauft, Plakate geklebt und war als Tourneeleiter von Hanns Dieter Hüsch über die Kleinkunstbühnen der Republik gezogen. Stundenlange Autofahrten mit anregenden Debatten. Der Altlinke und der Jungkonservative. »Da habe ich gedacht, wenn du in dem Geschäft solche Leute kennenlernst, dann willst du auch in die Branche.« Heute, 30 Jahre später, sagt er über Hüsch: »So jemanden habe ich dann nie wieder getroffen.«
»Damals begann eine Spirale, aus der bin ich nie mehr herausgekommen«
Zum Jungunternehmer wurde Schwenkow, nachdem er sich bei einem Berliner Veranstalter als freier Mitarbeiter schlecht behandelt fühlte. Sein Chef hatte ihm nach dem Umzug der Firma in größere Räume ein eigenes Büro versprochen. Doch das bekam er nicht, und Schwenkow zog aus, um es dem alten Mann zu zeigen. Vermutlich hätte er es aber auch sonst nicht lange als Angestellter ausgehalten.
Schon als Jugendlicher verdiente er Geld als Gitarrenlehrer. »Zehn Mark die Stunde gab es damals, richtig viel.« Während andere ins Schwimmbad gingen, entschied er sich für Disziplin und Arbeit. Mit 18 Jahren reichte es für den Führerschein und eine Ente. Ein Dreivierteljahr später für den Spitfire von Triumph, den autogewordenen Männertraum. Wer ein Auto hat, braucht Geld – für Benzin, für die Werkstatt und weil er mehr herumkommt. »Damals begann eine Spirale, und aus der bin ich bis heute nicht herausgekommen.«
Vor ein paar Jahren trug es ihn beinahe aus der Kurve. »Es gab die Zeit, als er dachte, er könnte fliegen«, sagt seine Frau, die Journalistin Inga Griese. Im Jahr 2000 kaufte er die Musicalfirma Stella, aber es gelang ihm nicht, sie zu sanieren. Zwei Jahre später musste die Firma Insolvenz anmelden und riss beinahe das ganze börsennotierte Mutterunternehmen DEAG mit in die Pleite.
Wenn er über diese Zeit seiner Niederlage spricht, merkt man, dass er durchaus kritische Distanz zu sich hat. »Ich sag es mal mit unserer Anna«, erzählt Schwenkow. Die andere Anna, seine 28-jährige Tochter. »Die kam eines Abends in die Küche und sagte: Du, das ist alles total anstrengend im Moment, aber es hat auch sein Gutes, du warst auf dem Weg, ein richtiges Arschloch zu werden.« Es ist diese Authentizität, die ihn auch sympathisch macht. Manchmal wirkt er wie ein arroganter Aufschneider, aber er ist zugleich der Typ Macher, dem man einiges nachsieht, weil er Charisma hat und viel bewegt.
Mit Mitte vierzig stand für Schwenkow auf einmal alles auf dem Spiel. Aufgeben kam nicht infrage: »Jeden Tag, an dem du nicht tot bist, hast du 24 Stunden Zeit, darüber nachzudenken, was du am nächsten Tag machen kannst.« Aber für Schwenkow stand fest: »Du lässt jetzt dein Lebenswerk nicht einfach pleitegehen.« Er setzte alles auf eine Karte und gab den Banken seine Häuser in Berlin und Sylt als Sicherheit für neue Kredite. Die Oldtimerkollektion wurde verkauft. Bis heute hat sich der Aktienkurs der DEAG nicht erholt, ein besserer Pennystock.
Aber ausgerechnet jetzt, da alles Krise ruft, vermeldet Schwenkow stark steigende Umsätze. »Es lief eigentlich immer irre gut in Rezessionen«, meint er. In den frühen zwanziger Jahren habe es in Berlin große Not gegeben und dennoch 40 Etablissements, wo die Menschen tranken und tanzten. »Essen, Müll und Tingeltangel gehen immer«, sagt Schwenkow. In seinem Gewerbe gehe es darum, den Menschen »das kleine Glück« zu verkaufen.
In Schwenkows Büro gibt es sein Ebenbild in Miniatur, eine geschnitzte Holzpuppe. Ein Indiz für seine Eitelkeit ist sie nicht. Die Marionette habe ihm ein Puppenspieler aus Halle an der Saale als Dankeschön für einen guten Rat geschenkt. Die Figur ist detailgetreu bis hin zum karierten Jackett und dem passenden Einstecktuch, ohne das Schwenkow nicht das Haus verlässt, weil er sich sonst nackt fühlt.
Thomas Schütte hat für Schwenkow Mitte der achtziger Jahre gearbeitet. »In der Branche gibt es zwei Arten von Leuten«, sagt er. »Die, die als großer Fan angefangen haben und später das Deckmäntelchen der Musikliebe nach außen hängen. Und die, die sehr erfolgsorientiert und professionell arbeiten, so wie Peter.« Schwenkow komme manchmal arrogant rüber. »Aber wenn es drauf ankommt, zeigt er eine menschliche Seite.« Schütte hat es erlebt. Nach der Pleite seines Arbeitgebers rettete ihn Schwenkow vor dem Jobverlust – Schütte war kurz davor, Vater zu werden. Peter Schwenkow ist eben auch der Mann, den sogar Lang Lang sehr bestimmt »einen Freund« nennt. Keinesfalls sei er nur ein Geschäftspartner.
Inga Griese schätzt an ihrem Mann »diese enorme Kreativität«, wie sie sagt. Das sei sehr inspirierend, so die Kolumnistin der Welt. Sie hat drei Kinder in die Ehe mitgebracht, er zwei. »Dass die Kinder so toll geworden sind, geht zu 90 Prozent auf ihr Konto«, sagt Schwenkow. Sie könnten viel, was er nicht so gut könne: teilen zum Beispiel, sagt er. Da ist wieder diese Ehrlichkeit, die entwaffnet.
Inga Griese hat ihren Mann schon immer so genommen, wie er war. Sie habe nie versucht, ihren Mann zum Einräumen der Spülmaschine zu bewegen. Für späte Erziehungsversuche sei ihr die eigene Lebenszeit zu schade, sagt Griese. »Aber bei den Söhnen hab ich drauf geachtet, dass sie’s können.«
Peter Schwenkow kann es vermutlich auch, er will es aber nicht. Er habe seinen fünf Kindern auch nie eine Stulle für die Schule gemacht, sagt er. »Allerdings habe ich dafür gesorgt, dass Brot da war, Käse, Wurst und einer, der schmiert.«
- Datum 08.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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