Restauranttest Siebeck isst im Osten (3)

Unser Kolumnist findet in Leipzig endlich einen Meister

Dreimal wurde ich in den zwei Tagen auf meiner Reise durch Thüringen und Sachsen von ZEIT-Lesern auf der Straße angesprochen. Und immer versicherten sie mir, dass ich recht habe: Mit der lokalen Gastronomie im Osten sei tatsächlich kein Staat zu machen.

In den Leipziger Passagen allerdings sitzen überall Leute und essen Austern, schlemmen Tapas und kosten Käse, während Weinhandlungen und Schokoladenboutiquen florieren. In Leipzig gibt es seit Kurzem sogar ein Restaurant mit zwei Michelin-Sternen, das Falco. Aber seine Öffnungszeiten (nur Abend-, kein Mittagessen; und nur fünfmal in der Woche) hinderten mich an einem Besuch dort.

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Ich aß im Stadtpfeiffer (ein Stern), einem kargen, modernen Restaurant im Gewandhaus, dem Kulturbunker der Stadt. Dort kocht Detlef Schlegel, und der weiß, worauf eine moderne Küche aufbauen muss, um als kulinarischer Gipfel die Maulwurfshügel der Region zu überragen.

Bereits nach den ersten "Grüßen aus der Küche" herrschte Einigkeit am Tisch: Hier kocht ein Meister. Was sich im Verlauf des Abends bestätigte: Alle Aromen sauber getrennt, jeder einzelne Geschmack besitzt Identität, Nuancen sind erkennbar und markieren die Siege eines Könners über die Banalität der Branche. Es geht also doch! Der Sommelier des Stadtpfeiffer hat eine kluge Weinauswahl getroffen, die Menüs kosten 88, 98 und 108 Euro.

Die Fahrt in den Nordosten unterbrach ich in Potsdam, wo all die Prominenz wohnt, der es in Berlin zu ordinär ist. Auch in der düsteren Vergangenheit zog es die Reichen und Mächtigen schon hierher. Hitler wurde in Potsdam zum letzten Mal in Frack und Zylinder gesehen. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung hat die Stadt nicht nur eine Schokoladenseite; einige DDR-Architekten haben hier schwere Sünden begangen. Eine Naturschönheit jedoch ist der riesige Eichenwald westlich der Stadt. Dort liegt das Hotel Bayrisches Haus mit hübschen Zimmern und dem Restaurant Friedrich Wilhelm. Dieses besitzt als einziges der Stadt einen Michelin-Stern, ist aber im Zeichen sozialer Arbeitszeiten am Sonntag und Montag geschlossen.

Deshalb aß ich in der Alten Försterei, die auch zum Hotel gehört. Dort bieten sie "regionale Küche", wobei "regional" bedeutet: Kaiserschmarren und Grüner Veltliner aus Österreich, die Karikatur einer Pizza Margherita aus Italien – und Blut- und Leberwurst aus Berliner Produktion zu Sauerkraut und Kartoffelpüree. Das letzte Gericht, immerhin, gibt es auch im Westen nicht besser.

Stadtpfeiffer im Neuen Gewandhaus, Augustusplatz 8, 04109 Leipzig, Tel. 0341/2178920

Restaurant Alte Försterei beim Hotel Bayrisches Haus, Im Wildpark 1, 14471 Potsdam, Tel. 0331/5505300

 
Leser-Kommentare
    • Chali
    • 08.01.2009 um 7:43 Uhr

    ... wenn Sie meinen Kommentar wieder streichen,
    einen schönen Gruss an Frau Hudson und ihren Foto-Redakteur!

  1. Lieber Herr Siebeck,
    schon lange verfolge ich Ihre Beiträge in der ZEIT und ab und zu koche ich gerne nach Ihren Vorgaben.
    Schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben, nun den deutschen Osten kulinarisch einzunorden.
    Seit vielen Jahren, eigentlich seit der Wende, bin ich beruflich in den neuen Ländern oft und regelmäßig unterwegs.
    Ich mag das Land und die Menschen dort sehr, seither fahre ich häufig an die Ostseeküste, um dort meine Ferien zu verbringen.
    Gerne nutze ich dabei die Zeit , für mich selbst die regionale Küche zu entdecken.
    Leider, wirklich leider, muss ich Ihre kritischen Anmerkungen (1-4) bestätigen.

    Ob in Dresden, Leipzig, Weimar oder entlang der wunderschönen Ostseeküche,
    ich habe die Erfahrung gemacht, die Köche tun sich dort häufig sehr schwer, etwas wirklich schmackhaftes auf den Tisch zu bringen. Oft klappt nicht mal ein gut gezapftes Bier! Und das seit Jahren!
    Nun lese ich Ihren Beitrag zu Heiligendamm und zur dortigen Kempinskiküche.
    Das Resultat wundert mich überhaupt nicht, im Gegenteil. Es bestätigt nur meine eigenen Erfahrungen.

    Aber es gibt Hoffnung!

    Besuchen Sie doch einmal Toni Münsterteicher in seiner Strandhalle im Ostseebad Binz. Ich bin sicher, er wird Sie nicht enttäuschen.
    Viele Grüße aus Bielefeld wünscht
    Reinhard Stenger.

    • Tlalli
    • 20.01.2009 um 17:27 Uhr

    Sehr geehrter Herr Siebeck,

    seit vielen Jahren lese ich Ihre Kolumne im Zeitmagazin. Mal mit einem Schmunzeln, mal mit einigem Unverständnis ob der doch des Öfteren arg süffisanten Beurteilungen. Es ist durchaus fraglich, ob der einmalige Besuch eines Restaurants zu einer fundierten Kritik ausreicht. Auch Sie, werter Herr Siebeck, sind nicht jeden Tag in Hochform. Das ist nun mal menschlich und sollte auch Köchen zugestanden werden. Ein durchgehend gleiches Niveau können Sie nur von Maschinen erwarten, die „richtig eingestellt“ sind. Und gerade beim Essen gibt es auch nicht „den“ Geschmack, der eine Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. Bei der Qualität der Produkte ist das eine andere Sache. Hier kann sehr wohl ein allgemein gültiges Urteil gefällt werden. Dieser feine Unterschied sollte nicht so einfach unter den Tisch gekehrt werden.

    Noch ein weiterer Aspekt erscheint mir in Ihrer Kolumne bedenklich:
    Ihre Kenntnisse und Kritikpunkte in Ehren, aber auch Sie sollten wissen, dass in der Gastronomie, besonders in der sogenannten ‚gehobenen‘, von „sozialen Arbeitszeiten“ zu reden – wie in Ihrem Beitrag „Endlich: Ein Meister!“ – reine Märchenerzählerei ist. Überlange Schichtarbeit, kurzfristige Umdisponierungen bei den Ruhetagen und oft Stress an der Grenze der Belastbarkeit, sind keine Ausnahme sondern eher die Regel. Ich kann Ihnen versichern, dass im Restaurant Friedrich Wilhelm weder am Sonntag noch am Montag ein Küchenmitarbeiter eine „ruhige Kugel schiebt“, sondern dies genauso ein Arbeitstag ist wie jeder andere der Woche auch. Da im Friedrich Wilhelm nur frische Speisen, die sämtlich im Hause produziert werden, auf den Tisch kommen und die Karte sehr häufig wechselt, wird auch mehr Zeit in die Vorbereitungen investiert, um dem Gast zu einem Essgenuss zu verhelfen. Sondereinsätze außer Haus sind in diesem Arbeitspensum noch nicht einmal berücksichtigt.

    In der Alten Försterei kann man im Übrigen exzellent speisen – und das nicht nur mit Blut- und Leberwurst!

    Mit einem freundlichem Gruß aus Berlin

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