Wintersport Alpine Raserei
Nach dem Skiunfall von Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus wird die Frage laut: Ist die Gefahr auf den Pisten gewachsen?
Die gefühlte Gefahr wächst schon seit Langem. Vor fünf Jahren in Kitzbühel haben wir fast nur die unpräparierte Skiroute benutzt, weil wir auf den planierten Pisten das Gefühl hatten, jeden Moment umkarriolt zu werden. Es war Silvester, an den Liftstationen gab es Gedränge und auf der leichten Talabfahrt abends eine Völkerwanderung. In engen Kurven kamen wir uns manchmal vor wie knapp einem Unfall entronnen, wenn wieder einer dieser waghalsigen Sonntagsfahrer überholte, von denen es immer mehr zu geben scheint. Sie tummeln sich am liebsten auf mittelschweren Pisten. Deshalb ziehen wir den Normalhängen jederzeit eine schwierige Hahnenkammabfahrt vor, wo kaum Raser unterwegs sind. Raser sind selten richtig gute Fahrer. Um ihnen aber bei der unvermeidlichen letzten Talfahrt nicht zu begegnen, muss man lange warten oder seinerseits überholen. Deshalb fahren auch sichere Fahrer manchmal unvorsichtig schnell.
Wir wissen nicht, warum Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus und die slowakische Sportlehrerin am Neujahrstag in einem steirischen Skigebiet frontal zusammenstießen. Wir wissen nicht, ob sie besonders schnell fuhren. Bis Redaktionsschluss lagen keine Augenzeugenberichte vor. Die Riesneralm ist eher gemütliches Gelände. Beide Opfer waren sehr erfahrene Skiläufer. Dass Althaus die heftige Kollision überlebte, wenn auch mit schweren Kopfverletzungen, während die Frau noch auf dem Weg ins Krankenhaus starb, verdankt der Politiker wohl seinem Sturzhelm. Weil die Lehrerin jedoch keinen trug, erschallen nun Rufe nach einer Helmpflicht. So bekommt das unerklärliche Unglück einen Namen, und künftige Unglücke scheinen vermeidbar. Aber sind sie das? Und wenn ja, vermeidet man sie durch Helme? In der vergangenen Wintersaison trug ein Drittel der Skifahrer in Österreich Helm. Außerdem trug die Hälfte der Skiverletzten Helm. Daraus folgt, wenn wir der Statistik trauen, dass Helmträger überdurchschnittlich oft Unfälle haben. Kann das sein?
Wenn immer mehr Leute Helme benutzen, deutet das darauf hin, dass die gefühlte Gefahr nicht sinkt. Wir jedenfalls weichen mittlerweile in ein abseitiges Skigebiet aus, wo die Möchtegernprofis rar sind. Die steilen Hänge von Heiligenblut zum Beispiel zwingen zu kontrolliertem Fahren. Unser Skilehrer Hans Glantschnig, der seit 39 Jahren unterrichtet und seit 34 Jahren Bergführer am Großglockner ist, beklagt, dass immer weniger Leute bereit seien, an ihrer Fahrtechnik zu feilen. Früher seien in Heiligenblut weit über die Hälfte der Skischüler Erwachsene gewesen, heute stellten sie nur ein Fünftel. Die Anfänger würden immer selbstsicherer. Sie kauften Helme, statt Skischulstunden zu buchen. Sie wollten nach einer halben Woche Unterricht schon die Gipfelabfahrt machen. Seit Einführung der drehfreudigen Carvingski lernt man einfacher Skifahren, das heißt, man muss nicht lange Schneepflug üben, kommt eher vom Rutschen zum Gleiten, schafft eher Bögen. Aber man lernt eben auch schneller schnell fahren. Dabei hapert es an der Kontrolle. Manch Raser eiert mächtig, wenn es mal uneben ist, weil er keinen Umsteigschwung beherrscht. Die Leute heute, sagt Glantschnig, seien verwöhnt durch perfekt planierte Pisten. Sie vergäßen, dass man in der Natur auf vieles gefasst sein muss.
Ist die gefühlte also eine tatsächliche Gefahr? Der Österreichische Skiverband, ÖSV, widerspricht. Die Zahl der Skiunfälle habe sich seit Einführung der Carvingski um neun Prozent verringert, eben weil die neuen Bretter leicht zu fahren seien. Früher gab es wegen längerer Ski und schlechterer Bindungen weit mehr Knochenbrüche im Unterschenkel. Mag sein, dass manche Zahlen dramatisch klingen, die nach dem Althaus-Unfall nun kursieren: Über 50000 Skifahrer stürzten 2007 in Österreich so schwer, dass sie ins Krankenhaus mussten. Doch der Prozentsatz der Zusammenstöße sei in den letzten Jahren gleich geblieben, sagt der ÖSV. Er rechnet vor, dass auf 1000 Skitage nur 1,3 Verletzungen kommen. Das heißt, wer zwei Wochen jährlich Ski fährt, hat durchschnittlich einmal in etwa 55 Jahren Pech. Klingt doch schon weniger bedrohlich.
Es nützt ja nichts, nach einem Unglück Angst zu schüren. Aber entwarnen? Michael Blauth, Vorstand der Unfallchirurgie an der Universitätsklinik Innsbruck, sieht für beides keinen Anlass. Ihm begegnet eine gleich bleibende Anzahl Verletzter, und er misstraut allen Statistiken. Im Krankenhaus sieht er, dass die Verletzungsschwere bei Schneemangel zunimmt, denn Kunstschnee ist sechs- bis siebenmal härter als der normale. Andererseits fängt ein Skihelm fünfzig Prozent der Schädelverletzungen ab. Anscheinend ist es so, dass wir Skifahrer auf immer weniger Schnee immer schneller fahren und durch immer bessere Ski unsicherer und sicherer zugleich sind. Fahrtechnisch weniger versiert, aber ausrüstungstechnisch besser geschützt. Was unstrittig hilft: Skischule, Aufwärmen vorm Start und sich mit Helm so vorsichtig bewegen, als hätte man keinen auf. Wir haben uns vor vier Wochen einen gekauft.
- Datum 09.01.2009 - 10:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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Auf den Pisten zeigt sich, was anderweitig zu erkennen ist: die Technik verbessert sich, aber der körperliche Zustand von uns Wohlstandsbürgern nimmt ab. Übergewichtigkeit und Unsportlichkeit nehmen zu, aber die Zugänglichkeit der Berge wird erhöht.
Ein Umdenken findet aber statt. Wegen unserer kleinen Kinder fuhren wir seit einigen Jahren wenig Ski und stellten letztes Jahr selbst in sehr kleinen Skigebieten fest: es werden Helme getragen. Diese Entwicklung erscheint vernünftig. Ich bin bekennender Helmträger, allerdings beim Radfahren. Er hat mich noch nie bei einem Unfall schützen müssen, genauso wenig wie mein Gurt im PKW. Aber die Rechnung erscheint einfach: Eine fast nicht wahrnehmbare "Gefühls- und Freiheitseinbuße" kann im schlimmsten Falle mir das Leben retten oder schwere Schäden vermeiden. So auch der Gurt im Auto. Unsere älteste Tochter (4J) trägt einen Helm beim Skifahren. Im März werden wir auch einen auf der Piste tragen.
(Die Redaktion /ft)
Meiner Meinung nach entstehen die meisten Unfälle durch Unkenntnis der FIS-Regeln. Wenn ich heute auf den Pisten unterwegs bin, übrigens mit Helm, könnte ich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Es wird mitten auf der Piste angehalten und nicht am Rand. Viele warten unterhalb einer Kuppe, wo man sie nicht sieht, es wird nicht genug Abstand gehalten......
Kein Wunder, dass so viel passiert.
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