Superwahljahr Jetzt wird es zu bunt!

Wer regiert im Fünfparteiensystem? Fünfzehn Mal wählen die Deutschen in diesem Jahr. Am Ende könnte eine machtlose Regierung ins Amt kommen, permanent blockiert von zerstrittenen Ländern. Nur einer hat die Macht, das zu verhindern: der Wähler

In diesem Jahr werden die deutschen Wählerinnen und Wähler Geschichte machen. Ob sie es wissen oder nicht. Ob sie wollen oder nicht.

Selten war Politik so wichtig wie heute. Und selten war das Regieren so schwierig
15 Wahlen, darunter die zum Bundestag und zum Europaparlament, geben den Bürgern die Chance, die Parteienlandschaft neu zu modellieren. Erst ein einziges Mal in der Geschichte der Republik wurde noch häufiger abgestimmt, im Jahr 1994. Allerdings war damals weder politisch noch ökonomisch besonders viel los in Deutschland und in der Welt. Ganz anders heute: Die Weltwirtschaftskrise zwingt dieses Land, sich zu verändern und neu zu bestimmen, in was für einer Gesellschaft wir hier leben wollen. Und der Machtwechsel in den USA führt dazu, dass die internationale Politik sich neu ordnet. Wer führt wen wohin, welche Rolle spielt die Europäische Union international noch und welche hat Deutschland darin.

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In einem sehr umfassenden Sinn befindet sich dieses Land in einem defining moment, einem entscheidenden Moment, wir leben, kurzum, in äußerst politischen Zeiten. Wenn allerdings die Deutschen so weiterwählen, wie sie es in den letzten Jahren getan haben, dann könnte am Ende des Jahres 2009 eine komplett zersiedelte politische Landschaft stehen, in der sich die Parteien in Deutschland mit sich selbst beschäftigen, während die anderen Länder Politik machen.

Im Bund eine Ampel, im Bundesrat bunt – dann geht nichts mehr in Deutschland
Das schlechteste, aber nicht unwahrscheinlichste Szenario sähe so aus: Im Bund regiert eine Dreierkoalition aus SPD, Grünen und FDP oder eine schwarz-gelb-grüne Jamaika-Koalition. In beiden Fällen würden sich beständig alle gegen alle profilieren müssen. Im Bundesrat haben weder die SPD-geführten A-Länder noch die von der Union dominierten B-Länder eine Mehrheit, sondern die Nee-Länder, also alle, die durch verschieden gemischte Landesregierungen blockiert sind. Angeführt würden sie vom saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine (Linke), der zusammen mit Thüringens neuem Landeschef Bodo Ramelow (ebenfalls Linke) jederzeit in der Lage ist, Mehrheiten gegen die Ampel oder gegen Jamaika in Berlin zu organisieren. Und Horst Köhler (CDU) bleibt Bundespräsident, kommentiert das ganze Durcheinander kritisch und verweigert immer öfter die Unterschrift unter ein Gesetz.

Manche werden das dann eine Normalisierung nennen, weil es ähnliche Konstellationen auch in den Niederlanden oder in Österreich gibt. Nur: Deutschland steht nicht im politischen und wirtschaftlichen Wettbewerb mit den Holländern, sondern mit Frankreich, Großbritannien und den USA. Und in diesen Ländern machen Mehrheitswahlrecht oder Präsidialsystem rasches und entschiedenes Regieren jederzeit möglich. In Zeiten von beschleunigter Geschichte und erhöhtem Handlungsdruck ein unschätzbarer Vorteil.

Derweil wählen sich die Deutschen ein immer bunteres Parteiensystem zurecht, eine Buntheit, die man sich leisten können muss – und die sich das Land unter besseren Umständen auch leisten könnte. 2009 jedoch trifft, wenn der Wähler zu keiner Trendumkehr bereit ist, ein postmodernes, an den individualisierten Bedürfnissen orientiertes Parteiensystem auf eine sehr ernste politische und wirtschaftliche Situation.

Wie groß sind die Chancen, dass die Wähler eine solche Selbstschwächung der deutschen Politik doch noch abwenden? Diese Frage lässt sich nur historisch beantworten und führt zurück in ein Jahr, das 2009 mit viel – berechtigtem – Pathos gefeiert werden wird: 1949.

Das Grundgesetz will keine Führer – die Wähler wollten jahrzehntelang Führung
Eigentlich fing alles ganz gut an: Als die Mütter und Väter des Grundgesetzes in Bonn berieten, stand ihnen die Katastrophe des Nationalsozialismus vor Augen. Nie wieder Führer!, so lautete die Ratio ihrer verfassungspolitischen Überlegungen. Daran haben sie sich mit aller deutschen Gründlichkeit gehalten: Es gibt bis heute nur wenig andere Länder, die ein derart ausgeklügeltes System an politischen checks and balances haben wie die Bundesrepublik. Fast nirgends hat das Veto so oft Vorfahrt wie bei uns.

Leser-Kommentare
    • Chali
    • 13.01.2009 um 8:25 Uhr

    Je unwichtiger ein Thema, desto mehr wird darüber geredet?

    Wer glaubt heute noch, dass es die Herrn in den Beratungsrirmen, in Banken und Versicherungen schert, wer da der jeweilige Dienstwageninhaber ist?

    • Glawen
    • 13.01.2009 um 10:19 Uhr

    Ist dies so eine Pro/Contra Geschichte? Ich hoffe mal, denn die hier aufgezeigten Gedanken sind schon recht einseitig und da finde ich eine Antwort aus einem anderen Blickwinkel immer interessant. Vielleicht auch eine Drei- oder Vierecksdiskussion. Gibt ja durchaus mehrere Standpunkte, welche man zu dem Thema "Superwahljahr 2009" einnehmen kann.

    Der "Ernst-"Wähler muss es richten
    In diesem Artikel wird viel über das "zu bunte" System gesagt. Darüber wie sich verschiedene Instanzen der deutschen Politik aufgrund der vielen verschiedenen Koalitionen sich gegenseitig blockieren, wodurch es zu einer Handlungsunfähigkeit kommt, bzw kommen kann.
    Als mögliche Lösung wird der "Ernstwähler" dargestellt. In meinen Augen ein abstruses Konstrukt. Der Wähler soll nicht mehr die Partei wählen, deren Programm er am meisten unterstützt, sondern so, dass die Politik handlungsfähig bleibt. Ihre Empfehlung lautet deshalb, dass man möglichst groß und unbunt wählen soll. Sprich sie wünschen sich die großen Volksparteien(mehrzahl, da ich mal von dem unbunt nicht zwingend davon ausgehe das nur die Nichtfarbe Schwarz gemeint ist) zurück. Das Problem sind doch aber nicht die Wähler, denen sie ja auch großzügig nicht die Alleinschuld geben, sondern die Parteien. Dadurch kommen wir zu einem möglichen Contra.

    Die Parteien müssen es richten
    Bisher sah ich mich eigentlich immer als "Ernstwähler". Ich habe mir mit allem zu Gebote stehenden Ernst Parteiprogramme angeschaut, mir die Aussagen der zur Wahl stehenden Politiker angehört und dann entschieden welche Partei meinen Vorstellungen am ehesten entspricht. Nun schreiben sie ja vom Koalitionszwang, von der Vetomacht des Bundestages, des Präsidenten und schreiben davon, dass es hierdurch keine Möglichkeit für die Parteien gibt, die Richtung des Parteiprogramms einzuhalten.
    In meinen Augen haben sich nun aber, nach der Wahl, die Parteien hinzusetzten, zu schauen mit welchen anderen es programmatisch die größte Übereinstimmung gibt. Anschließend haben sie die Pflicht die für ihr Parteiprogramm beste Koalition einzugehen und durch Kompromisse so viel wie möglich hiervon umzusetzten. Nicht der Wähler ist unfähig, die Parteien, die karrieregeilen Politiker, stellen sich zu dämlich an. Ihnen ist das Volk, der Souverän, egal.
    Hierzu gibt es zwei interessante Beispiele. Einmal Hessen und zum anderen Hamburg. In Hessen gab es in den großen Programmthemen eine recht hohe Übereinstimmung zwischen SPD/Grünen/Linke, doch kam es nicht zu dieser Koalition(auf die Gründe möchte ich nicht eingehen, nur auf die Voraussetzungen). In Hamburg hingegen koaliert die CDU mit der GAL, die GAL hatte die "großen" Themen gegen Mohrbruch, Elbvertiefung und Studiengebühren, die CDU das Gegenteil. Was kommt? Mohrbruch wird gebaut, die Elbvertiefung kommt und als großer Kompromiss werden die Studiengebühren nicht abgeschafft sondern verringert. Sieht so eine vernünftige Koalition aus?
    Aus diesen Beispielen kann jeder selbst ableiten wo das Problem liegt.

    Wir brauchen ein Mehrheitswahlrecht
    Wäre ebenfalls ein diskussionswürdiger Punkt, welcher auch kurz im vorliegenden Artikel angesprochen wird.

    Warum versuchen wir es nicht gleich mal wieder mit Diktatur
    Zuviele Parteien, Wähler zu dumm und wählt auch noch die falsche, lassen wir das ganze doch einfach. SPD und CDU sind eh das gleiche, können sich ja zusammen schliessen und das Grundgesetz aushebeln. Die 4. Macht (lach) wird es dem Volk schon schmackhaft machen.

    So das wären mal 4 Standpunkte. Viellecht kommt ja noch ein Contraartikel von der Zeit.

  1. 3. TINA

    "Nicht das Resümee einer Legislaturperiode oder die Aussicht auf die kommenden vier Jahre geben den Ausschlag, sondern die letzte Kampagne der Bild-Zeitung"
    Oder für "gewissen"hafte Abgeordnete der letzte Leitartikel der "ZEIT" (Putsch von links). ;-)
    Ähnliches wie in diesem Artikel werden wir noch tausendfach zu lesen bekommen: Die Suggestion, der Wähler könne in einer repräsentativen Demokratie über die Belange seines Gemeinwesens entscheiden. Ein paar Reparaturen am Wahlsystem und alles wird gut.
    Aber es gibt keine Wahl für uns. Die Politik wird bestimmt von den Interessen der Führungsmacht USA, der WTO und den europäischen Verträgen. Gesetze werden von Lobbyisten formuliert und in den verschiedenen Parlamenten "gewissen"haft durchgewinkt. Die Lohnsteuerpflichtigen, Rentner, Kranken und Arbeitslosen haben keine Lobby. Gewerkschaften, so sie tatsächlich noch die Interessen ihrer Mitglieder vertreten, sind im nationalen Rahmen gefangen und damit ohnmächtig.
    Ausnahmsweise gehe ich mal mit TINA (There Is No Alternative).

  2. Das Entstehen des 5-Parteiensystems hat wohl vor allem mit dem Verhalten der bisherigen 3 Parteien zu tun: tritt man einmal einen Schritt zurück und betrachtet die Polituk aus einer gewissen Distanz, so erkennt man, wie sehr der Politikbetrieb in einer Fülle teilweise lächerlicher Rituale erstarrt ist.

    Grundsätzlich wird jede Idee des politischen Mitbewerbers als völlig daneben klassifiziert, offensichtliche Probleme der eigenen Truppe dagegen in einer Weise kleingeredet, die eher eine umgekehrte Form der Satire darstellt. Die Arbeitsergebnisse von Koalitionsregierungen fallen wegen der unterschiedlichen Interessen der Parteien überwiegend in die "Nicht Fisch-nicht Fleisch-" Kategorie.

    Ist es zuviel verlangt, wenn man als Wähler fordert:" Hört endlich auf mit dem billigen Profilierungs-Getöse, ringt in sachlich-fairer Art und Weise um Ergebnisse, achtet auch die abweichende Meinung der politischen Mitbewerber, und vor allem: erzählt uns nicht, etwas sei rund, wenn es eckig ist. Wir Wähler sind nämlich nicht so blöd, wie ihr denkt, wir wollen ernst genommen werden. Vielleicht würden wir dann auch nicht mehr in Scharen zu neuen Gruppierungen/Parteien laufen, weil wir uns dort eine andere Form des politischen Handelns erhoffen."

    Also: die 5 Parteien-Problematik ist eine selbstgemachte Situation. Beklagen hilft nicht, nur die Verhaltensänderung der bisherigen Volksparteien.

  3. Bloß klein wählen. Die Legitimationskrise der sogen. Volksparteien ist nicht zu beenden, sondern unbedingt zu befördern. 2013 gibt es dann eine feine Fusion von West- und Ostsozialdemokraten unter der Prämisse eines fortan einträchtigen Auftretens in der sozialen Welt unserer Republik. Von daher wäre eine große Koalition sicherlich die erträglichste Form der nächsten Legislaturperiode.

    Arbeiterinnen und Arbeiter, Rennerinnen und Rentner, wahrhaft gleichberechtigungsorientierte Frauen und generationsverbundene Jungwähler. Wählt eure Partei. Wählt links!

    Johann Janosch

  4. "Zahlreich wählen, ernst wählen, groß wählen, nicht zu bunt wählen."

    Was für ein gequierlte Kacke!.

    Aus Gründen der Staatsraison die eigenen Überzeugungen über Board werfen damit entweder eine rot oder schwarzdominierte Regierung Ihre "Linie" (dumm das weder die roten noch die schwarzen eine Linie haben) beim regieren besser durchsetzten können?

    Bei dieser Grundaussage fragt man sich nur warum Bernd Ulrich sich dann nicht traut die Einführung des Mehrheitswahlrechtzu fordern, angeblich aus Rücksicht auf die Wähler der kleinen Parteien... Aber gerade diese dummen egoistischen Wähler sind doch seiner Meinung nach an all dem Übel schuld bzw. haben die Verantwortung sich ENDLICH zu besinnen und wieder SPD oder CDU/CSU zu wählen.

    Ehrlich gesagt bestärken mich SOLCHE Meinungsartikel ganz entschieden darin AUF KEINEN FALL SPD oder CDU/CSU zu wählen.

    Gegen eine Verringerung der Vetokräfte im Bundesrat hätte ich persönlich nichts. Eine Koalitionsregierung im Bund sollte in der Lage sein ihren Kompromißkurz wenigstens umzusetzten.

  5. Sinn war in diesem Artikel nicht zu finden, nicht ansatzweise. Die so genannten "Volksparteien" sind schon lange Demokratieverhinderungsapparate, die Politik nur mehr für sich selbst machen, zum Eigennutz der "Volkspartei". Und dafür wollen die unsere Stimme...
    Der Wähler, der über Sachpolitik abstimmt, ist in Europa in aller Regel Schweizer Bürger, weil die Abstimmung über die Zusammensetzung des Parlaments in einer richtigen Demokratie eher unter "auch nett" läuft und die wichtigen Wahl-Fragen Sachfragen sind, über die es zu befinden gilt. Das Problem Deutschlands ist die Abwesenheit der Bürger im demokratischen Prozess. Und damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass der Bürger hier und dort Parteien wählen darf, die dann den demokratischen Prozess unter sich und ohne ihn ausmachen.
    Es gibt keine Alternative zu Direkter Demokratie - jedenfalls keine demokratische.

    _________________________________________________
    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
    ______

    • Piepe
    • 13.01.2009 um 13:00 Uhr

    Ulrich meint nichts anderes als die Weltwirtschaftskrise soll mich und meine Lebensweise so wenig beeinträchtigen wie möglich. Ich bin für das Mehrheitswahlrecht weil es so möglich die Kosten der Krise 25% der Gesellschaft an den Hals zu legen.
    Hier spricht gar kein Demokrat.
    Ulrich ist unbewusst der die inegalität lebende Deutsche.
    Eines unser Demokratieziele muss sein, dass das Frühstücksei auf dem Tisch des Mittelstandes bleibt.
    Der zittrige Ulrich hat schon ALG2 herbeigeschrieben.
    Na ja wenigstens haben sich für Frau Quandt die Wahlkampfspenden an CSU und FDP gelohnt.
    2500 Euro ASbwrachprämie das erhöht direkt ihre Gewinne.

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