Skiunfall Tragisch oder fahrlässig?
Warum der Unfall des thüringischen Ministerpräsidenten Althaus politische Folgen hat
Es gibt Situationen, in denen verbietet sich (vorerst) jedes Urteil, erst recht aber jede Verurteilung – und folglich auch jede Spekulation auf die Zukunft der Beteiligten. Das gilt besonders nach einem Unfall, nach dem der Überlebende medizinisch wie seelisch noch »außer sich« ist, also noch nicht außer Gefahr; und das gilt ganz bestimmt, wenn noch niemand exakt zu sagen weiß, wie der Unfall eigentlich geschehen ist und wem, wenn überhaupt jemandem, irgendein fehlerhaftes Verhalten zuzurechnen wäre.
So gesehen, bleibt auch nach dem Skiunfall, in den am Neujahrstag der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus verwickelt wurde und der einer Mutter von vier Kindern das Leben kostete, zunächst nur das Eingeständnis: Wir wissen nichts – und wir wünschen alles, also Dieter Althaus eine vollständige Genesung und vor allem den Hinterbliebenen all das, was man angesichts ihrer schrecklichen Lage bestenfalls vor sich hinstammeln kann.
Insofern ist die deutliche Zurückhaltung, die sich alle Thüringer Parteien derzeit auferlegt haben, einerseits ein gutes Zeichen – zugleich aber auch das Mindeste, was man erwarten konnte. Und diese Feststellung wird auch nicht dadurch relativiert, dass natürlich jedermann ahnt: Die Oppositionsparteien im Thüringer Landtag halten sich gewiss aus Anstand zurück; sie tun dies aber auch, weil sie wissen, dass ihnen jede öffentliche Spekulation oder jede wahlkämpferische Instrumentalisierung des Unfalles politisch äußerst schlecht bekommen würde. Trotzdem, und das ist in der Politik nun einmal ganz unvermeidlich, kreisen in allen politischen Köpfen in Erfurt die Gedanken um die Frage: »Was wäre, wenn…?« Sie kreisen umso heftiger, je mehr der Schock über den Unfall sich normalisiert, sie werden mit jeder Teilinformation (oder Desinformation) über den möglichen Hergang des Unfalls, die vor einem endgültigen Ermittlungsergebnis heraussickert, und mit jedem weiteren Kommuniqué der Ärzte bohrender gestellt.
Vor allem aber: Diese vorerst noch aus Pietät und Anstand wenigstens im öffentlichen Diskurs zurückgestauten Gedanken wühlen die Thüringer CDU noch viel heftiger auf als die mit ihr konkurrierenden Parteien. Denn schon vor dem Unfall war klar gewesen, dass Dieter Althaus und seine CDU im Wahlkampf sowohl vor der Europawahl am 7. Juni als auch vor der Landtagswahl vom 30. August einen äußerst schwierigen Stand haben würden; es müsste mit einem wirklich großen Wunder zugehen, wenn die Christdemokraten sogar mit Althaus in Bestform ihre letzte absolute Mehrheit in einem ostdeutschen Bundesland wieder erringen könnten. Die Aufrichtigkeit der ganz persönlichen Genesungswünsche seiner Parteifreunde wird nicht dadurch gemindert, dass sie alle wissen: Ohne einen weder gesundheitlich noch sonstwie belasteten Ministerpräsidenten sehen ihre Aussichten noch schlechter aus. Gar nicht auszudenken, werden sie sagen, was wäre, wenn Althaus aus irgendeinem Grund nicht neuerlich antreten könnte. In dieser Verlegenheit spiegelt sich auch die Tatsache, dass jene Personen, die eher in der politischen Mitte zu gewinnen vermöchten, nicht die stärkste Unterstützung in der Thüringer CDU selber finden.
Eine Reihe guter Gründe also, auch jenseits des Anstands, das Undenkbare vorerst wenigstens nicht hörbar zu äußern. Aber dennoch zwingt es dazu, mit allem Takt bedacht zu werden. Das liegt zum einen daran, dass ein Verfahren gegen Althaus wegen fahrlässiger Tötung aus Gründen des Legalitätsprinzips unvermeidlich eingeleitet werden musste – das ihn übrigens auch vor Aussagen schützt, mit denen er sich selber belasten könnte. Aber ein solches Verfahren, das so schnell nicht abzutun ist, bleibt eine Belastung, selbst bei günstigstem Ausgang.
Zudem: Fahrlässigkeit, das ist eine Kategorie von erheblicher Bandbreite. Denn wo liegt der Übergang zwischen den Aussagen, jemand habe in seinem Handeln schlechterdings alles vorsorglich bedacht, oder er habe beinahe alles bedacht (also irgendetwas nicht), schließlich er habe zu wenig oder er habe gar nicht aufgepasst. Selbst wenn der Jurist einen entlastet, bleiben immer noch Fragen an sich selber: Was hättest du besser machen können?
Mit solchen Hypotheken muss man ganz persönlich leben lernen, nach solch einem Unfall. Und nur ganz persönlich kann man sich selber fragen: Könntest du dir im Genesungsprozess, der seelisch länger dauert als körperlich, erstens einen Wahlkampf zumuten und zweitens eine politische Auseinandersetzung, in der es stets um die Frage geht, nun mit neuen Untertönen, aber auch der alten Selbstgerechtigkeit, wer etwas richtig oder falsch gemacht hat?
- Datum 09.01.2009 - 08:53 Uhr
- Serie opi
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
- Kommentare 22
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"Mit solchen Hypotheken muss man ganz persönlich leben lernen, nach solch einem Unfall. Und nur ganz persönlich kann man sich selber fragen: Könntest du dir im Genesungsprozess, der seelisch länger dauert als körperlich, erstens einen Wahlkampf zumuten und zweitens eine politische Auseinandersetzung, in der es stets um die Frage geht, nun mit neuen Untertönen, aber auch der alten Selbstgerechtigkeit, wer etwas richtig oder falsch gemacht hat?"
Zustimmung, ohne jede Frage.
Aber warum eröffnen Sie dann mit Ihrem Artikel genau darüber eine öffentliche Diskussion?
wenn man sich MSM beschäftigt.
des Tartuffe. Da kann man die Tinte nicht mehr halten.
wenn man sich MSM beschäftigt.
des Tartuffe. Da kann man die Tinte nicht mehr halten.
wenn man sich MSM beschäftigt.
des Tartuffe. Da kann man die Tinte nicht mehr halten.
Fünf Sterne für Sie, kürzer und prägnanter geht es wohl kaum.
Fünf Sterne für Sie, kürzer und prägnanter geht es wohl kaum.
"Ohne einen weder gesundheitlich noch sonstwie belasteten Ministerpräsidenten sehen ihre Aussichten noch schlechter aus. "
Ich glaube, hier sind zwei Aussagen kontaminiert. Herr Leicht unterstellt der CDU doch sicher nicht, dass die Angeschlagenheit des MP deren Chancen verbessert, oder?
Fünf Sterne für Sie, kürzer und prägnanter geht es wohl kaum.
Im Boxtraining der Uni, wo es sehr sportlich zugeht, habe ich die Erfahrung gemacht daß die Leute welche einen Helm aufsetzen die unberechenbarsten und unsportlichsten Sparringspartner sind. Der Helm ist, wie man sagt, passive Bewaffnung.
Im Autoverkehr ist es so, daß der Fahrer eines Toureg oder eines BMW X5 oder Mercedes M-Klasse seine eigene Sicherheit, vor allem auch seine Risikobereitschaft auf Kosten der anderen Verkehsrteilnehmer erhöht.
Ein Vorbild ist Herr Althaus für mich daher nicht.
Na dann sollten Sie ohne Helm fahren, wenn Sie beim Sturz dann nicht die Eisdecke aufschlagen (weil der Kopf möglicherweise eher nachgibt) werden sich Ihre Hinterbliebenen für Ihre rücksichtsvolle Art sicherlich bedanken.
Na dann sollten Sie ohne Helm fahren, wenn Sie beim Sturz dann nicht die Eisdecke aufschlagen (weil der Kopf möglicherweise eher nachgibt) werden sich Ihre Hinterbliebenen für Ihre rücksichtsvolle Art sicherlich bedanken.
...sollte der unfall nicht nützlich sein? sicher kommt es darauf an wie er verkauft wird. wenn herr althaus nur in ausreichend talkshows und zu anderen medienwirksamen gelegenheiten sein bedauern ausdrückt, sich am ende noch für die einführung einer helmpflicht einsetzt, dann geht da bestimmt was. wie ist das übrigens mit seinem sicherheitsbeamten der doch auch den selben hang herunterschlitterte, hat der auch alles vergessen oder darf der sich nicht erinnern. wie auch immer, irgendeine "auferstanden aus ruinen"-nummer wird ein findiger spin-doctor aus dem unfall sicher zu weben wissen.
was mich ausserdem interessiert ist diese geisterfahrergeschichte. wie geisterfährt man auf einer piste? bergauf?
Eine Partei, die so sehr mit dem "Boulevard" verbandelt ist wie die CDU, wäre in der Tat nicht sie selbst, wenn sie nicht einen fetten Mitleidsbonus für Herrn Althaus für den Wahlkampf herauskitzeln könnte.
Zusätzlich könnte jede Äußerung des Zweifels an seiner Integrität als gefühlloses Wahlkampfmanöver verkauft werden, und eine Haßkampagne gegen die Opposition begründen.
Nie waren die Wiederwahlchancen für die CDU in Thüringen höher als jetzt.
Ganz einfach: indem man aus Bequemlichkeit zum Abbremsen wieder ein Stück bergauf fährt. Zum Beispiel wenn man auf einer roten Abfahrt zu schnell geworden ist, man jedoch nicht die Kraft hat, mit einem kräftigen Schwung abzubremsen. Dann kommt eine Kreuzung sehr willkommen, wenn es da nicht diesen Gegenverkehr nach unten gäbe ...
Eine Partei, die so sehr mit dem "Boulevard" verbandelt ist wie die CDU, wäre in der Tat nicht sie selbst, wenn sie nicht einen fetten Mitleidsbonus für Herrn Althaus für den Wahlkampf herauskitzeln könnte.
Zusätzlich könnte jede Äußerung des Zweifels an seiner Integrität als gefühlloses Wahlkampfmanöver verkauft werden, und eine Haßkampagne gegen die Opposition begründen.
Nie waren die Wiederwahlchancen für die CDU in Thüringen höher als jetzt.
Ganz einfach: indem man aus Bequemlichkeit zum Abbremsen wieder ein Stück bergauf fährt. Zum Beispiel wenn man auf einer roten Abfahrt zu schnell geworden ist, man jedoch nicht die Kraft hat, mit einem kräftigen Schwung abzubremsen. Dann kommt eine Kreuzung sehr willkommen, wenn es da nicht diesen Gegenverkehr nach unten gäbe ...
Habe mich selbst gefragt, wie man dieses Thema mit Pietät diskutieren kann. Ich finde der Artikel trifft einen angemessenen Ton, an welchem man sich orientieren kann. Danke.
Warum diskutieren?
Es gibt Dinge die stehen schlicht nicht zur öffentlichen Debatte. Dafür gibt es einen klaren Grund: es geht uns nix an.
Das ist eine Sache die zwischen Althaus, den Angehörigen der Toten und den Behörden auszumachen ist.
Hier geht es nicht um den Ministerpräsidenten von Thüringen und sein Amt, sondern hier geht es um den Mensch Dieter Althaus und jede vertiefte Berichterstattung darüber hat schon sehr boulevardesque Züge.
Warum diskutieren?
Es gibt Dinge die stehen schlicht nicht zur öffentlichen Debatte. Dafür gibt es einen klaren Grund: es geht uns nix an.
Das ist eine Sache die zwischen Althaus, den Angehörigen der Toten und den Behörden auszumachen ist.
Hier geht es nicht um den Ministerpräsidenten von Thüringen und sein Amt, sondern hier geht es um den Mensch Dieter Althaus und jede vertiefte Berichterstattung darüber hat schon sehr boulevardesque Züge.
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