Berlin

Kein Platz wie dieser

Der Schriftsteller Maxim Biller über vier Künstler und ihre Geheimnisse in der dunkelsten Straße Berlins

Wir haben alle einen verborgenen Grund, traurig zu sein, dachte ich, als ich mit Anna, Fiona und meiner Schwester im Café Savigny in der Grolmanstraße saß, und meistens verraten wir ihn den andern erst, wenn es zu spät ist. Es war halb fünf am Nachmittag, und die Dunkelheit hinter den Fensterscheiben war noch dunkler und nächtlicher als irgendwo anders in Berlin um diese Tageszeit. Früher war die Grolmanstraße nicht die dunkelste Straße Berlins. Es gibt hier viele kleine, altmodische Geschäfte, Restaurants und Bars, und wenn man an einem Berliner Winternachmittag an ihnen vorbeigeht, fragt man sich, warum sie innen alle so schlecht beleuchtet und leer sind.

»Seid mir nicht böse«, sagte meine Schwester. »Mehr kann ich euch nicht verraten. Es geht um Kafka, um Max Brod, und was Kundera über die Sache denkt, spielt auch eine Rolle.« – »Und was du denkst, bestimmt auch, oder?«, sagte ich.

Sie lächelte überlegen.

»Arbeitest du schon lange an der Geschichte?«, sagte Anna. Sie ist Amerikanerin und nicht so schnell beleidigt.

»Ich muss noch nach Prag, nach Marbach und nach Tel Aviv«, sagte meine Schwester und seufzte. Sie lebt in London und ist schon immer sechs Jahre älter gewesen als ich, und sie schreibt auch – zurzeit eine streng geheime Kafka-Reportage für eine berühmte englische Literaturzeitschrift. Ich darf leider nicht sagen, für welche.

»Dein Buch«, sagte ich zu Anna und drehte mich zu schnell zu ihr um. »Handelt es von Berlin? Oder von Leuten, die in Berlin leben? Oder von Leuten, die zufällig in Berlin leben?«

Anna lächelte verlegen.

»Hast du noch ein zweites Exemplar dabei?«, sagte meine Schwester zu Anna. »Ich arbeite auch als Literatur-Scout.«

Ich legte die Hand auf das Exemplar, das Anna mir mitgebracht hatte, aber das fiel nur Fiona auf, und darum war es nicht peinlich.

Annas Buch heißt This Must Be The Place und ist ein schöner, trauriger Roman, der eine gute Kritik in der New York Sun hatte und eine sehr gute Kritik in der New York Times. Er ist so schön, dass man es beim Lesen zuerst gar nicht merkt, man liest und liest, und plötzlich ist man so traurig wie Hope, die Amerikanerin, die in Berlin – Westberlin! – mit ihrem amerikanischen Mann wohnt. Anna, die nach dem 11. September von New York nach Berlin umgezogen ist, setzt die Worte klar und genau und langsam hintereinander wie ein Mensch, der so vorsichtig über die Straße geht, als habe er Angst, hinzufallen.

»Und du«, sagte ich laut zu mir selbst, und alle, auch Fiona, sahen mich wie einen Verrückten an. »Was machst du zurzeit?«

»Ich habe meine Memoiren geschrieben«, antwortete ich mir selbst. »Ich denke noch über den Titel nach. Wie findet ihr Herz aus Glas? Oder ist Der gebrauchte Jude besser?«

»Der gebrauchte Jude«, sagte meine Schwester und schüttelte sich angewidert. »Igitt. Und der zweite Teil heißt dann Der verbrauchte Jude, oder was?«

Wir lachten alle, aber jeder anders, und dann zahlten wir und verabschiedeten uns. Meine Schwester hatte noch eine wichtige Verabredung im Literaturhaus – ich darf natürlich nicht sagen, mit wem –, Anna wollte nach Hause, in ihre große, bestimmt sehr schöne und untraurige Charlottenburger Wohnung, und Fiona und ich mussten zurück nach Ostberlin. An der Ecke Savignyplatz und Kantstraße – neben uns stand an der Ampel eine alte, reiche Dame mit blauen Haaren und eine gut angezogene junge französische Mutter mit ihrem deutschen Mann und ihren zwei großen Kindern – begann ich plötzlich Ostberlin zu hassen. Das Gefühl war auf einmal da, keine Ahnung wieso, und es wurde so stark, dass ich Fiona fragte, ob wir noch im Westen essen gehen könnten. »Willst du ins Good Friends?«, sagte sie, »Dort ist es wie in Chinatown, wie in New York. Hast du überlegt, warum es so ein Restaurant in ganz Mitte und Prenzlauer Berg nicht gibt?«

»Du machst mich verrückt«, sagte ich.

Das Good Friends war voll mit chinesischen und deutschen Familien, es waren ältere Herren und Damen da, auf deren Stühlen Pelzjacken hingen, junge russische Frauen in Shorts, schwarzen Strumpfhosen, kniehohen Lederstiefeln, einsame Zille-Deutsche und gleich drei junge Amerikaner, die große Nudelsuppen aßen und dabei ein dickes, buntes Taschenbuch lasen. Fiona und ich hatten einen schlechten Tisch, mitten am Gang, und die schnellen, schlanken chinesischen Kellner, die alle sehr schönes Hochdeutsch sprachen, mussten immer an uns vorbei. Ich fing an, Annas Buch zu lesen, Fiona nahm ihren Block raus und machte ein paar Zeichnungen von den Russinnen. Als sie Fiona bemerkten, lachten sie, und Fiona hielt den Block hoch und zeigte ihnen die Zeichnungen. Sie lachten wieder und aßen weiter.

Als wir später bei uns zu Hause aus der Straßenbahn stiegen, wirkte die Kastanienallee wie die dunkelste Straße von ganz Berlin. Ich werde versuchen, so lange wie möglich niemandem davon zu erzählen. maxim biller

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    • Von Maxim Biller
    • Datum 14.1.2009 - 07:35 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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    • Schlagworte Kultur | Literatur | Berlin
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