Lebenshilfe Vom Millionär zum Tellerwäscher

2009 ist da – und wer steht uns bei? Fragen an den Autor des »Narratoriums«, Ulrich Holbein

DIE ZEIT: Im Narratorium stellen Sie auf tausend Seiten Wortführer vielerlei Epochen vor. Gibt es unter Ihren Helden einen, der uns im neuen, möglicherweise krisenhaften Jahr zur Seite stehen könnte?

Ulrich Holbein: Mehr als einen – jede Menge. Da stehen x Päpste, Pazifisten, Wanderprediger, Vegetarier, Obergurus Schlange, uns mit Rettungskonzepten und Sparpaketen rauszureißen aus künftigem Schlamassel. Aber will der Welt geholfen werden?

ZEIT: Weil wir den Ernst der Lage verkennen? »Karrieren vom Millionär zum Tellerwäscher sind an der Tagesordnung.« Das steht bei Ihnen, auf Seite 152!

Holbein: Irgendwann kann man froh sein, wenn’s noch Teller gibt. Viele Weltretter sehen ja die freiwillige Armut als ersten Schritt zum Seelenheil, siehe Franz von Assisi oder Buddha. Die votieren weniger für Fettabsaugung und Verzicht auf Drittwägen als für wirkliche Armut, für Reichtumsbekämpfung.

ZEIT: Der Tellerwäscher-Satz stammt aber von Dieter Bohlen, der als Finanzanalyst bislang nicht hervorgetreten ist. Erwächst uns Rettung von unerwarteter Seite, nachdem die Experten so versagen? Von dem Bäckermeister Rüdiger Nehberg zum Beispiel, Seite 689: »Das Schlachten der ersten Ratte kostet Wohlstandsgesellschafter eine große Überwindung.«

Holbein: Falls ein Finanzcrash ein Zivilisationsdesaster auslöst, könnten tatsächlich allerlei Survival- Gurus aufsteigen, die dann Tipps geben: Was ess ich, wenn die Läden leer sind? Wie schütz ich mich vor Plünderei? Das Narratorium aber kommt eher – statt als Rezeptbuch – als Gigantpanorama daher, das auch Ausweglosigkeiten auffächert. Jeder einzelne Geist oder Narr steht seiner Windmühle gegenüber, selten als Lebensberater und Krisenmanager, meist als irrende Seele, verstrickt in törichte Ideen.

ZEIT: Zählen Sie Prinz Charles auch dazu? Immerhin ein König im Wartestand! Und sein Herz schlägt für die Ökologie…

Holbein: Da sind alle drin, mehrfach, selbst die, die angeblich fehlen, also auch viele Prinzen, Naturpropheten, Ökofreaks, Größenwahnsinnige, die sich in ihren profanen Miseren an ihrem jeweiligen Holzweg hochschaukeln, ich könnte da viele Namen nennen.

ZEIT: Nur zu!

Holbein: Muss ich wirklich? Sagen wir’s mal so: Sportler, siehe Muhammad Ali, »I’m the Greatest«, überbewerten ihre muskuläre Body-Bezogenheit genauso, wie Philosophen dem Output ihrer neokortikalen Aktivität auf den Leim gehn.

ZEIT: Der Philosoph Peter Sloterdijk hat diese Woche der Süddeutschen Zeitung zugeraunt, der eigentliche Held des Neoliberalismus sei Harry Potter, weil der potter ein Töpfer sei, ein Handwerker, der Hohlkörper verfertigt. Und heute werde, gesellschaftlich betrachtet, zu wenig gearbeitet und zu viel getöpfert. Irre, oder? Vielleicht ist Sloterdijk unser Mann?

Holbein: »Unserem Mann« stehen Potter, Sloterdijk und ich skeptisch gegenüber. Vergebliches Gegenmittel gegen solche kleinlaute Heilserwartung: die Messiasschwemme. Jedes Mal kam »unser Mann« ähnlichen Männern in die Quere – auch Frauen –, aber jedes Mal konnte dem imposanten Größenwahn der Menschheit bloß der klitzekleine Größenwahn einer einzelnen Gestalt entgegengesetzt werden, die den Weltlauf bestenfalls mit ohnmächtigen Zauberworten wie »multimorbid« garnierte. Apropos Potter: Simon Magus, Empedokles, Milarepa, Prospero, Faust und allerlei Dalai Lamas strampeln sich schon seit 2500 Jahren von ihren schamanistischen Vorstufen los, um in wahrere Hochreligion einzutauchen; in nachmetaphysischen Zeiten mündet die infantile Menschheit wieder in diesen Schwundschamanismus ein, aber statt Seelenflug – Besenflug. Schwache Leistung. Apropos Frauen.

ZEIT: Was ist mit der Amerikanerin Betty Dodson, die bei Ihnen als »Masturbationspäpstin« Berücksichtigung findet: Gerade hat sie das Jahr 2009 zum Year of Sex ausgerufen. Vielleicht hilft Lust gegen die Krisenstimmung?

Holbein: Wie bei Elektrizitätsausfall die Babyquoten? Also zumindest steckt im Programm Masturbate for Peace ein leckeres Utopicum drin. Die Vibratorpriesterin Betty Dodson versuchte zur Jahreswende 1999/2000, Millionen Lustmolche in einem kollektiven Megaorgasmus zusammenzuschalten. Das Problem ist halt nur: Heilige Narren wie Soldat Schwejk oder das göttliche »Make Love not War« oder »Alle Menschen werden Geschwister« kürzen keinen Krieg um irgendeine Sekunde ab. Auf Gipfelerlebnisse folgen dann wieder Talfahrten, Durchhänger, Durststrecken, und jeder pyknischen Lustpäpstin steht eine dürre Sterbepäpstin gegenüber.

ZEIT: Da sind wir dann bei Elisabeth Kübler-Ross, Seite 552: »Sterben, das ist, wie wenn man bald in Ferien fährt.« Im Narratorium haben Sie uns Ihr eigenes Ableben für 2009 in Aussicht gestellt. Auch wenn es uns missfällt, dass sie uns gerade jetzt im Stich lassen wollen: Was wäre Ihr letztes Wort? Hätten Sie noch einen guten Tipp für die Welt?

Holbein: Wie wär’s mit Zuversicht? Nein, danke, dann bleib ich bloß Politiker oder Pfarrer. Eher steck ich selber mittendrin in einer Mammutsymphonie namens Welt, die sich nicht um einzelne Kammbläser und Tippgeber schert. Einer meiner heiligen Narren – ein komischer Derwisch aus Nischapur – beantwortet Ihre Frage mit einem mystischen Gleichnis: »Das Meer wurde um einen Schluck Wasser gebeten. Da rief es: ›Ich bin selber durstig! Die Fische weinen über meinen Zustand!‹«

Das Gespräch führte Ulrich Stock

 
Leser-Kommentare
  1. Die Feinheit, der Facettenreichtum, die Reichhaltigkeit und Gewitzheit der Wortwahl
    von Holbein machen wieder lust darauf von ihm zu lesen.
    Wörter als Kunst.
    Sollte ich tatsächlich mal wieder tun.
    Märchenmond und Märchenmonds Kinder liegen leider eindeutig in meiner bereits entfernten eigenen Kindheit.
    Und es waren wunderbare Geschichten!

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