Kunst Eine Göttin geht baden

Schottlands Kunstfreunde wollen zwei Meisterwerke Tizians retten. Jetzt kommt ihnen Karl Marx in die Quere

Kann man sich größeren Edelmut vorstellen? Ein Herzog will mehrere Hundert Millionen Pfund in den Wind schreiben, um seinem Vaterland einen Kulturschatz zu erhalten. Was erntet er dafür? Undank und Schmähungen. Bei dem Kulturschatz handelt es sich um zwei Gemälde des venezianischen Renaissancekünstlers Tizian. Ihr Wert wird auf 300 Millionen Pfund geschätzt. Der Herzog will sie zu einem Drittel des Weltmarktpreises verkaufen, falls sie im Lande bleiben.

Aber er trägt den Namen Sutherland. Die Sutherlands sind die verrufenste Adelsfamilie Schottlands. Nicht wegen einer Untat des gegenwärtigen Trägers des Titels, er büßt in siebter Generation für die Sünden einer Gräfin seines Geschlechts, die Anfang des 19. Jahrhunderts im schottischen Hochland eine berüchtigte Flurbereinigung organisierte. Karl Marx widmete »dieser Madame« mehrere Seiten in Das Kapital. Die von ihr initiierte »Verjagung und Ausrottung der braven Gälen« hat sich im schottischen Bewusstsein als Inbild feudaler Barbarei eingegraben.

Die Chefin des Clans heiratete einen englischen Industriemagnaten, dessen Reichtum den all seiner Zeitgenossen übertroffen haben soll. Er hatte auch Sinn für Kultur und erwarb eine aus 28 Tizians, Raphaels und Rembrandts bestehende Sammlung. Der jetzige Herzog nimmt auf der Sunday Times- Liste der reichsten Briten nur noch Platz 357 ein. Vielleicht will er nun seine Kasse durch den Verkauf zweier Tizians aufbessern.

Deren kunsthistorischer Wert, erklärt der Direktor der schottischen Nationalgalerie in Edinburgh, in der sie seit 1945 als Leihgabe hängen, sei einmalig. Der Kurator der englischen Nationalgalerie in London stimmt ihm bei, die fast 500 Jahre alten Kunstwerke nähmen Impressionismus und Kubismus vorweg, er vergleicht sie sogar mit der Mona Lisa. Im August starteten die beiden eine Kampagne zu ihrem Erwerb, den sich gemeinhin nur ausländische Sammlungen wie das Getty-Museum leisten können, selbst bei dem mit Sutherland vereinbarten Vorzugspreis. Der Herzog avisierte den 31. Dezember als Stichtag, an dem das Geld beisammen sein müsse.

Britische Gegenwartskünstler entfachten einen kulturnationalistischen Begeisterungssturm. Lucien Freud erklärte, wenn er Tizians Darstellung Aktäons betrachte, der die Göttin Diana und ihre Gespielinnen beim Baden überrascht, überkomme ihn das Gefühl, er sei selbst der antike Held. In seinen Augen gebe es kein schöneres Bildnis. Malermillionäre von David Hockney bis Damien Hirst verfassten gemeinsam einen Brief an Gordon Brown und forderten den Premierminister auf, ein Ausfuhrverbot zu verhängen, ein Verkauf in die USA müsse um jeden Preis verhindert werden.

Kunsthistoriker mit anderer Meinung meldeten sich in der aufgeheizten Stimmung lieber nicht zu Wort. Auch wenn sie den Vergleich mit der Mona Lisa für Quatsch halten und es ihnen ein Rätsel ist, warum die Bilder des Venezianers ein spezifisch britisches Kulturerbe darstellen sollen. Die Londoner Nationalgalerie besitzt jetzt schon ein Dutzend Tizians, um die niemand ein großes Aufhebens macht.

Ende Dezember hieß es, die Finanzierung des einen Bildes sei gesichert, das zweite Gemälde solle bis 2013 erworben werden. Doch der 31.Dezember verstrich ohne die erwartete offizielle Bekanntgabe. Stattdessen meldete sich ein prominenter PR-Mann im Namen des Grafen mit einem Kompendium vager Absichtserklärungen zu Wort.

In Wirklichkeit geht es bei dem Kampf um die Gemälde nämlich gar nicht mehr um Kunst und Kultur, die Kampagne hat eine kurios klassenkämpferische Wende genommen. Der Herzog, behaupten linke Labourpolitiker, sei alles andere als ein Wohltäter, er versuche in gewohnt Sutherlandscher Manier, das Volk auszutricksen. Der Begriff »Erpressung« fällt. Bei einem Verkauf an die Nationalgalerie spare er 60 Millionen Pfund an Kapitalertrag- und Erbschaftsteuern für jedes der von ihm vor neun Jahren ererbten Gemälde. De facto, so der Unterhausabgeordnete eines Arbeiterviertels in Glasgow, würde allein der Ankauf des ersten Bildes ein großes Loch in die Staatskasse reißen – für ein Kunstwerk, an dem keiner seiner Wähler irgendein Interesse habe. Er fände es viel besser, wenn es nach Amerika verschwände, dann müsste Sutherland jedenfalls anständig Steuern zahlen.

Die Nationalgalerie besteht darauf, Sutherlands Angebot sei ein Ausdruck tiefer Philanthropie. Doch der neu entfachte Hass auf seinen Namen ist nicht mehr einzudämmen. Auf der Internetseite der Edinburgher Tageszeitung The Scotsman fordert ein Blogger, die Sutherlands entschädigungslos zu enteignen. Ein anderer Blogger verlangt »unter Androhung von Erschießungskommandos im Morgengrauen« ihre umgehende Ausweisung nach England.

Dort fände der ungeliebte Herr vermutlich eine ihm gewogenere Stimmung. Ein Leserbriefschreiber der Times ist begeistert von der Idee, Steuergelder für die Tizians auszugeben – für etwas, das einen echten Wert besitze, nicht wie sonst »für überschuldete Banken oder Sozialhilfe für das niederträchtige Proletariat. Vortrefflich!«

 
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