Laut, nicht böse
Venezuela ist kein »Schurkenstaat« von oliver fahle
»Die Öl- und Schurkenstaaten leiden unter den gesunkenen Energiepreisen«, schreibt Jan Ross in seinem Jahresrückblick Das Jahr, das immer schneller wurde (ZEIT Nr. 1/09). Unter Öl- und Schurkenstaaten versteht der Autor Iran und Venezuela. Der CIA-Jargon, der hier ohne jegliche Relativierung verwendet wird, stößt unangenehm auf und fordert Widerspruch heraus.
Warum ist Venezuela eigentlich ein »Schurkenstaat«? Der Präsident dieses Landes ist demokratisch legitimiert. Er macht eine Politik, die vorsieht, den Reichtum des Landes besser zu verteilen. Dafür stellt er Schlüsselindustrien unter staatliche Kontrolle, was in Lateinamerika etwas völlig anderes bedeutet als in Europa. Dort sind die Reichtümer des Landes mehrere Jahrhunderte lang nur einer kleinen Minderheit zugute gekommen, darunter einer Reihe von US-amerikanischen Unternehmen. Die Vereinigten Staaten haben in den 1970er Jahren sämtliche Militärdiktaturen Lateinamerikas aktiv unterstützt und den gewaltsamen Tod vieler Lateinamerikaner mit zu verantworten. Die heutige Politik südamerikanischer Länder, sei sie voller Selbstbewusstsein wie in Brasilien, sei sie voller Empörung und mit oft unangenehmer Rhetorik wie in Venezuela, ist ein Resultat dieser historischen Erfahrung.
Man mag mehr Sympathie für den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio da Silva, genannt Lula, aufbringen als für Hugo Chávez, aber Venezuela ist noch lange kein »Schurkenstaat«, nur weil es nicht den Weg des westeuropäischen Modells einschlägt. Auch hat Chávez noch nicht den Beweis erbracht, dass er ein Diktator ist, auch wenn er manchmal so auftritt. Man kann und muss den Weg Venezuelas kritisch betrachten, aber zunächst einmal vor dem Hintergrund der historischen Leistung, die es – sowie nahezu alle südamerikanischen Staaten – in den letzten zwei Jahrzehnten erbracht hat. Diese Leistung ist übrigens höher einzuschätzen als die Wahl von Barack Obama, die von Jan Ross als Beweis der »Erneuerungsfähigkeit des westlichen Modells« gefeiert wird.
Oliver Fahle ist Juniorprofessur für Geschichte und Theorie der Bildmedien, Bauhaus-Universität Weimar
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- Datum 08.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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