Helmut Schmidt
Auf eine Zigarette mit
Über den Rummel um seinen 90. Geburtstag
Lieber Herr Schmidt, Sie haben es geschafft: Endlich sind Sie 90 geworden! Dieser Geburtstag war, wenn ich Sie richtig deute, für Sie nicht die reine Freude.
Das ist richtig. Mir wäre es lieber gewesen, wenn sich etwas weniger publizistische Aufmerksamkeit darauf gerichtet hätte. Insgesamt war es mir zu viel Gedöns.
Gab es auch Situationen, in denen Sie das Gefühl hatten, Sie werden benutzt?
Das hat es gegeben. Es gibt sogar Leute, die meinen, dass ich daran Geld verdiente. Das finde ich ziemlich komisch.
Eine Plattenfirma wirbt mit einem Klavierkonzert von Ihnen, an dem Sie vor 23 Jahren mitgewirkt haben. War das mit Ihnen abgesprochen?
Nein, das habe ich aus der Zeitung erfahren.
Eine Porzellanfirma preist »den Lieblingsaschenbecher von Helmut Schmidt«.
Ja, die haben mir einen sehr schönen Porzellanaschenbecher mit einem chinesischen Drachen als Dekor geschenkt; ich habe aber nicht gewusst, dass sie damit Reklame machen wollten.
Wir wollen jetzt auch nicht verschweigen, dass die ZEIT Ihnen zum Geburtstag eine DVD, zwei Sonderhefte und eine Titelgeschichte gewidmet hat. Die hat sich noch besser verkauft als selbst der Obama-Titel.
Ja, es war auch ein bisschen zu viel. Ich habe mich schon in der Konferenz der Politikredaktion über all diese verfrühten Nekrologe beklagt.
Wenn Sie auf die beiden Sonderhefte anspielen – das war das pralle Leben! Zum Beispiel Ihr Gespräch mit Schülern eines Gymnasiums in Hamburg.
Das gehörte ja noch zum normalen publizistischen Alltag. Aber deswegen musste man nicht unbedingt ein Sonderheft drum herum bauen.
Was hat Sie denn an den vielen Würdigungen gefreut?
Was mich sehr gerührt hat, sind eine Reihe von Äußerungen, die ihr in diesem Extraheft abgedruckt habt – von alten Gesprächspartnern, Freunden, Kollegen bis hin zum jetzigen Chef des Weltwährungsfonds und dem ehemaligen Ministerpräsidenten Singapurs – meinem Freund Lee Kuan Yew.
In ein und derselben Woche haben gleich drei große Blätter Sie auf ihrer Titelseite abgebildet: die ZEIT, der »Spiegel« und »Vanity Fair«. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Sie so populär sind?
Ich glaube, dass der eigentliche Grund nicht bei mir liegt, sondern dass es ein gewisses Bedürfnis nach Autorität gibt. Wenn man sie in der gegenwärtigen Führungsschicht der Banken, Unternehmen, der Gewerkschaften oder der politischen Parteien und im Parlament nicht ausreichend zu finden glaubt, dann richtet sich die Aufmerksamkeit auf die unterstellte Autorität eines Neunzigjährigen. Wenn ich statt 90 Jahre nur 60 wäre, dann wäre die Aufmerksamkeit ein bisschen kleiner.
Und es ist kein Kompliment für die herrschende politische Klasse.
Weder für die politische Klasse noch für die Klasse der führenden Banker, noch für andere Funktionseliten in der Gegenwart.
Die Menschen glauben, wenn gerade jetzt in der Finanzkrise noch Politiker wie Sie existierten, dann gäbe es auch bessere Lösungen.
Wenn Leute das glauben, dann sind sie im Irrtum. Es kann jedoch auch nicht allein auf die Deutschen ankommen, sondern es kommt auf ein Zusammenspiel aller wichtigen Entscheidungsträger in der Weltwirtschaft an; das schließt die Chinesen, die Inder, die Russen, die Japaner, die Brasilianer, die Öl und Gas produzierenden muslimischen Völker und die Europäer ein – darunter auch die Franzosen und die Deutschen. Zu meinen Zeiten ging es nur um die damaligen Industriestaaten. Insofern ist die Welt von heute eine völlig andere.
Sind Sie jetzt nicht ein bisschen zu bescheiden?
Nein, das ist die Wahrheit.
»Insgesamt war es mir zu viel Gedöns«
ZEIT magazin Das Gespräch führte Giovanni di Lorenzo ––– Foto Sawatzki/ullstein bild
- Datum 08.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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