China Charta der Freiheit

Chinas Opposition meldet sich zu Wort. Europa sollte solidarisch sein. Es geht auch um unsere Werte – und um unseren Ruf

Wanderarbeiter protestieren in Peking gegen das Ausbleiben ihrer Löhne: Demonstrationen sind in China selten, denn sie können für die Teilnehmer gefählich werden

Wanderarbeiter protestieren in Peking gegen das Ausbleiben ihrer Löhne: Demonstrationen sind in China selten, denn sie können für die Teilnehmer gefählich werden

Überall in China wurden in den vergangenen Tagen Schriftsteller, Journalisten oder Professoren von der Polizei »zum Gespräch« gebeten. Ihr Vergehen: Sie hatten ihre Unterschrift unter die »Charta 08« gesetzt, ein Manifest, das grundlegende Änderungen des politischen Systems fordert – Gewaltenteilung, eine unabhängige Justiz, Versammlungsfreiheit, Freiheit der Rede, Religionsfreiheit, ein Ende der Einparteienherrschaft. Die Charta könnte zur größten innenpolitischen Herausforderung der Regierung seit den Studentenunruhen 1989 werden.

Anfang Dezember, zum 60. Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte, hatten 303 Intellektuelle die Charta ins Internet gestellt. Einer der prominentesten Erstunterzeichner, der 53 Jahre alte Schriftsteller und ehemalige Philosophieprofessor Liu Xiaobo, wurde sogleich wegen Anstiftung zur »Untergrabung der Staatsgewalt« festgenommen. Dennoch haben inzwischen mehrere Tausend chinesische Bürger die Charta unterzeichnet.

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Natürlich muss ein solcher Aufruf, der sich mit seinem Namen auf die Charta 77 der Prager Reformer um Václav Havel beruft, in Peking für größte Unruhe sorgen. Dies umso mehr, als China 2009 vor schwierigen Jahrestagen steht.

Drei schwierige Jahrestage könnten Peking in Bedrängnis bringen

Vor zwanzig Jahren, am 4. Juni 1989, endeten die friedlichen Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in einem Blutbad. Die Kommunistische Partei verweigert bis heute jede Aufklärung über die Hintergründe des Tiananmen-Massakers. Natürlich fürchtet sie, dass zum Jahrestag die Forderung nach einer Neubewertung des offiziell als »konterrevolutionär« geschmähten Protestes wieder lauter wird.

Vor fünfzig Jahren, im März 1959, schlug China einen Volksaufstand in der tibetischen Hauptstadt Lhasa nieder. Der Dalai Lama floh ins indische Exil. Nachdem schon im vergangenen Jahr in Tibet die Proteste gegen die chinesische Besatzung aufgeflammt sind, könnte die Erinnerung an die Flucht ihres geistigen Oberhauptes unter den Tibetern erneut den Zorn über das Pekinger Regiment hochkochen lassen.

Vor neunzig Jahren schließlich erschütterte die 4.-Mai-Bewegung das alte China. Aus Wut über einzelne Bestimmungen des Versailler Vertrages waren im Mai 1919 Pekings Studenten auf die Straße gegangen. Die von ihnen ausgelöste kulturelle Revolte richtete sich gegen die konfuzianische Orthodoxie. Im Namen von »Wissenschaft und Demokratie« verlangten die Studenten eine Modernisierung Chinas, damit das Land endlich den Anschluss an die fortschrittlichen westlichen Mächte finden könne.

1919 – 1959 – 1989: ein Dreiklang der Jahrestage, der im geschichtsbewussten China zu intensiven Diskussionen führen wird. Auch zu neuen Protesten? Die kommunistische Führung wird sich jedenfalls dagegen wappnen. Und jeden, der sich in Chinas »innere Angelegenheiten« einmischt, harsch in die Schranken weisen.

Das mussten im vergangenen Jahr die Europäer erfahren. Als das Europäische Parlament Ende Oktober den Bürgerrechtler Hu Jia mit dem Sacharow-Preis auszeichnete, empörte sich China über diese Unterstützung für einen »inhaftierten Kriminellen«. Die Europäer beeindruckte dies glücklicherweise nicht. Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering würdigte Hu Jia als »glühenden Verfechter der Menschenrechte«. Und auch Bundeskanzlerin Merkel begrüßte den Preis für Hu. Diese Frage, erklärte sie, gehöre »zu den Dingen, bei denen man zwischen der EU und China unterschiedlicher Meinung« sei.

Unterschiedliche Meinungen muss man aushalten können. Europa kann China seine Werte nicht aufzwingen. Es darf sich allerdings auch nicht davonstehlen, wenn diese Werte verletzt werden. Zumindest müssen diejenigen, die in China auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen, sich auf unsere Solidarität verlassen können. Ob es ihnen hilft? Gleichgültig ist der chinesischen Führung ihr Ruf im Westen jedenfalls nicht. Uns sollte unser guter Ruf bei denen, die auf uns setzen, auch nicht egal sein!

Was hilft: Mehr denn je brauchen der Westen und China einander. Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise wird ohne die Volksrepublik nicht zu bewältigen sein. Diese wiederum müsste soziale Unruhen befürchten, sollte sich das Wachstum weiter verlangsamen. Also wird sie im Jahr 2009 nach Kräften versuchen, die Krise gemeinsam mit dem Westen zu überwinden. Die ersten Schritte dazu hat sie bereits getan und ein Konjunkturprogramm von umgerechnet 460 Milliarden Euro beschlossen.

China weiß, dass es – wirtschaftlich und politisch – international mehr Verantwortung übernehmen muss. Es ist gewiss kein Zufall, dass die chinesische Marine sich am Kampf gegen die Piraterie vor Somalia beteiligt – die erste Expedition dieser Art, seit Admiral Zheng He Anfang des 15. Jahrhunderts mit seiner gewaltigen Flotte vor den Küsten Afrikas aufkreuzte.

Das Bewusstsein, aufeinander angewiesen zu sein, es wächst auch an der Spitze der KP. Das große China-Jahr 2008, das Jahr der Olympischen Spiele, zeigte eine gleichermaßen auftrumpfende wie unsichere Nation, die auf Kritik nervös und beleidigt reagierte. Gut möglich, dass sich Chinas Öffnung, seine Bereitschaft zur Übernahme internationaler Verantwortung jetzt, im Zeichen der Finanzkrise, beschleunigt. Ausgerechnet im Jahr 2009, dem Jahr der schwierigen Jahrestage. Es wäre auch ein Hoffnungszeichen – ein kleines nur, gewiss – für die schikanierten Bürgerrechtler daheim.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Im März wurden in Lhasa 19 Zivilisten von einem rassistischen tibetischen Mob erschlagen und bei lebendigem Leib verbrannt, und in ihren Augen ist dies dann ein Protest.

    Werden sie, wenn NPD und Konsorten wieder Ausländer durch die Straßen hetzen auch von "Protest" reden?

  2. fordert von China Menschenrechte und Demokratie.

    Gleichzeitig ist er einen der fanatischsten Anhänger der Europäischen Verfassung / Vertrag von Lissabon. Einer Verfassung, die auf absolut undemokratische Weise unter vollständiger Missachtung der Bürger durch die Parlamente gepeitscht wird, die inhaltlich unseren Bundestag zur ausführenden Behörde degradiert, die Einführung der Todesstrafe wieder möglich macht (im Kriegsfall bzw. bei Kriegsgefahr) und die Mitgliedstaaten zur massiven Aufrüstung zwingt.

    Will Pöttering seine Vorstellung von Demokratie und Menschenrechten wie Bush und Blair mit Angriffskriegen umsetzen?

    • TimmyS
    • 19.01.2009 um 22:58 Uhr

    TiSe

    Deutschland genauso seine Jahrestage, die für reichlich Diskussionsstoff sorgen könnten. Die Wirtschaftskrise hat ein Gutes. Sie hat gezeigt, dass alle gleich sind, am gleichen Strang ziehen und verloren haben und dies erleichtert wohl die Annäherung aneinander.
    Ich bin gespannt, wie sich dies wohl weiterentwickeln wird. Ich hoffe, dass es sich entwickeln wird und nicht krankhaft an alten Methoden hängen bleibt.

  3. ist das immer eine Schlagzeile wert. Wenn im eigenen Land immer mehr (einst erstrittene) Bürgerrechte ausser Kraft gesetzt oder untergraben werden, kräht kaum ein Journalist danach.

    Das also sind die gemeinsamen Werte im eigenen Lande wert.

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    • TimmyS
    • 20.01.2009 um 0:26 Uhr

    TiSe

    Als die Gesetzesverschärfung durch Schäubles Vorhaben Thema war, hat sich die Presse sehr wohl darauf gestürzt und sich sogar gewundert, warum die Gegner verstummen. Aber anscheinend warten immer viele darauf, dass die Presse die Kritik äußert, weil man anscheinend selber sich nicht traut.

    • TimmyS
    • 20.01.2009 um 0:26 Uhr

    TiSe

    Als die Gesetzesverschärfung durch Schäubles Vorhaben Thema war, hat sich die Presse sehr wohl darauf gestürzt und sich sogar gewundert, warum die Gegner verstummen. Aber anscheinend warten immer viele darauf, dass die Presse die Kritik äußert, weil man anscheinend selber sich nicht traut.

    • TimmyS
    • 20.01.2009 um 0:26 Uhr

    TiSe

    Als die Gesetzesverschärfung durch Schäubles Vorhaben Thema war, hat sich die Presse sehr wohl darauf gestürzt und sich sogar gewundert, warum die Gegner verstummen. Aber anscheinend warten immer viele darauf, dass die Presse die Kritik äußert, weil man anscheinend selber sich nicht traut.

  4. Ja sicher, Europa, insbesondere wir Deutschen, haben dringend die Pflicht einem jahrtausende Jahre altem Land mit knapp 1,3 Mrd Einwohnern moralische Entwicklungshilfe zu leisten. Solange es hier geheime schwarze Listen, eine völlig unlegitimierte Exekutiv-Diktatur (EU), Basen einer fremden Macht von denen auch noch völkerrechtswidrige Kriege geführt werden und der Zugriff des Kapitals auf das Volksvermögen scheinbar Usus ist sollten wir vieleicht unsere "Kritik" auf ganz ganz kleiner Flamme kochen. "Opposition" geschieht in China, par Definition innerhalb der kommunistischen Partei, so ist der Staat gebaut und das hat man anzuerkennen. Und "Präventivgespräche", Passentzug, Berufsverbote und Überwachung sind bei uns weis Gott keine unbekannten Praktiken. Also, ganz ruhig Brauner...

    • flew
    • 20.01.2009 um 7:36 Uhr

    Wieder einmal ein typisch - westlicher China Blick. Rhetorik, Floskeln, eine Brise Angst und Mutmaßung, wenig Gespürr für Geschichte und dem Anschein nach wenig wissen über Politik in China.

    Der einzige Jahrestag, von dem in China in diesem Jahr die Rede sein wird ist der 1.10. 1949 - 60 Jahre Volksrepublik - den hat der Herr Nass vergessen (ist wohl nicht so wichtig)

    Hier im Westen werden wir aber lieber über die Jahrestage reden, die sie aufgezählt haben. Und wie wärs mit 1899, gescheiterte Reform, da könnte man sicher auch einiges hinein interpretieren, Parallelen ziehen ...

  5. 8. Kritik

    "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

    Die Kommentare zu den Verfehlungen Deutschlands sind viel härter als der Bericht über China. Die meisten Chinesen in diesen Foren gehen davon aus:
    1. China wird permanent angegriffen und verachtet
    2. Es wird zuwenig gewürdigt.
    3. Es wird nicht anerkannt.
    ---
    1. China führt kein Krieg und wird auch nicht angegriffen
    2. China: Ich würdige dich, unglaublich in so kurzer Zeit soviel Arbeit für soviele Menschen zu schaffen.
    3. China ist Mitglied der UNO, WTO, IOC, und und und.
    ---
    China kritisiert auch Deutschland, also soll Deutschland auch China kritisieren.
    Sollen mir die China-Versteher erklären:
    Was die Menschen in China bei einer sauberen Gewaltentrennung verlieren?
    Was die Menschen in China bei weniger Korruption verlieren?
    Was die Menschen in China bei weniger Willkür verlieren?
    ---
    Das alte, korrupte Regime (und genau das ist es) versteckt sich hinter der Liebe der Chinesen zu ihrer Kultur und ihrem Land.
    In Deutschland versteckt sich das politische Regime hinter immer weniger Demokratie, Kaufen der Wähler durch Geschenke, Verdummung der Menschen.
    ---
    Was würde Deutschland verlieren - wenn es aus der EU austritt?
    Was würde Deutschland verlieren - wenn es TV für U25 verbietet?
    Was würde Deutschland verlieren - wenn es für jeden Menschen mit Migrationshintergrund und ohne Pass eine Kosten-Nutzen-Rechnung durchführen würde?
    Was würde Deutschland verlieren - wenn es die Steuern (direkt/indirekt) auf EU Minimum senken würde?

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