Europa in der Krise Jeder für sichIn den
Ob Finanzkrise oder Energieengpass: Regierungen in der EU missachten europäische Regeln. Das schadet am Ende allen

© Dimitar Dilkoff/AFP/Getty Images
Kälte in Bulgarien. Der Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine trifft das Land hart
Die Situation ist erbärmlich. Da fließt das Gas aus Russland ein paar Tage lang nicht mehr nach Europa, und schon bleibt den Slowaken offensichtlich nichts anderes übrig, als zu frieren – oder ein stillgelegtes, gefährliches Atomkraftwerk wieder anzuwerfen und damit gegen EU-Recht zu verstoßen. Genau das tun sie dann, Regierungschef Robert Fico hat es so entschieden, und in seiner Ankündigung schwingt mit: Wen scheren in solch einer Krise schon die EU und ihre Verträge?
Damit weist der Slowake auf ein fundamentales Problem der EU hin. Denn nicht nur im slowakischen Bratislava, auch in anderen Hauptstädten fragen sich die Regierenden seit einigen Monaten, seit dem ersten Zusammenbruch der Finanzmärkte nämlich mal laut, mal leise, mal polemisch, mal panisch: Was mischt sich die EU ein? Helfen kann sie ja doch nicht!
Dabei ist es übrigens erstaunlich egal, ob es sich um die Finanz- oder die Energiekrise handelt. Die spontane Reaktion in den Regierungszentralen scheint immer ähnlich: Man trifft sich zwar zu Gipfeln aller Art und tritt auch international gemeinsam auf. Schnelle Hilfe organisiert man dann aber lieber allein zu Hause, vertraut auf nationale Fonds zur Rettung der Banken, auf nationale Hilfsprogramme für die Unternehmen oder heimische Atomkraftwerke zur Energieversorgung. Und stänkert im Zweifel wie der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück gegen die lahmen Bürokraten in Brüssel, die mit ihren starren Regeln angeblich die beherzten Aktionen der heimischen Politik verschleppen. Passt ja auch so gut ins Klischee: die europäische Rechtsgemeinschaft als ein Bremsklotz für aktive Regierungen.
Solch ein Verhalten aber wirft gleich zwei Fragen auf: Verhindert EU-Recht tatsächlich schnelle Reaktionen in Krisen und ist damit eher ein Problem statt Teil der Lösung? Und warum schreibt es dann keiner um?
Zumindest über die letzte Frage können Europafans nur müde lächeln. Schließlich steht die Reform der EU seit Jahren auf ihrer Tagesordnung, ohne dass etwas geschehen würde. Zuletzt wurde der Lissabonvertrag, der die Institutionen handlungsfähiger machen sollte, von den Iren abgelehnt. Seither ruhen alle Bemühungen. Zwar hatte der französische Präsident Nicolas Sarkozy im vergangenen Halbjahr noch versucht, die EU jenseits vertraglicher Neuerungen allein durch die pure Kraft seiner Persönlichkeit aufzupeppen.
»Politischer Wille statt Ausbau der Rechtsgemeinschaft« lautete sein Prinzip. Und das hatte sogar einigen Erfolg: Die EU war plötzlich präsent auf der Weltbühne. Doch die institutionelle Schwäche der EU konnte Sarkozy auf diese Hauruckweise nicht beheben. Im Gegenteil: Das energische Handeln des Franzosen verstärkte eher den Eindruck, dass nur die richtigen Politiker mit ordentlichem Krawumm auftreten müssen – und schon läuft es in Europa.
Es läuft eben nicht, sieht man einmal vom besseren Außenauftritt Europas ab. Ganz augenfällig ist das in der Finanzkrise geworden. Dass die Regierungen da zu Beginn ihr Verhalten nicht koordinierten, mag man mit der Dramatik der Situation entschuldigen. Doch dass seither die nationalen Rettungspläne für die Banken in Europa kaum miteinander koordiniert werden, dass nun jede Regierung ihre eigene Industriepolitik macht, um ihre Institute zu retten, ist unsinnig, kurzsichtig und für den Steuerzahler teuer.
Ein paar grundsätzliche Regeln der Wettbewerbspolitik habe die Kommission im Dezember nur dadurch retten können, dass sie sich wie ein Bambus im Sturm benommen habe, schreibt der Ökonom Daniel Gros von der Brüsseler Denkwerkstatt Centre for European Policy Studies. Die Behörde habe ihre Kontrollregeln selbst geschwächt, damit sie von den Regierungen nicht völlig zerstört würden. Als Folge dürften wir in den kommenden Monaten einen Subventionswettlauf erleben.
Man mag das in der Krise sogar rechtfertigen. Problematisch bleibt jedoch: Je mehr der alten, erfolgreichen europäischen Spielregeln einfach über den Haufen geworfen werden, ohne dass zugleich nach neuen gemeinsamen Reformen gesucht wird – desto unwichtiger wird künftig die europäische und desto bedeutender wieder die nationale Wirtschaftspolitik. Eine solche Entwicklung aber wäre eindeutig die falsche Schlussfolgerung aus all den Krisen. Dass Europas Bürger und Unternehmer vom gemeinsamen Binnenmarkt, von einer europäischen Wettbewerbskontrolle profitiert haben, wird kaum jemand bestreiten. Die Finanzkrise hat zudem deutlich gezeigt, dass es eher zu wenig globale (und europäische!) Regeln gibt, jedenfalls in der Finanzmarktregulierung. Sollten sich die Europäer daher nicht gemeinsam auf die Suche nach einem neuen Regelwerk machen – und zwar nicht nur im Rahmen der weltweit größten Industrienationen, sondern auch innerhalb der EU? Doch da fehlt es an Ideen, an Debatten, an politischem Willen und an Politikern, die dieses Thema zu dem ihren machen.
Auch die zweite große Krise, der Dauerdisput mit Russland, hat wiederholt bewiesen, dass Europa nur gemeinsam weiterkommt. Sowohl im Georgienkrieg als auch im Gasstreit haben die Europäer diese Einsicht immerhin für die Außenvertretung beherzigt und mit Putin und Co. gemeinsam verhandelt. Doch auch hier zögern sie beim nächsten Schritt, der internen Suche nach mehr Gemeinsamkeit, die Ländern wie der Slowakei mehr böte als nur die zweifelhafte Wahl, entweder gegen EU-Recht zu verstoßen oder die eigenen Bürger frieren zu lassen. Bisher ist eine gemeinsame Energiepolitik mit grenzüberschreitend offenen Netzen, Solidaritätsklauseln im Krisenfall und anderen gemeinsamen Elementen immer gescheitert – auch an der Bundesregierung.
Um nicht missverstanden zu werden: Europäische Integration ist kein Allheilmittel und europäisches Recht kein Selbstzweck. Viele wirtschaftspolitische Fragen sollten national beantwortet werden. Doch die Europäer und vor allem die Deutschen haben davon profitiert, dass Europa nach gemeinsamen (und nicht selten deutschen) Regeln tickt. Deswegen sollte gerade Berlin viel dafür tun, dass sie eingehalten werden können und besser werden.
- Datum 15.01.2009 - 19:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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Doch dass seither die nationalen Rettungspläne für die Banken in Europa kaum miteinander koordiniert werden, dass nun jede Regierung ihre eigene Industriepolitik macht, um ihre Institute zu retten, ist unsinnig, kurzsichtig und für den Steuerzahler teuer.
Das wage ich ernsthaft zu bezweifeln.
Ihr Jourlalisten hättet mal lieber vor Jahren schreiben sollen, dass es teuer ist, wenn z.B. eine 100 Jahre seriös agierende Wiesbadener Pfandbriefbank plötzlich in ein anderes EU-Land (Irland) abwandern darf, dort fast keine Steuern zahlen muss und sich über alle Ohren verzocken darf.
Das war extrem teuer für uns und nicht dieser Nebenkriegsschauplatz, der hier aufgemacht wird.
Die EU-Länder haben im Detail immer noch unterschiedliche Bankensysteme. Deshalb ist es z. Z. noch besser, wenn auch jedes Land seine eigenen Rettungsmöglichkeiten sucht.
Deutschland als Kollektiv tönt ja immer, wie toll doch alles organisiert ist. Nun hätte ich gerne eine Umfrage vor 5-10 Jahren gesehen, wie ihr Vertrauen z.B. zu spanischen Banken wäre (im Gegensatz zu den deutschen Banken), gleiches gilt für die Einhaltung der €-Kriterien und nun für die Energieversorgung.
Heute ist es jedoch leider so, dass deutsche Banken am Stock gehen (oder sich verzockt haben) währen anderswo (nicht überall) vielerlei Einschränkungen im Bankenwesen galten, die man in Deutschland müde belächelte. Auch dass Deutschland jahrelang nicht unter 3% Neuverschuldung (gem. Euro-Stabilitätspakt) lag, sondern bei gut 4% wird ja nicht mal in deutschen Medien erwähnt und landete bestimmt nicht in deutschen Bürger-Köpfen. Allerdings, sobald sich mal ein anderer Staat vorübergehend in Richtung Grenzen des Stabilitätspaktes bewegte, wurde gleich drauf los gedroschen.
Von weiteren deutschen Vorreiter-Modellen wie die EU-weite 65-Stunden-Woche oder die Verhinderung der Einführung der 6+5-Regelung im europäischen Fußball will ich garnicht reden. Immer hört man einige Leute schön vernünftig reden, während hinter dem Rücken der Öffentlichkeit ganz andere Lobby-Arbeit betrieben wird.
Jetzt die Miserie mit dem Gas. Die EU soll sich nun nicht nur einmischen, sondern die Verdichtungsmengen, die für die Lieferungen von der Ukraine bereit gestellt werden (oder auch nicht) zahlen.
Was sollte also einen Spanier oder Portugiesen bewegen, dass dies aus der EU-Kasse beglichen werden soll. Politische Einmischung ja, das Beispiel, die Rechnungen für politische Freundschaften, Fehlwirtschaft, Börsenspiele oder Nebenjobs von Ex-Kanzlern zu begleichen, sollte jedoch nicht Schule machen.
... ein debattierender Selbstversorger-Club,
der sich mit der Größe von Präservativen
beschäftigt.
Mal wieder ein sehr oberflächlicher Artikel eines EU-Zentralisten. Es wird schlicht und einfach ohne Analyse behauptet, dass Europas Bürger vom Binnenmarkt profitiert haben. Für deutsche Arbeitnehmer, insbesondere solche mit geringem Einkommen, gilt dies sicherlich nicht. Die offenen Grenzen haben es vielmehr der Wirtschaft ermöglicht, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern und dort zu produzieren, wo es am billigsten ist. Dementsprechend sind die Reallöhne der Arbeitnehmer in den letzten 10 bis 15 Jahren gesunken. Die Kapitalerträge sind hingegen gestiegen. Dies entspricht übrigens genau den Vorhersagen neoklassischer (neoliberaler) ökonomischer Modelle (sog. Stolper-Samuelson-Effekt). Daher gilt: Rettet den Sozialstaat, stoppt die EU und die Globalisierung. Offene Grenzen sind kein Schicksal, sie sind von Politikern und von Ideologen gemacht, die die Nation und den Nationalstaat als Solidargemeinschaft mit Füßen treten.
Und in der Finanzkrise wird insbesondere der Esperanto-Taler (auch Euro genannt) erneut zur Gefahr für Deutschland. Andere Euro-Staaten können aufgrund ihrer Schuldenpolitik und/oder ihrer schlechten Finanz(markt)politik zahlungsunfähig werden, bei Irland droht diese Gefahr konkret. Dann muss Deutschland diesen Staaten finanziell zu Hilfe eilen oder aber es wird, wenn neue Euros für diese Staaten gedruckt werden müssen, auch bei uns die Inflation in die Höhe schnellen. Bereits die letzte Stagnationsphase in Deutschland 2000-2004 ist auch durch den Euro mitausgelöst worden, weil Deutschland zu einem zu hohen Wechselkurs in den Euro eingetreten ist. Aber die EU hat ja soooo viele Vorteile......
@Marler2 Danke fuer deinen total objektiven Kommentar, der sich von dem miserablen Artikel deifinitv abhebt. Ich habe da einen Artikel fuer dich: Link
Weder Antiglobalisierung noch EU-Zentralismus sind eine wirkliche Hilfe. Auch ein Stimulus-Paket ist Subvention und wie schon gesagt schadet dieses IMMER anderen Staaten. Endlich kriegen die europaeischen Staaten die schrecklichen Folgen von Staatsbeteiligung zu spueren unter denen Entwicklungslaender schon seit Jahrzehnten zu leiden haben.
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