Heiliger Ernst
Kind mit Hahn. Ein Junge, nackt, in der Hand das fedrige Tier, ein junger Mensch mit großen blanken Augen, in denen sich noch nichts zu spiegeln scheint. Die Porträtfotos des spanischen Künstlers Pierre Gonnord verströmen einen heiligen Ernst. Es sind Statements im übergroßen Format, sie reichen im Gestus weit zurück in die Geschichte des Landes. Mit barockem Ges- tus zitieren sie die große religiöse Tradition und weiter jene Lebenswelten, in denen der Mensch noch von Natur umgeben ist, auch im Tier sein Gegenüber findet, wie es zu Beginn des letzten Jahrhunderts nicht ungewöhnlich war, als eine Mehrheit der Spanier noch auf dem Lande lebte, nicht einmal des Lesens mächtig war. Nach Francos Tod im Jahre 1975, nach 40 Jahren Faschismus, musste sich die spanische Nation selbst neu erfinden. Auch in der Kunst. Der Band Nuevas Historias versammelt 31 zeitgenössische spanische Fotografen, entfaltet auf über 200 Seiten eine große Bandbreite von Arbeiten, die den Weg in die Moderne dokumentieren, als work in progress (Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2008; 238 S., 39,80 €). Formal und medial werden hier Anknüpfungspunkte gesucht, der Blick wird global weit gestellt, reicht über die Kontinente hinaus und in die politischen Anliegen der Gegenwart hinein. Es ist ein Band, der sich auch buchtechnisch verkünstelt, mit hochkant gestellten Namen, schwer aufzufindenden Seitenzahlen. Die Künstlerbiografien verheimlichen ärgerlicherweise wesentliche Lebensspuren. Aber insgesamt ist es doch ein hochspannendes Buch, so interessant wie sicherlich auch die Ausstellung im Kulturhuset Stockholms, die noch bis Ende des Monats geöffnet ist.
- Datum 15.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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