Bücher machen Politik Die neuen Ghettos
Gewalt als Antwort auf alle Fragen – ein Buch über Frankreichs Vorstädte hilft, das Leben der Unterschicht zu verstehen
Wer sich auf den Weg macht, französische Vorstädte anzuschauen, in denen die sogenannten classes populaires wohnen (bei uns hieße es wohl »die Unterschicht«), der sieht nicht viel. Außer Beton natürlich. Vielleicht ein paar Jugendliche arabischer oder afrikanischer Familienherkunft, die auf öffentlichen Plätzen – wie man vor der Lektüre dieses Buches wohl ganz unbefangen formuliert hätte – »herumlungern«.
Die Bewohner der Banlieues sind nämlich nicht nur sozial, körperlich und räumlich definiert, sondern auch einer Begriffswelt zugewiesen. Das und vieles mehr demonstriert auf mehr als 600 Seiten das Buch Ghetto urbain des Soziologen Didier Lapeyronnie.
Nein, der Besucher der Banlieue sieht nicht viel, denn es existiert dort kaum öffentliches Leben, die Bewohner ziehen sich typischerweise in ihre Familien zurück. Doch die Soziologie hat ja gerade die Aufgabe, das Versteckte aus der Kulisse zu zerren und dafür Worte zu finden. Für Lapeyronnie ist der Begriff »Ghetto« zentral. Ein kritischer Begriff, weil im republikanischen Frankreich das Gleichheitsideal die öffentliche Ideologie beherrscht, so sehr, dass die Statistik nicht »Araber« oder »Schwarze« sondern allein Franzosen kennt, weshalb das Ausmaß der Diskriminierung nur schwer zu ergründen ist. Von »Ghettos« zu sprechen ist eine Provokation. »Dies ist doch nicht Amerika!«, schallt es Lapeyronnie entgegen.
Doch siehe da, die Beschreibungsmuster amerikanischer Ghettos halfen dem Soziologenteam um Lapeyronnie ganz gut, seine Daten zu ordnen. Von 2004 bis 2006 suchten die Forscher die Banlieue einer mittelgroßen Stadt auf, bildeten Gesprächsgruppen, fragten die Bewohner aus und bedienten sich überdies ethnologischer Beobachtungsmethoden. Die Ergebnisse wurden sodann mit Erzählweisen der Soziologie in einen Sinnzusammenhang gebracht. Eine Methode, die um den Preis, nicht hieb- und stichfest zu sein, doch immerhin den Vorteil bietet, plausible Ergebnisse zu liefern. Weshalb das Buch mittlerweile in fast jeder Debatte über die Vorstädte zitiert wird.
Lapeyronnie zeigt detailreich, dass die Bewohner der Banlieues ihr Leben jenseits der Grenzen der Normalgesellschaft führen; sie befinden und bewegen sich anderswo, sie essen und kleiden sich anders, sie verdienen ihren Lebensunterhalt anders, haben ein anderes Privatleben und ein anderes Selbstbild als die Mehrheitsfranzosen. Ihr sozialgeografischer Raum bildet ein Ganzes, trotz aller Binnendifferenzierung, dem sie kaum entkommen können.
Schön ist das nicht: Gewalt als Ersatz für sozial wirksame Beziehungen, Unterdrückung der Frauen als Ersatz für Familienstolz, Abgrenzung gegen sozial Schwächere (»Penner und Schmarotzer«) als Ersatz für Klassenstolz, Antisemitismus als Ersatz für eine emanzipatorische Deutung der Ungerechtigkeiten dieser Welt. Eine Realität, die sich selbst verstärkt.
Zuweilen wird der Käfig verlassen. Die jüngsten Massendemonstrationen, die sich mit Hamas solidarisierten, waren nicht wegen ein paar brennender Autos am Schluss der Kundgebungen signifikant, sondern weil sie Zulauf aus den Banlieues erhielten. Woran das wohl liegen mag? Ein Hinweis Lapeyronnies hilft womöglich weiter: Es ist nicht die Prominenz des Nahostkonflikts in den Ghettos, die den Antisemitismus erzeugt, vielmehr verhält es sich umgekehrt.
Didier Lapeyronnie: Ghetto urbain – Ségrégation, violence, pauverté en France aujourdhui
Robert Laffont 2008; 625 Seiten, 23 €
- Datum 15.01.2009 - 14:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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