Wenn Katharina Bornheim ihren Matheunterricht beginnt, erheben sich 27 Fünftklässler und begrüßen die Lehrerin mit einem lang gezogenen »Guten Mooorgen, Frau Bornheim«. Erst nach ihrem zustimmenden Nicken setzen sich die Schüler der 5b auf ihre Plätze und schlagen Hefte und Bücher auf.

Es ist ein altmodisches Ritual einer Lehrerin aus einer neuen Generation. Katharina Bornheim ist 26 und erst seit einigen Monaten am Adolfinum, einem Gymnasium in Moers. Wer ihr beim Unterrichten zuschaut, glaubt dem Gerede über den Praxisschock der deutschen Junglehrer nicht mehr. Bornheim hat das Klassenzimmer längst für sich erobert. Die Schüler hängen an ihren Lippen, und die Lehrerin findet intuitiv einen Mittelweg zwischen Bestimmtheit und Einfühlungsvermögen. Dafür schenken ihr die Schüler Respekt. »Man darf bei ihr auch mal den Nachbarn fragen, sie ist hilfsbereit, nicht zu streng und erklärt gut«, sagt die elfjährige Marina über ihre Klassenlehrerin. Eine Zwölftklässlerin sagt später: »Wir sind eigentlich eine laute Klasse, aber bei ihr hören alle zu.«

Scheinbar mühelos hat Katharina Bornheim den Übergang von der Uni ans Lehrerpult gemeistert. Ist sie damit eine Ausnahme? Seit über zehn Jahren diskutieren Bildungsexperten in Deutschland über größere Praxisanteile im Lehramtsstudium, über die Ausgestaltung des Referendariats und die Bedeutung der ersten Berufsjahre. Studenten, die während des Studiums kaum Gelegenheit haben, vor einer Klasse zu stehen, sehen nicht selten voller Sorge ihrer ersten eigenen Unterrichtsstunde entgegen.

Katharina Bornheim hat sich frühzeitig um eigene Kontakte zu Kindern bemüht. Sie hat eine Sportgruppe geleitet, Nachhilfe gegeben und während der Semesterferien als Animateurin für Kinder in Frankreich gearbeitet. »Praxis ist essenziell«, sagt Bornheim, »die beiden Pflichtpraktika während des Studiums hätten da überhaupt nicht ausgereicht.«

Um das Lehramtsstudium besser an das Geschehen in den Klassenzimmern zu koppeln, haben viele Universitäten bereits ihre Studiengänge modularisiert und damit Bachelor- und Masterstudiengänge eingeführt. Allein Nordrhein-Westfalen will bis 2015 rund 106 Millionen Euro für Reformen des Lehramtsstudiums bereitstellen. Vor Beginn des Studiums sollen im größten Bundesland voraussichtlich von diesem Frühjahr an alle Lehramtsstudierenden ein mindestens vierwöchiges, sogenanntes Assistenzpraktikum absolvieren, um im Schulalltag zu sehen, ob sie sich für den Lehrerberuf eignen. Für das Masterstudium ist ein Praxissemester mit mindestens 450 Stunden Ausbildung in der Schule geplant.

»Es ist eine Illusion, einen auf alles vorbereiteten, berufsfertigen Lehrer ausbilden zu wollen«, sagt Bildungsforscher Ewald Terhart zu all den Versuchen, das Studium näher an die Schule heranzuführen. Für die Kompetenzentwicklung eines Lehrers seien die ersten Berufsjahre entscheidend. Weiterbildung sei in dieser Zeit unerlässlich, ebenso wie konkrete Unterstützungsangebote in der Berufseingangsphase (BEP), wie es sie seit über zwei Jahren in Hamburg gibt. Dort bekommen junge Lehrer Tipps und Klärungshilfe von erfahrenen Kollegen und erarbeiten Lösungsansätze für knifflige Situationen des Schulalltags. Wie es funktioniert, sich ein zugleich arbeitsökonomisch vertretbares und inhaltlich aussagefähiges Feedback von seinen Schülern zu holen oder wie die Integration eines Kindes ohne ausreichende Deutschkenntnisse mitten im Schuljahr gelingen kann, erläutert Maja Dammann vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, dem Veranstalter der Seminare.