Für Politfeuilletonisten – »öfter mal was Neues« – mag die schwarz-grüne Koalition in Hamburg ihren Reiz haben; für die Schüler der Hansestadt entpuppt sie sich als Reinfall. Sucht sie doch, im Rückgriff auf die gescheiterte Bildungspolitik der siebziger Jahre, ihr Heil im Radikalumbau der Schulstruktur – und facht damit den alten Schulkrieg (»Rettet das Gymnasium!« versus »Schule für alle!«) wieder an.

Im Eiltempo will die grüne Bildungssenatorin die Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre verlängern. Damit wählt sie den Weg der maximalen Unruhe, weil gleich alle Lehranstalten umgekrempelt werden: die Grundschulen, die sich zu sechsjährigen sogenannten Primarschulen umbauen müssen, und die weiterführenden Schulen, denen zwei Jahre weniger zur Entfaltung ihres pädagogischen Profils bleiben. Zudem wird das Recht der Eltern, die Schulform für ihr Kind zu wählen, einkassiert.

Das längere gemeinsame Lernen der Kinder schaffe mehr soziale Gerechtigkeit, sagt die Senatorin. Gut gemeint, doch fraglich. Ausgerechnet in einem Bundesland mit sechsjähriger Grundschulzeit, in Brandenburg, ist laut Pisa-Studie die Bildungsungerechtigkeit am größten. Dort ist im bundesweiten Vergleich die Lesekompetenz der 15-Jährigen am stärksten an die soziale Herkunft der Schüler gekoppelt.

Statt Hamburgs Schulen ein Experiment mit ungewissem Ausgang aufzunötigen, täte der Senat gut daran, das Hauptproblem der Hamburger Bildungspolitik direkt ins Visier zu nehmen: Die stolze Hansestadt hat bundesweit, noch vor Bremen, die größte Gruppe sogenannter Risikoschüler. 28 Prozent der 15-Jährigen können nicht richtig lesen!

Um das zu ändern, ist Konsens nötig, braucht man die Starken, um den Schwachen zu helfen. Auch die Bildungsbürger und ihre Kinder müssen und können motiviert werden, als Nachhilfelehrer, als Paten, als Mentoren schwacher Schüler diesem Missstand zu Leibe zu rücken. Wer sie stattdessen, wie die Bildungssenatorin, gegen sich aufbringt, indem er den altsprachlichen oder musischen Gymnasien zwei Schuljahre wegkürzt, begeht eine politische Torheit.

Und er wird vermutlich scheitern. Selbst die CSU wurde bekanntlich vom Wähler abgestraft, weil sie überstürzt die Gymnasialzeit verkürzte. Dass dem Senat die Schulpolitik noch nicht um die Ohren geflogen ist, liegt einzig daran, dass Bürgermeister Ole von Beust (CDU) aus Machtkalkül die Hamburger Unionsbasis zur Ruhe drängt. Nachdem die Grünen schon zwei Kröten schlucken mussten ( Elbvertiefung , Kohlekraftwerk Moorburg ), könnte ein Scheitern der Schulreform das Aus der Koalition bedeuten. Für die Schulen wäre das kein Verlust.