Ausbildung Mama wird Assistentin

Junge Eltern oder Menschen, die andere pflegen, können ihre Ausbildung in Teilzeit absolvieren

Die Geschichte von Sarah Karstens erzählt von einem weiten Weg und einem großen Zufall. Eine junge Frau macht vor sechs Jahren hochschwanger den Hauptschulabschluss und hängt, kurz nach der Geburt ihres Sohnes, die Realschule noch dran. Danach jobbt sie hier und da, auch mal an der Tankstelle. Die junge Mutter will herausfinden, was zu ihr passt. Und sie entscheidet sich für das Falsche: »Die Ausbildung zur Ergotherapeutin war nur Stress für mich und mein Kind.« Sarah Karstens sieht ihren Sohn nur zum Frühstück und kurz vor dem Schlafengehen, und sie leidet darunter. Sie ist jeden Tag 10 Stunden unterwegs, fährt in die Stadt, während Kevin Joshua im Ganztagskindergarten in Norderstedt in Schleswig-Holstein bleibt. »Für meinen Sohn war das enormer Stress, und ich stand kurz vor dem Burnout«, sagt die 22-Jährige heute.

Als Sarah Karstens nicht mehr weiterweiß, sieht ihre Mutter einen Bericht im Fernsehen, das Thema: Ausbildung in Teilzeit. Die Mutter ruft bei ihrer Tochter an, sie solle den Fernseher einschalten. Was Sarah Karstens sieht, zeigt ihr eine ganz neue Zukunftsperspektive. Sie bekommt die Telefonnummer der Handelskammer in Lübeck, Beatrix Hahner heißt dort die Betreuerin, die sich nur um Fälle wie den von Sarah Karstens kümmert.

»Wir können es uns nicht leisten, die Leute nicht auszubilden«

»Es sind vor allem junge Frauen, die zu uns kommen«, sagt Beatrix Hahner. »In diesem Jahr habe ich drei Männer und 333 Frauen beraten.« Seit das Berufsausbildungsgesetz 2005 geändert wurde, gibt es die Möglichkeit zur Teilzeitausbildung ganz offiziell. Die Auszubildenden leisten 75 Prozent der regulären Arbeit im Betrieb, also 25 bis 30 Stunden pro Woche. Die Zeit in der Berufsschule ändert sich nicht im Vergleich zu einer Vollzeitausbildung. Wer nur 20 Stunden arbeiten kann, braucht ein Jahr länger bis zum Abschluss. Um die Möglichkeit bekannt zu machen, haben sich in Schleswig-Holstein deswegen die Handelskammern und die Handwerkskammern zusammengetan und ein flächendeckendes Beratungsangebot geschaffen. Finanziert wird es aus Landesmitteln und aus dem Europäischen Sozialfonds. Beatrix Hahner und ihre Kollegen wenden sich an junge Mütter und Väter bis 25 Jahre, an Schwangere und an Menschen, die einen anderen pflegen. Sie alle haben das Recht auf eine Ausbildung in Teilzeit.

Von Beatrix Hahner bekommt auch Sarah Karstens Infomaterial und eine Liste mit möglichen Ausbildungsbetrieben. Sie ruft die ersten zehn Telefonnummern auf der Liste an, ihr jetziger Chef ist gleich der zweite Eintrag. »Ich wusste gar nichts damit anzufangen – Kauffrau für Bürokommunikation bei der Deutschen Vermögensberatung«, sagt Sarah Karstens. Sie sollte trotzdem eine Bewerbung hinschicken, eine Woche später geht sie zum Vorstellungsgespräch – und bekommt eine Zusage.

»Die meisten lernen Bürokaufmann oder Bürokommunikation. Das sind Berufe, in denen es Teilzeiterfahrung gibt und in denen kaum Kundenströme zu bewältigen sind«, sagt die Beraterin Beatrix Hahner. 54 Verträge sind bei ihr 2008 zustande gekommen; in den vier Jahren, seit es die Möglichkeit der Teilzeitausbildung gibt, hat sie insgesamt 250 Ausbildungsplätze vermittelt.

Auch der Arbeitgeber von Sarah Karstens wird von der IHK auf die Teilzeitausbildung angesprochen. »Ich hätte auch jemanden in Vollzeit einstellen können, aber ich finde, dass junge Frauen mit Kindern eine Chance verdient haben«, sagt Hans-Joachim Hubrich. Zwei Bewerberinnen melden sich auf sein Angebot, und Sarah Karstens gibt die richtige Antwort auf die entscheidende Frage: »Wollen Sie Sekretärin sein oder Assistentin?« Karstens will Letzteres und bewährt sich. »Wenn das Kind mal krank ist, kommt sie nicht. Dann arbeitet sie nach, oder ich springe ein«, sagt der Ausbilder. »Es ist nicht sehr schwierig, das hinzubekommen.« Ihm sei vor allem wichtig, dass seine Mitarbeiterin leistungsbereit sei und dass er sich auf sie verlassen könne.

Doch was offenbar so einfach zu organisieren ist, scheint in vielen Betrieben kaum bekannt zu sein. »Es ist noch nicht angekommen, dass die meisten Bewerber hoch motiviert sind und dass nicht nur zehn Jahre Auslandserfahrung ein Einstellungsgrund sein sollten«, sagt Rolf Steil, Leiter der Hamburger Arbeitsagentur. Junge Mütter und Väter hätten schon gelernt, was Verantwortung ist, und von diesem Faktor müssten die Betriebe schon aus demografischen Gründen überzeugt werden. »Wir können es uns nicht leisten, die Leute nicht auszubilden, wenn es insgesamt immer weniger Bewerber gibt«, sagt Steil.

Obwohl manche Ausbildungsbetriebe gar nicht genug Arbeit für einen Vollzeitazubi hätten, wüssten sie nichts von der Teilzeitmöglichkeit. Die Betriebe kalkulierten zudem nicht, dass es günstiger sei, einen Auszubildenden nur halbtags zu beschäftigen. »Noch ist die Not der Betriebe wohl noch nicht groß genug«, sagt auch Rolf Steil von der Hamburger Arbeitsagentur.

Doch trotz der Zurückhaltung der Betriebe wissen die Berater auch von Stellen, für die sich kein geeigneter Bewerber findet – etwa, weil der Arbeitsplatz im ländlichen Raum liegt und es kaum öffentliche Verkehrsmittel dorthin gibt. Zudem verlassen viele potenzielle Bewerberinnen mit der Schwangerschaft auch den vermeintlich normalen Bildungsweg. Um auch diesen Frauen eine Ausbildung in Teilzeit zu ermöglichen, vermittelt Beatrix Hahner von der IHK Lübeck sie in Qualifizierungsmaßnahmen. »Einige müssen erst mal den Schulabschluss nachholen, andere brauchen ein Bewerbungstraining«, sagt sie. Von der Schwangerenberatung bis zu freien Bildungsträgern besteht inzwischen ein Netzwerk, das Betroffenen hilft. »Unser Ziel ist es, die Frauen in eine ganz normale Ausbildung zu bringen, ohne sozialpädagogische Begleitung, ohne gesonderte finanzielle Bezuschussung«, sagt Beatrix Hahner.

Da das Gehalt bei einer Teilzeitausbildung allerdings für eine Kleinfamilie kaum zum Leben reicht, hat Sarah Karstens sich durch Berge von Anträgen gewühlt. »Ich habe mich da reingefuchst«, sagt sie. »Ich bekomme meine Ausbildungsbeihilfe, Wohngeld, zweimal Kindergeld für mich und Kevin Joshua und etwas Hartz IV.«

Sarah Karstens ist inzwischen im dritten Lehrjahr, im Mai macht sie ihre Abschlussprüfung. Kevin Joshua ist schon sechs Jahre alt und geht in die erste Klasse. Für die Nachmittagsstunden hat Sarah Karstens eine Tagesmutter gefunden, direkt gegenüber der Schule. Sie selbst hat es zur Arbeit auch nicht weit. Von zu Hause sind es nur zwei U-Bahn-Stationen. Wenn sie fertig ist mit der Ausbildung, hofft sie, übernommen zu werden: »In diesen Wochen stellt sich heraus, ob es klappt.« Was ihr Arbeitgeber dazu sagt? »Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß.«

 
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