Medien Arche Noah im Weltraumzeitalter
Die Radioschaffenden von DRS2 wollten ein Buch über ihren Sender verbieten. Die Autorin Margrit Sprecher beschreibt die Reaktionen auf ihre Arbeit
Schon vor seinem Erscheinen sorgte das Buch für Turbulenzen. »Helle Empörung« und »blankes Entsetzen« erfasste DRS2-Mitarbeitende, die die Druckfahnen gelesen hatten. Die Mailberge in den Briefkästen von Verlag und Autorin schwollen an, und als sie keine Wirkung zeigten, wurde eine Unterschriftensammlung gestartet und eine superprovisorische Verfügung, ein gerichtlicher Auslieferungsstopp, erwogen. Natürlich war auch die einst geplante Buchvernissage in den Studioräumen längst vom Tisch. Zu viele gekränkte Seelen, wurde mitgeteilt, schleppten sich durch die Korridore.
Auch andere Kulturstätten sagten aus Solidarität mit den Radiokollegen ab. Einzig Basels renommierteste Buchhandlung, Bider + Tanner, war bereit, das Buch (Das andere Radio DRS2, NZZ-Verlag) in seiner Adventsveranstaltung vorzustellen. Wenige Tage vor dem Anlass zog sie die Einladung wieder zurück. Und wir fragten uns bange: Wie weit wohl reicht der Bannstrahl der Basler Feingeister?
Inzwischen weiß ich: sehr weit. Selbst in den entferntesten Ecken der Schweiz schlugen bislang handzahme Kulturjournalisten in ihren Rezensionen mit dem Zweihänder um sich. Und der Tages-Anzeiger hob zu einer Tirade an, die mit boulevardesken Verkürzungen das Buch auf den griffigen Nenner brachte: »Das Radio als Kurhaus voller betulicher, weltfremder Bürolisten«.
Zum Beweis für ihre These pickten die Rezensenten die immer gleichen Buchstellen heraus: Im Radiostudio, gelegen in der »Forsythien-Idylle« eines Basler Einfamilienhaus-Quartiers, ist es »stiller als in einem Sanatorium zur Mittagsruhezeit«. Hier kann man »ohne Herzinfarkt, Leberzirrhose, Mobbing und Leistungsdruck das Pensionsalter abwarten«. Und schließlich: »Eine pädagogische Vergangenheit scheint zur genetischen Grundausstattung der DRS2-Leute zu gehören.«
Natürlich kann man verstehen, dass sich die Rezensenten so geschlossen hinter ihre Radiobrüder und -schwestern stellen. Denn die Stimmung in der Branche ist gereizt. Wie immer in Krisenzeiten kritisieren rechte Kreise die Kulturbetriebe als geschützte Werkstätten, die auf Kosten des Steuerzahlers leben. Und in den Zeitungen dampfen sparwütige Manager – inkompetente Ignoranten allesamt – die Kulturseiten ihrer Blätter ein oder streichen sie ganz und lassen den Kulturredaktor spüren, dass er weniger wert ist als der Gastrokritiker. Muss jetzt auch DRS2, die letzte kommerzfreie Kulturoase, daran glauben? Ein Himmel, wo Kulturschaffende, wie einst, noch immer mit Würde und Respekt behandelt werden und wo sie weder um Platz noch um Honorare betteln müssen? Zudem, so hoffte wohl mancher Rächer, verschaffte ihm seine Kampfschrift Goodwill und Zutritt zur üppig beladenen Futterkrippe im temperierten Stall…
Vom Rest des Buchinhalts war in den Besprechungen wenig die Rede. Entweder schien er den Rezensenten zu positiv, oder die geäußerte Kritik eignete sich nicht als Munition, weil sie von einem der Ihren stammte. Der letztes Jahr pensionierte Programmleiter Arthur Godel klagte über das gusseiserne Programmkonzept, die Splendid Isolation seiner Truppe und die »professorale Betulichkeit«, mit der im Sender ein Experte den andern befragt. Der Leiter »Wort« verglich das Bemühen, im Kultursender etwas Neues zu machen, mit »dem Besteigen des Mont Blanc mit einer Großfamilie«. Tatsächlich stoßen alle Neuerungen im Haus erst mal auf erbitterten Widerstand. Die phone-ins, die Hörer-Anrufe ins Studio, wurden als peinliche Anbiederung ans Privatradio abgetan, die Forderung nach größerer Aktualität als windschnittiger Konsumismus.
Kein Wunder freilich, dass bei der DRS2-Crew Störungen unerwünscht sind, dass sie auf Monate im Voraus plant und die meisten Sendungen aus Konserven bestehen. Denn hier arbeiten keine Journalistinnen und Journalisten, die es gewohnt sind, ein Thema ad hoc zu durchschauen, einzuordnen und in nützlicher Frist aufzubereiten. Der Homo DRS2 ist ein Spezialist, der sich journalistisch betätigt. Er tut sich, von seinem Expertenwissen belastet, schwer damit, diesen oder jenen Aspekt wegzulassen, und er findet es unseriös, allzu flink ein Thema abzuhaken.
Insgeheim hatte der Kultursender wohl eine Festschrift zum 50-jährigen Bestehen vor zwei Jahren erwartet – dies vor allem, weil er den eigenen Geburtstag verschlafen hatte. Bestärkt in der Hoffnung auf ein Lob-und-Preis-Werk sah er sich durch die namhafte Summe, die das Schweizer Radio an das Buch bezahlt hatte. Ich selbst freilich fühlte mich ganz als Reporterin im Dienste des Publikums. Stellvertretend für die 430.000 Hörerinnen und Hörer ging ich ein halbes Jahr im stillen Studio ein und aus, das, verglichen mit den modernen Zürcher und Berner Radiostudios, wie eine Arche Noah im Weltraumzeitalter wirkte. Das Publikum sollte erfahren, wer die Menschen hinter den Stimmen sind und wie es bei einem Kulturradio zu- und hergeht.
Eine schwierige Aufgabe, wie sich herausstellte. Denn Radio wird heute am Bildschirm gemacht, und ein Radiostudio unterscheidet sich kaum von den Büros einer Krankenkasse. Zudem wünschten sich die Radioschaffenden ein Werk, das ihren eigenen Vorstellungen entsprach. Es sollte gediegen und pädagogisch sein, Erkenntnisgewinn und Lebenshilfe bieten, und die Harmonie widerspiegeln, auf die man im Hause so großen Wert legt. Selbst als Streitgespräch angekündigte Diskussionsrunden werden bei DRS2 im Kammerton geführt. Ironie empfindet man als Häme, und wenn sich Kritik nicht vermeiden lässt, dann bitte liebevoll verpackt, möglichst im Konjunktiv formuliert und mit einem Fragezeichen versehen. Außerdem, so wurde mir bedeutet: Gehört die Rivalität zwischen den Abteilungen »Wort« und »Musik« wirklich in ein Buch? Beide werfen einander »absolute Unwissenheit« vor: Die Wort-Menschen sind musikalische Stümper, die Musiker getarnte Analphabeten. In der Kantine sitzt man an getrennten Tischen.
Trotzdem – für den Sender scheint ein Happyend in Sicht. In Zeitungen und Internetforen schwellen die Zuschriften treuer DRS2-Fans an, die ihr Missfallen am Sender-Porträt äußern – und dies in einem Ton, wie er sonst nur bei Islam- und EU-Debatten üblich ist. Sie zeigen sich »entsetzt« über die »primitive Art«, mit der ihre Hausheiligen vom Altar geholt wurden, finden das Buch eine »Zumutung«, seine Schreibe »vulgär«, ja »schlicht Müll!«.
Tatsächlich besitzt kein anderes Schweizer Medium ein derart verschworenes Publikum. Es handelt sich um eine Art religiöse Gemeinschaft, die in der Kulturstation ihre geistige Heimat sieht, bei deren geringster Bedrohung sie reagiert. So wie damals, als der Staat den Sender als »zu teuer für zu wenig Zuhörer« bezeichnete: Im Nu hatten sich die DRS2-Hörer zu einem Rettungsstoßtrupp namens DRS2 Kulturclub formiert. Seither bezahlen die 14000 Mitglieder für ihren Staatssender nicht nur die Konzessionsgebühren, sondern unterstützen ihn zusätzlich mit rund hundert Franken jährlich.
Vor allem aber erfreut sich DRS2, vom Medienecho nicht verwöhnt, jetzt endlich einer größeren Aufmerksamkeit. So widmete die Radiomitarbeiterzeitung dem bislang vernachlässigten Sender gleich ein ganzes Heft. Auch in Basel tat sich was. Marco Meier, der neue DRS2-Programmleiter, teilte mit, dass er in den neun Monaten seit seinem Amtsantritt bereits die halbe Führungscrew gegen ein jüngeres Team ausgewechselt habe. Damit, lächelte er, ist das wenige Wochen alte DRS2-Buch bereits veraltet.
- Datum 16.01.2009 - 13:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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