Auf Entzug
»Aber es ist doch eine Frechheit«, sagte Charlotte, »dass wir gar nicht richtig abstimmen dürfen. Die EU droht uns einfach, wenn wir nicht das tun, was sie will.« – »Hätten halt beitreten sollen«, meinte Chäschpi, »dann hätten wir auch etwas mitzureden.« – »Das würde dir so passen«, knurrte Peti, »noch mehr Staat, da wärst du ja im siebten Himmel!« Alle schauten angestrengt drein, sogar Franz, der wie üblich schwieg. Er dachte: Immer nur den Arm in der Schlinge, vielleicht sollte ich doch meine Schwester besuchen gehen. Mal öppis anderes als fernsehen.
»Ich sage ja nicht, dass die EU keine Fehler hat«, sagte Chäschpi und trank den letzten Schluck Bier. »Das will ich wohl meinen, bei der Erpresserbande«, Charlotte klopfte ihr Whiskyglas nervös auf den Tisch. »Das kannst du so nicht sehen, Charlotte«, versuchte es Chäschpi, aber Peti schnitt ihm das Wort ab: »Musst nicht auf ihn hören, der Chäschpi ist ein Linker, für den sind alle Menschen Patienten, und der Staat ist der Doktor.«
»Gopfertori, jetzt langt’s mer aber«, fuhr Chäschpi auf, »ewigs das huere Gjammer! Ihr Rechten hupt doch immer von wegen Eigenverantwortung! Eigenverantwortung hier, Eigenverantwortung da, aber sobald ihr mal eine Entscheidung getroffen habt, die blöd war, seid ihr die Armen, und alle Welt will euch ›erpressen‹. Schlimmer als im Kindergarten!«
»Es ist einfach eine Erpressung«, Charlotte klöpfelte das Glas wieder nervös auf den Tisch, »wirst schon sehen, das Sozialamt wird die Rumänen durchfüttern müssen.« Chäschpi verdrehte die Augen: »Und warum?« – »Weil es in Rumänien nicht schön ist, dänk«, erwiderte Charlotte. »Drum lebt ja auch kein Mensch mehr im Üri«, schimpfte Chäschpi, aber der Witz war zu abstrakt. Keiner lachte. Also machten sie alle wieder verkniffene Gesichter und schwiegen gereizt.
»Dragana«, rief Chäschpi schließlich, »eine Stange bitte und einen Kamillentee.« – »Bist du krank?«, wollte Peti wissen. »Nein, der Tee ist für dich.« Der Lehrer grinste, während der Elektriker panisch winkte, »Zwei Stangen, Dragana, keinen Tee«, und zischte: »Spinnsch?« – »Eine kleine Aufmerksamkeit für den Herrn Patienten«, sagte Chäschpi und deutete eine Verbeugung an.
»Mir langt’s«, sagte Charlotte plötzlich, als Dragana die Stangen brachte, »zahle bitte.« – »Du bist aber früh dran«, wunderte sich Franz. »Seit man hier nicht mehr rauchen darf«, sagte sie, »sind alle nur am Gifteln.« – »Hä«, machte Peti, der sich gedankenverloren am Oberschenkel gekratzt hatte. »Sie meint, wir leiden unter Passivrauchentzug«, klärte ihn Chäschpi – und wandte sich an Franz: »Was denkst eigentlich du?« Franz tippte auf ein Inserat im »Blick«: »Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.« – »Amen«, sagte Peti. Silvano Cerutti
- Datum 15.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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