Die Klassik-Platte Vom Frühling singen
Zu seiner Musik tanzte der Sonnenkönig. Jetzt wurde Jean-Baptiste Lullys Oper »Proserpine« glänzend wiederentdeckt
Die alten Griechen und Römer baten im Januar nie den Meteorologen um Auskunft, wie lange der bittere Frost anhalten werde. Sie hatten ihren Homer und Ovid, dort konnten sie gottergeben alles über den Winter nachlesen. Er fiel stets in jene Zeit, da die unglückliche Proserpina getrennt von ihrer Mutter Ceres, der Göttin der Fruchtbarkeit, in der Unterwelt weilen musste – beim ungeliebten Götterkollegen Pluto, der sie geraubt hatte. In dieser Zeit blühte nirgendwo ein Blümchen: Ceres trauerte. Stets im März durfte Proserpina für ein paar Monate zu ihr zurückkehren, und dann schüttete die Mutter überglücklich Samen in die Erde.
Diese Geschichte rührte den großen Jean-Baptiste Lully (1632 bis 1687), der am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. ein strahlendes Imperium der Musik errichtet hatte, aber die Helden und heroischen Strahlemänner seiner Opernstoffe allmählich leid war. Soeben hatte er dem tadellosen Bellerophon (der mit dem geflügelten Pferd Pegasus die eklige Chimäre vernichtete) eine seiner fünfaktigen Tragédies lyriques gewidmet, jetzt wollte er die Theatralik ein wenig mäßigen und deutlich mehr Psychologie in die Partitur sticken. Das war damals, im Jahr 1680, bei Hofe ungewöhnlich. Für differenzierte Operngefühle gab es dort noch keine geschulte Kundschaft. Und Schmerz, Hoffnung, Glück, Verlustangst, Zorn – waren das nicht Regungen des gemeinen Volkes?
Damit der jähe Reichtum der Emotionen seiner neuen Oper Proserpine niemanden verdross, ließ Lully sich zur Ergötzung des Publikums weitere Novitäten einfallen. Er bot instrumentales Raffinement auf, auch in den vielen Arien-Ritornellen, komponierte luxuriöse Ensembles, köstliche Chöre der Schatten und Nymphen, ließ in hauchenden Echo-Ensembles sogar die staatstragende Bass-Stimme weg. Diese Experimente der Kontrapunktik hatte er bereits in seinen geistlichen Motetten ausprobiert, jetzt durfte die große Oper profitieren. Auch seiner Lust an griffigen, attraktiven Melodien gewährte er in Proserpine generös freien Lauf.
Trotzdem ging es nicht ganz ohne Optik, Schnürboden und Maschinerie. Lullys Librettist Quinault ließ die Gottheiten der Reihe nach vom Himmel steigen, sodass Proserpine auf mehreren Stockwerken des mythischen Kosmos spielt. Freilich sahen die Zuschauer diesmal das Abbild eines Herrschaftsraumes, in dem Jupiter ausnahmsweise nicht das letzte Wort hatte: In Versailles wurden solche Augenblicke der Majestätsschrumpfung klammheimlich genossen.
Hervé Niquet, einer der bravourösen französischen Alte-Musik-Spezis, verehrt seinen Lully, aber er erstarrt nicht vor ihm. In der Gärtnerei seines großartigen Ensembles Concert Spirituel knospt die Musik so triebhaft wie der Frühling, nach dem sich die Titelheldin sehnt. Wenn andererseits die Wucht des Eises drückt, lassen die prachtvollen Sängerinnen Salomé Haller und Stéphanie d’Oustrac als mythische Tochter und Mutter uns Hörer anrührend ihre tiefe Angst spüren, der Winter werde nie zu Ende gehen. Wir fühlen mit ihnen.
Jean-Baptiste Lully: Proserpine, Le Concert Spirituel, Hervé Niquet (Glossa GCD 921615/Note 1)
- Datum 20.01.2009 - 10:15 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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