Die Platte mit Beethovens Violinkonzert lag im Wohnzimmer herum. Vielleicht legte ich sie nur auf, weil der Geiger auf dem schwarzweißen Cover, die Augen fast geschlossen, so geheimnisvoll aussah. Auch die Musik begann geheimnisvoll, mit leisen Paukenschlägen. Ich war elf oder zwölf, hatte sie noch nie gehört und fand sie spannend, lange vor dem Einsatz der Sologeige. Auch so etwas wie diese Violine hatte ich noch nie gehört. Milsteins Töne hatten nicht im Entferntesten etwas mit dem zu tun, was ich auf meiner Geige zusammenkratzte. Spielten Milstein und ich etwa das gleiche Instrument?

Die Wirkung dieser Platte bestand keineswegs darin, dass ich mir vorgenommen hätte, eines Tages selbst kristallklare Oktaven zu spielen. Stattdessen übte ich noch weniger und legte häufiger Platten auf. Diese war die erste, auf der etwas lebte, auf der sich eine andere, fremde, unheimliche Welt öffnete, so wie in manchen Büchern – aber realer. Die Platte rauschte unter der Nadel des Dual-Spielers, und das Rauschen verwandelte sich in feuchten Nebel über den dunklen Wäldern des Orchesters. Ich kannte Der Herr der Ringe noch nicht, aber mir scheint jetzt, diese Musik kam mir mindestens so aufregend vor.

Womit hat Beethoven mich erwischt in dieser Aufnahme von 1955 mit William Steinberg am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra? Da ist die Pauke, die Grusel verbreitet rund um ein Holzbläserthema, das so harmlos ist wie das Auenland. Danach spielen die Geigen im Rhythmus der Pauke ein Dis. Das ist hier ein völlig wahnsinniger Ton, nicht vorgesehen in der D-Dur-Skala, entweder einen halben Ton zu hoch oder zu tief. Danach klingt auch das Cis wie vergiftet. Da merkt man, es wird gefährlich – gerade, wenn man von Harmonik noch keine Ahnung hat.

Kurz vor dem Einsatz der Geige sah ich dann schon Heere durch die Wälder ziehen. Und Milstein selbst war wie eine Lichterscheinung. Ihm konnte nichts passieren, das war sofort zu hören. Man muss kein Geigenschüler sein und Probleme beim Wechsel in die dritte Lage haben, um die Metaphysik einer so reinen Intonation zu ahnen. Die Musik selbst schien diesen Geiger hervorgebracht zu haben, seine Töne konnte man beinah anfassen, wie Früchte mit zarter Haut, sie machten die Musik vollkommen wahr, sie war die Welt.

Darum setzte ich sie im Kasperletheater ein. Meine jüngere Schwester und ich nahmen das sehr ernst. Es gab Eintrittskarten, Kulissen, sogar Nebel, mithilfe eines Chemiebaukastens. Unser winziges Publikum sollte überwältigt sein, wenn sich hinter dem Sperrholz die Nadel in die Rille senkte, der weißbärtige Zauberer zur Pauke seine Macht ahnen ließ und später zu den Tönen Milsteins in seine Schranken gewiesen wurde. Als wir das Stück vor Verwandten aufführten und unser Nebeleffekt nicht klappte, kam ein Onkel hinter die Bühne und bot sich an, mit dem Rauch seiner brennenden Zigarette auszuhelfen.

Nach dieser Demütigung schloss ich das Theater. Die Platte habe ich nie wieder aufgelegt. Aber sie wirkte weiter. Es war der Klang der großen, weiten Welt. Den habe ich seitdem immer in Musik gesucht. Jetzt habe ich die Platte erstmals wieder gehört und noch etwas gefunden: die beste Aufnahme, die es von Beethovens Violinkonzert gibt.

Ludwig van Beethoven: Violinkonzert op. 61, Nathan Milstein, Pittsburgh SO, Ltg. William Steinberg, jetzt erhältlich als EMI 5675832