Wirtschaftskrise in den USA Wir waren einmal reich und schön
In der Kleinstadt Mexico im Bundesstaat Missouri ist die Wirtschaftskrise der Vereinigten Staaten angekommen: Firmen wandern ab oder schließen, Familien verarmen. Michael Naumann, vor 50 Jahren Austauschschüler in Mexico, beschreibt den Niedergang

© Michael Naumann für DIE ZEIT
Verödetes Zentrum in Mexico
Im Herzen des Städtchens, in dem es fünf Fast-Food-Läden, aber kein Restaurant mehr gibt, wartet Kelly Hardin auf klamme Kunden. Sie arbeitet für die Firma Sun Loan, hinter der eine texanische Bank steckt, die sich auf kurzfristige Kredite ohne peinliche Rückfragen spezialisiert hat – für 1400 Dollar verlangt die seltsame Firma einen Zins von 39 Prozent. Noch höhere Zinsen, bis zu 70 Prozent, werden für kleinere Kreditsummen fällig. Kelly Hardin sagt: »Wir haben hier 500 bis 600 Schuldner, und leider zahlt eine Menge von ihnen überhaupt nichts zurück.« Der Wucherzins soll das Risiko abdecken. Das örtliche Pfandgeschäft ist voll mit Unverkäuflichem. Trotzdem haben die meisten Menschen hier nicht für einen Politikwechsel, nicht für Barack Obama gestimmt. Was ist in dieser Stadt geschehen?
Mexico im Bundesstaat Missouri, 11.320 Einwohner, 39. Breitengrad, 91. Längengrad, ziemlich genau die geografische Mitte der USA. Aber die eigene Mitte ist Mexico abhandengekommen. Früher, vor fünfzig Jahren, war der quadratische Platz im Zentrum der Stadt beliebt: Hier lockte das Radio- und Schallplattengeschäft seine Kunden mit Frank-Sinatra- und Perry-Como-Platten. Kizers Drugstore verkaufte kalorienschwere »Banana Splits«. Hagans Konfektionsladen bot schier unzerstörbare karierte Hemden und dunkle Sonntagskleidung an. Die Eisschrank- und Fernseher-Filiale von General Electrics lag um die Ecke, der Juwelier Pilcher spezialisierte sich auf Schul-, Verlobungs- oder Hochzeitsringe und Perlenketten, wie sie Jackie Kennedy trug. Das war das »Business-Center« von Mexico. Es gab Fußgänger. Die kommen nun nicht mehr. Geblieben ist der Juwelier Pilcher, ansonsten: Secondhand-Möbelläden, Anwaltsbüros, Trödel, christliche Schwangerschaftsberatung, tote Schaufenster. Mexico in Missouri – eine kleine Stadt verkörpert die Geschichte vom Amerikanischen Traum und das, was aus ihm wurde.
Missouri ist das Geburtsland von Mark Twain und T. S. Eliot, der historische Tatort der Jesse-James-Gang und von Bonnie & Clyde. Aus Missouri stammten der anfangs unterschätzte Präsident Harry Truman und George W. Bushs fundamentalistischer Innenminister John Ashcroft, Otto Schilys politischer Busenfreund der Jahre nach »9/11«. In Missouri, gleich neben der Kleinstadt Mexico, ist der Großdefraudant des Enron-Konzerns, Kenneth Lay, in einem Pfarrhaushalt aufgewachsen. Ein Sohn der Stadt ist der jovial wirkende Republikaner Christopher »Kit« Bond, der seit 1987 im US-Senat sitzt und die CIA-Foltermethode des Waterboardings bei Gelegenheit mit »Rückenschwimmen oder Freistil« verglich, ansonsten aber als maßvoller Konservativer gilt, der nur etwas gegen die Schwulenehe hat, das allerdings lautstark und unerbittlich.
Der Wahlkampf um das heartland, das mythische agrarische Herzland der Vereinigten Staaten, sollte im November die Wahlentscheidung bringen. Hier im Mittelwesten, wo die UKW-Frequenzen im Besitz evangelikaler Eiferer und giftig polemisierender Ultrarechter zu sein scheinen, ist der Widerspruch des amerikanischen Konservatismus zu Hause: Eine Mittelschicht, die spätestens seit Ronald Reagans Tagen einen schleichenden Niedergang erlebt, hat immer wieder gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen gewählt. Der Republikaner John McCain gewann hier in Missouri mit einem Vorsprung von 0,1 Prozentpunkten.
Vielleicht begann der Niedergang in Mexico an jenem Tag im Jahr 1968, als die Supermarktkette Wal-Mart am Rande der Gemeinde erstmals ihre Schiebetüren öffnete. Die Stadt hat später rund 500.000 Dollar vorgestreckt, damit eine Straßenzufahrt gebaut werden konnte. Inzwischen ist das Geschäft zu einem Moloch angewachsen.
Samuel Moore Walton, der Gründer von Wal-Mart, hatte in Columbia, 30 Autominuten von Mexico entfernt, an der Hickman High School 1935 als vorzüglicher Basketballspieler geglänzt und sein Abgangszeugnis in Empfang genommen: die frühe Karriere eines Tadellosen. Nur einmal, 25 Jahre später, konnte Mexicos Basketballteam die Mannschaft von Hickman High bezwingen. Seither besiegt Wal-Mart alle kleineren Städte Amerikas, auch Mexico. Als der Gründer des Konzerns 1992 starb, schätzte man sein Vermögen auf fast 60 Milliarden Dollar.
Wie eine graue Landschaft liegt Wal-Marts gigantische Verkaufshalle vor der Stadt. Vom Laptop über den Campingstuhl, vom Steak über Zwiebeln bis zur Zahnbürste, alles ist vorhanden. Die Angestellten verdienen im Schnitt 18.000 Dollar jährlich, der Vorstandsvorsitzende kam im Jahre 2005 auf rund 23 Millionen Dollar.
Universitätsstudien hatten schon vor Jahren vorhergesagt, dass die Innenstädte durch die rasant wachsende Firma veröden würden; sie sollten recht behalten. Der Monsterladen vor den Toren hat Mexico seines symbolischen Mittelpunkts beraubt. Die Mehrwertsteuereinnahmen aus dem Einzelhandel stagnierten zwischen 1997 und 2007. Gleichwohl – heute ist Wal-Mart nicht nur einer der größeren Arbeitgeber in Mexico, sondern auch der größte in den Vereinigten Staaten. Wäre diese Firma eine Nation, stünde sie im Ranking der chinesischen Handelspartner auf Platz acht.
Davon ahnen die Frauen aus Mexico wahrscheinlich nichts. Sie schieben ihre Einkaufskarren wie in Trance durch die endlosen Gänge zwischen den Regalen, als wartete ganz am Ende der Waschmittelkartons die Erlösung. Es warten aber nur die übergewichtigen Kassiererinnen, die es wie 70 Prozent aller anderen Wal-Mart-Angestellten gewöhnlich nur ein Jahr lang am öden Arbeitsplatz aushalten. Doch wer will, könnte sein ganzes Leben in der Verkaufshalle von der Größe zweier Fußballfelder verbringen: Es gibt eine Spielhalle für Kinder, eine Apotheke, Waschräume. Bis auf einen Friedhof ist alles vorhanden.
Die Gründungsväter hatten Mexicos Straßen 1838 nach dem rationalen Schachbrettmuster aufgeklärter Stadtarchitekten angelegt. Die Zukunft sollte ordentlich und berechenbar sein. In der Mitte lag nicht das Rathaus, sondern das steingewordene Verfassungsversprechen von Gerechtigkeit, das Gericht. So blieb es auch. Die wohlproportionierten weißen Holz- und mit Stucco verzierten Häuser, von denen viele noch aus den dreißiger Jahren stammen, verkörpern einen bescheidenen Stolz auf das gemeinsam Erreichte. Es gibt in der ganzen Stadt keinen Zaun zur Straße hin. Weithin sichtbarer Orientierungspunkt sind die Mais-, Sojabohnen- und Weizensilos, die einem der fünf industriellen Agrarriesen des Landes gehören. Hier lagert Futter für die Millionen Hühner, Rinder und Schweine des Mittelwestens, der die halbe Nation mit Eiern, Hühnerbeinen und Rindfleisch für Hamburger beliefert.
Der Verwaltungsdirektor des Krankenhauses von Mexico sagt: »Wir sind die erste Generation, die länger leben wird als ihre Kinder. In unser Krankenhaus kommen übergewichtige Elf- bis Zwölfjährige mit Fettsucht und Diabetes.« Welch ein Paradox – da lebe man auf dem Land, »aber viele Menschen in Mexico können sich gesundes Essen nicht mehr leisten«.
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten dieser konservativ geprägten Stadt, dass ihre Bürger sich mehrheitlich weigern, zwischen der politisch gewollten, von Jahr zu Jahr weiter gespreizten Einkommensverteilung und ihren Urhebern im republikanisch dominierten Kongress eine logische Verbindung herzustellen. »Die Leute an der Wall Street«, sagt der Immobilienhändler Jim Dyer, »hatten offenbar nur ein Ziel – wie man der Börse selbst ein Schnippchen schlagen, wie man das ganze System am besten manipulieren kann.« Wie viele seiner Freunde in Mexico fragt sich der Immobilienhändler nicht, ob die finanzwirtschaftliche Katastrophe mit der Deregulierung der amerikanischen Finanzmärkte zu tun haben könnte. Die Erklärung vom Lande lautet vielmehr: So verkommen sind die Sitten der liberalen Großstädter und die ihrer arroganten Freunde in den Medien, in anderen Worten: die Sitten der Demokraten.
Was die Stadt in ihrer ökonomisch prekären Situation inzwischen zusammenhält, sind die Werte, die John McCain im Wahlkampf präsentierte: Heroismus im Krieg, das Recht, ein Gewehr zu tragen, und eine gewisse Abscheu gegenüber den »moralischen Freizügigkeiten« in den Großstädten – ein altes Codewort für Vorbehalte gegen die schwarze Minderheit des Landes. Mexico hat McCain gewählt, weil er – nach einem politischen Leben in Washington – vorgab, »der Regierung auf die Finger zu schauen«.
Die wahrscheinlich älteste Obama-Wählerin des Ortes, Pauline Williams, ist 91. In den dreißiger Jahren hatte sie als Putzfrau in der Familie des Senators Bond angefangen – für einen Dollar am Tag. Für einige in Mexico sei Obamas Sieg schwer zu verkraften, sagt sie, »aber er ist ein kluger Mann, und er kann nicht in einer Woche all das in Ordnung bringen, was in acht Jahren geschehen ist«. Pauline Williams ist schwarz, in ihrer Kindheit war sie noch Zeitgenossin befreiter amerikanischer Sklaven, und die Stadtverordnung Mexicos, der zufolge ein Sklave, der sich betrunken in den Stadtgrenzen aufhält, mit zehn Peitschenhieben auf den nackten Rücken zu bestrafen« sei, war zwar nicht mehr gültig, aber bei Leuten wie Pauline Williams unvergessen. »Obama hat Geschichte gemacht«, sagt sie, »und ich bin glücklich, daran teilgenommen zu haben. Ich habe während der Wahlnacht gebetet und unserem Jesus dafür gedankt, dass er einem von unserer Hautfarbe den Mut gegeben hat, so weit zu gehen – und zu gewinnen.«
Wenige Zentimeter nur, und auch ihr Sohn Charlie hätte Geschichte gemacht – als jüngster amerikanischer Teilnehmer an den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Aber der Hochspringer von der Mexico High School scheiterte in der letzten Qualifikationsrunde.
Vor fünfzig Jahren war der junge Athlet, genannt »Shorty«, der unbestrittene Star an der Highschool, ein heiterer, zurückhaltender Riese. 1970 kam er, inzwischen Angestellter einer Versicherung in Chicago, als einziger Schwarzer zum zehnjährigen Klassentreffen. Die Schule war zwar 1956 »integriert« worden, aber kein Weißer verabredete sich damals mit einer Schwarzen zu einem Kinobesuch im Drive-in vor der Stadt. Nach wie vor standen sich zwei Lager gegenüber. Der örtliche Radiosender spielte milden »weißen« Pop, hauptsächlich aber jenen unsäglich schönen Schmalz des schwarzen Sängers Johnny Mathis, der zu hautengen Tänzen der lehrerüberwachten Schulpartys einlud. Die meisten Schwarzen kamen nicht zu diesen Festen; sie hatten bei manchen weißen Jungen einen abfälligen Namen: coons, Waschbären; auch das Wort nigger war in der Highschool-Cafeteria noch im Flüsterton zu hören. Doch in den Basketball- und Footballteams schien das Elend des Rassismus überwunden; die Schwarzen spielten und kämpften einfach besser.
Die hübschen Cheerleader in ihren Unschuldsröckchen waren weiß, genauso »Miss Sojabohne«, die ohne jede ironische Absicht einmal jährlich gekürt wurde, wie in einer heidnisch-rituellen Verneigung vor den Göttern der fruchtbaren Weiden und Äcker ringsum. Inzwischen findet die jährliche »Miss Missouri«-Wahl in Mexico statt; eine keusche Veranstaltung, deren etwas verquerer Verlauf an die Jahre erinnert, da es in Mexico aus sittlichen Gründen keinen Playboy zu kaufen gab.
Verschwunden sind die wortkargen Kleinbauern, die sharecroppers, später bekannt aus TV-Serien über das Leben auf dem Lande, die hier in den sechziger Jahren noch in ihren Latzhosen anzutreffen waren, mit Frau und endloser Kinderschar im Hintergrund. Verschwunden ist ihre Kultur, auch ihr schwer verständlicher Akzent. »Miss Sojabohne« arbeitet jetzt als Sekretärin in Kansas City. Auf ehedem vierzig Bauern kommt heute eine Riesenfarm mit drei oder vier Angestellten.
Samantha Porter ist Reporterin der Schulzeitung Growl (»Der Knurrer«). Sie schreibt: »Die schwarzen Kids an der Mexico High School hätten für Obama gestimmt, weil er schwarz ist. Und ich hätte ihnen gesagt: Nur zur Hälfte! Es tat mir aber auch weh, zu hören, als einige an meiner Schule behaupteten, mit Obama käme ein Terrorist ins Weiße Haus. Meine Großmutter sagt, wir durften ja früher nicht wählen, jetzt sind wir im Weißen Haus.« Wählen durften sie schon – aber erst nach einem grotesken behördlichen Hürdenlauf. Befragt, wie viele Schwarze denn heute in Mexico leben, erklärt ein ehemaliger Bürgermeister, »ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung«. Soll heißen: nach seinem Geschmack zu viele. Es sind in Wirklichkeit nur 9 Prozent. »Gut«, sagt er, »ich habe wohl eine weiße Attitüde.«
Und dennoch, Mexico ist keine Stadt im tiefen Süden. Es gibt auch hier inzwischen mixed marriages – aber die sozialen Grenzen sind die alten geblieben, definiert durch Einkommen und Arbeitsplatz. Bill Fountain, seinerzeit ein genialer Dribbler im Basketballteam der Highschool, ist mit einer weißen Frau verheiratet. Er ist jetzt 65 Jahre alt und betreibt die Müllabfuhr von Mexico mit einigen hinfälligen Lastwagen. Doch die Festnahmen wegen Drogendelikten (rund 700 pro Jahr im ganzen Landkreis) entsprechen statistisch gesehen immer noch dem weißen Bild vom Freizeitverhalten schwarzer Jugendlicher. »Im Kern«, sagt Mexicos Staatsanwalt Jason Lamb, »ist dies eine anständige Stadt. Aber die Drogen unterminieren unsere Gesellschaft.« Er führt das auf den Highway I70 zurück, die Arterie, die Mexico mit St. Louis und Kansas City verbindet. Aus der Großstadt kommt das Übel.
Der Stolz von Mexico ist die Gesamtschule: Sie entlässt überdurchschnittlich viele spätere College-Absolventen ins Leben. Im kommenden Jahr fehlen dem Schuletat der Stadt allerdings 900.000 Dollar. Der komplizierte Finanzierungsschlüssel aus örtlichen, Landes- und Bundesquellen spiegelt die zunehmende Armut der Stadt. »Zurzeit«, sagt die Superintendentin der sechs Schulen Mexicos, »erhalten 50 Prozent unserer Kinder kostenloses oder ermäßigtes Mittagessen. Ihre Eltern sind zu arm.« Deshalb stiften die wohlhabenden Bürger von Mexico – und es gibt sie immer noch – jedes Jahr rund 600.000 Dollar für Stipendien und besondere Schulprojekte. »Auf keinen Fall werden wir im Musik- und Kunstunterricht kürzen«, sagt die Superintendentin.
Vom Lehrer-Schüler-Verhältnis in dieser amerikanischen Provinzstadt können deutsche Eltern nur träumen: Auf elf Schüler kommt ein Lehrer. Und dennoch: »Es geht uns wie der Dritten Welt«, klagt der Verkehrsreferent Richard Webber, »wir bilden die jungen Leute erstklassig aus, und dann gehen sie aufs College und kommen nicht wieder.«
Die Schulzeitung Growl liegt einmal im Monat dem Abendblatt Mexico Ledger bei. Die Zeitung hat die Stadtgeschichte von Anfang an begleitet, sie war fest im Konservatismus verankert und ein Jahrhundert lang im Besitz der Familie White. Einer ihrer Vorfahren war der Jesse-James-Gang zum Opfer gefallen, und so schmückten furchterregende Leichenbilder des im Jahre 1882 erschossenen Bankräubers das Büro des vorletzten Verlegers aus dem White-Clan. Crime doesn’t pay, sollte das wohl heißen; irgendwann gewöhnten sich die Redakteure an die makabren Bilder. Sie sind inzwischen verschwunden – wie auch die gesamte White-Familie aus dem Impressum der Zeitung verschwunden ist.
Das Schicksal des Blattes ist beispielhaft für Amerikas Zeitungsgewerbe: Verkauft an eine kanadische Zeitungskette, deren Besitzer inzwischen wegen Untreue und Betrugs im Gefängnis sitzt, wanderte das Lokalblatt durch die Hände mehrerer Investoren, verlor die Hälfte der Auflage und kümmert nun mit täglich 6000 verkauften Exemplaren seinem absehbaren Ende entgegen.
Zweimal in den letzten zwanzig Jahren haben Reporter der edlen New York Times den Weg in das kleine Mexico gefunden. Ihre Artikel hatten beide Male einen besorgten Kammerton: »Wie geht es euch dahinten in Amerika?« Die Antworten lauteten: Schlechter als früher. Die Journalisten kamen in der korrekten Annahme, hier einen Mikrokosmos Amerikas vorzufinden – eine Provinzstadt wie Zehntausende andere auch, in der sich die Versprechen des amerikanischen Lebens als Recht auf Glück im Eigenheim mit Airconditioning und Chevrolet vor der Tür ebenso spiegeln wie die Krisen und Enttäuschungen jener ländlichen Gemeinden, die am Ende des Jahrhunderts der Globalisierung und dem Agrarbusiness zum Opfer fielen. Nun suchen sie Trost im christlichen Glauben. Das Angebot ist groß. Im kleinen Mexico gibt es 30 Kirchen, im Landkreis über 80.
Die Pfarrer leben von der Großherzigkeit ihrer Gemeinde. »Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht Euer Gott!« 2008, das Jahr der nahenden Wirtschafts- und Finanzkrise, neigte sich dem Ende zu, als die Pastorin Terry Kukuk der presbyterianischen Gemeinde im vollen Kirchenschiff »Jesaja 40,1« auslegte. Sollte heißen: Die Rettung, spricht der Herr, ist nah. »Amen«, antworteten die Gläubigen, denn das Gegenteil von Angst ist die Hoffnung.
Gegründet wurde Mexico inmitten der fruchtbaren Prärie von landhungrigen Siedlern aus Virginia und Kentucky. Ein Laden für Post, Lebensmittel, Werkzeug, Feuerwaffen und Alkohol, eine Pferderennbahn, ein Kirchlein für Methodisten, das war Mexico. Die ersten Steuern nahm das Dorf zwei Jahre später ein, in Form von Wolfsfellen, der Gegenwert: 60 Dollar. Ringsherum lag die weite Landschaft wie ein Meer mit sanft rollender Dünung, »Jagdgrund für die faulen Lümmel, die eingeborenen Wilden«, in den Worten von Mexicos Richter S. M. Edwards im Jahre 1876. Er meinte die Indianer, deren kalkweiße, steinerne Pfeil- und Speerspitzen heute noch nach Regentagen auf frisch gepflügten Äckern glänzen.
Den Amerikanischen Bürgerkrieg überlebte die Siedlung mit 4500 Einwohnern, die sich für eine verbindliche Parteinahme nicht recht entscheiden konnten, unter der »Besatzung« der Unionstruppen. Zwischen einer regionalen deutschstämmigen Miliz, die für den Norden kämpfte, und einer Truppe von Sympathisanten für den Süden kam es zur Schießerei. Die Stadtzeitung Mexico Ledger erschien erstmals im Jahr 1865, die Schamottziegelei A. P. Green wurde 1910 gegründet, sie wuchs und wuchs, bis sie die größte ihrer Art in ganz Amerika war: Millionen hitzefeste Backsteine für die Hochöfen der Stahlindustrie kamen aus Mexico, selbst die Ziegel der Startrampe in Cape Canaveral. Damit war der Reichtum da.
Nur einmal noch, als die amerikanische Wirtschaft 1932 stecken blieb, hungerten Menschen in Mexico. Roosevelts New Deal brachte ihnen wieder Arbeit und Lohn. Am Ende des Zweiten Weltkriegs blühte die kleine Stadt: Das Glück vom Sieg im Ausland, die sicheren Arbeitsplätze und der Wohlstand vereinten sich in einem unverstellten Patriotismus. Die Stadt war mit gutem Recht stolz auf sich und auf Amerika. »Die Menschen hier waren neugierig«, erinnert sich Tim Williams, der in Mexico eine Großwäscherei führt, »es gab ein internationales Flair, weil die Ziegelei A. P. Green Besucher aus aller Welt empfing. Wir waren einmal reich und schön.«
Im März 1946 hatte der gerade abgewählte englische Kriegspremier Winston Churchill im nahe gelegenen College-Städtchen Fulton die neue Weltlage auf ihren Begriff gebracht: »Ein eiserner Vorhang« sei quer durch Europa niedergegangen. Die Schamott-Familie Green lud den legendären europäischen Staatsmann zum Dinner nach Mexico ein. Der sagte zu. Ein Tor im englischen Landhausstil wurde schnell am Rand des weitläufigen Parks der Gastgeber aufgemauert, doch Churchill änderte seine Reisepläne und sagte ab. Kein Premier und kein Präsident ist je durch das schöne Tor gefahren. Als ironisches Monument unerwiderter Gastfreundschaft erinnert es daran, dass Winston Churchill beinahe in Mexico gewesen wäre.
Eine schier endlose Wachstumsphase begann im Jahr 1953 in ganz Amerika, eine breite Mittelschicht entstand, und Mexico wuchs mit, auf 11.000 Einwohner im Jahr 1960. Dabei ist es bis heute geblieben. Es waren jene Jahre unter dem Präsidenten Eisenhower, die in den Erinnerungen der Alten wie ein ewiges Hochdruckgebiet über Amerika stehen.
Im Mittelwesten schien das Land zu sich selbst gekommen zu sein, schaute fasziniert und zugleich verächtlich herab auf die kulturelle Dekadenz von New York oder Hollywood und feierte sich selbst patriotisch an den nationalen Feiertagen. Man trug Nylonhemden und schwarze Schlipse, veranstaltete Pizza-Wettessen. Geheiratet wurde kurz nach Schul- oder College-Abschluss. Dass in bedrohlicher Nähe von Mexico die Abschuss-Silos der neuen Interkontinentalraketen entstanden, wussten wenige und bekümmerte keinen. In den Schulen lief der Lehrfilm für den Tag X: Bei Atombombeneinschlag galt es, sich unter der Schulbank zu verstecken, duck and cover. Inzwischen hat Mexico neue, unerwartete Probleme: Zwischen 1998 und 2007 gingen von 2908 Arbeitsplätzen genau 1409 verloren – es waren zumal die gut bezahlten Stellen in der Schamottziegel-Fabrik A. P. Green. Sie liegt heute verlassen inmitten der Stadt, eine kleine Industriebrache mit großer Trauergemeinde. »Ihr Ende«, erinnert sich der Wirtschaftsreferent im Rathaus, Russell Runge, »klang fast schon wie das Totenglöckchen für die ganze Stadt.« Mexico sollte mit der Schließung im Jahr 2002 die Folgen eines entfesselten, unregulierten Kapitalverkehrs und der Globalisierung kennenlernen. Das industrielle Schicksal der Stadt wurde 2002 ganz woanders, im fernen Österreich, entschieden.
Die Besitzer der erfolgreichen Ziegelei A. P. Green mit ursprünglich 600 qualifizierten Arbeitsplätzen platzierten die Firma Ende der achtziger Jahre an der New Yorker Börse, und der Aktienkurs bewegte sich jahrelang um die 34 Dollar. Fast ein Jahrzehnt später übernahm der Konzern Global Industrial Technologies die Mehrheit am Unternehmen – zu einem Zeitpunkt, als die Firma bereits eine Verlustreserve von 82,5 Millionen Dollar in ihre Bilanz eingestellt hatte und einer Sammelklage von Asbestgeschädigten entgegensah. Der Börsenkurs war auf 22 Dollar gefallen. Der Vorstandsvorsitzende von A. P. Green machte seine Aktienoptionen zu Geld, schied mit einem Gewinn von 8,5 Millionen Dollar aus und zog an eine warme Küste im Süden der USA. Firmenzweige von A. P. Green im ganzen Land gingen bankrott, am Ende geriet der Rest der Gesellschaft in den Besitz der österreichischen Schamott-Holding RHI AG in Wien. Die Österreicher zerlegten die Firma, verlagerten den Rechtsnachfolger ins benachbarte Kanada und schlossen im März 2002 die Fabrik. Marktbereinigung hieß das. Roger Giboney, der 38 Jahre lang als Maschinist für A. P. Green gearbeitet hatte, sagte der New York Times: »Hier hat keiner mehr eine Chance.« Da arbeitete er bereits für einen Hungerlohn bei McDonalds.
Inzwischen hofft die Stadtverwaltung auf einen Neuanfang – mit sechs bis acht Millionen Dollar Startkapital könnte eine Klinkerfabrik auf dem Gelände der toten Firma entstehen. Aber nur dann, wenn in der nächsten Zeit noch Häuser gebaut werden sollten in Amerika.
Neugierige Unternehmen sind nach intensivem Werben der Handelskammer und der Stadtverwaltung gekommen, haben die Investitionshilfen der Kommune huldvoll entgegengenommen, haben die ortsüblichen Stundenlöhne gedrückt und sind ein paar Jahre später weitergezogen auf ihrer weltweiten Jagd nach billigen Standorten. So hisste der japanische Magnetdrahthersteller Optec Dai-Ichi Denko in Mexico eines Tages die japanische Flagge. Das war zu viel der Demütigung. Die Flagge verschwand – die Firma auch. Das Unternehmen wurde an den französischen Konzern Alcatel weitergereicht. Die Franzosen führten eine Zwölf-Stunden-Schicht ein und strichen die angesammelten Urlaubsansprüche. Am Ende schlossen sie die Fabrik, und auch der Sohn des Maschinisten Roger Giboney hatte plötzlich keine Stelle mehr. Die Globalisierung war endgültig in Mexico, Missouri, angekommen. Und mit ihr etwas Neues – Armut.
Die Arbeitsplatzverluste wurden zwar wettgemacht durch neu angesiedelte Industrie, Plastiktütenproduzenten, Pontonhersteller, Logistikunternehmen. Aber die Kleinunternehmer zahlen Jammerlöhne, selten mehr als zwölf Dollar die Stunde. Für eine anständige Krankenversicherung reicht das nicht, von Sparrücklagen nicht zu reden.
Das jüngste Standortprojekt der movers and shakers von Mexico, die sich einmal in der Woche im Country Club als Rotarier versammeln, ist ein staatliches Forschungslabor für die Entwicklung von Biokraftstoff auf der Grundlage von Sojabohnen und Mais. Die Forschungsergebnisse könnten sich auszahlen, wenn sich die amerikanische Wirtschaftspolitik tatsächlich so verändert, wie es geplant ist – gäbe es da nicht die ökologischen Bedenken: Die Grundlagen der weltweiten Nahrungsmittelversorgung werden schon heute missbraucht. Die Staaten Missouri und Kansas könnten wahrscheinlich gemeinsam die halbe Welt ernähren, aber nicht wenn sie Biokraftstoff herstellen. Für das Projekt fehlt Geld aus Washington.
Die konservative politische Heimat des republikanischen Senators »Kit« Bond aus Mexico passt jedoch nicht in das neue Kräfteparallelogramm in Washington. Demokratische Senatoren werden ebenfalls Standortpolitik für ihre Wähler machen, und sie bilden die Mehrheit, Obama ist ihr Präsident.
20.000 ländliche Gemeinden von der Größe Mexicos bemühen sich im Augenblick um 3000 industrielle Ansiedlungsprojekte. So kam auch die Firma Spartan nach Mexico. Sie produziert Autoteile für General Motors, Ford, Toyota, Honda und Nissan. Die Stadt hatte ihr vor der Ansiedlung einen Millionenkredit besorgt. Aber Amerikas Banken haben sich gerade entschlossen, keine leichtfertigen Kredite mehr zu gewähren. Die Folgen sind absehbar, auch für Spartan in Mexico.
Auf dem Parkplatz der Firma Pearl Motor Company stehen die unverkauften Geländewagen von General Motors, eine Halde im Gesamtwert von mehr als einer Million Dollar. Der junge Besitzer des fast einhundertjährigen Familienbetriebs, George Huffman, klagt, dass er bloß Unverbindliches aus Detroit hört: »Nur Ermunterungen, keinen Plan, keine konkreten Nachrichten. Ich glaube nicht, dass wir jemals wieder 300 Neuwagen im Jahr verkaufen können.« Im Dezember 2008 hat General Motors über 50 Prozent weniger Wagen verkauft als im Vorjahr. Nach den Rabattaktionen der letzten Jahre sind viel zu viele neue Autos auf dem Markt. George Huffman wird auf Gebrauchtwagen umsteigen. »Wir bewegen uns«, sagt er, »auf Terra incognita.« Diese neue Erfahrung teilt er mit vielen seiner Nachbarn. Sie verdienen alle nicht mehr genug.
Der jährliche Durchschnittslohn in Mexico liegt inzwischen bei 30.700 Dollar pro Haushalt. 14 Prozent der Familien leben unterhalb der Armutsgrenze, 19 Prozent der Kinder gelten als arm. Mexico wird grau, das mittlere Alter liegt bei 60 Jahren, die jungen Männer ziehen weg, der Arbeit hinterher. »Wir sind eine alte Gemeinde«, sagt Ann Johnson, Besitzerin der örtlichen Radiostation, »unser Publikum will Nachrufe hören, die wollen sie auf keinen Fall verpassen.« Ein hartes Jahr steht dem kleinen Sender bevor, die lukrativen politischen Werbeblöcke wird es vorerst nicht mehr geben.
Ob die Stadtverwaltung wirklich gut beraten ist, im Internet damit zu werben, dass Mexico »Frieden und Einsamkeit« auszeichnet, so als sei hier ein hübscher Friedhof zu verpachten? »Familien und Arbeiter, die sich zurückziehen wollen aus der Hektik unserer modernen Welt«, seien in Mexico willkommen, heißt es. Aber von den 122.400 Arbeitnehmern im weiteren ländlichen Umkreis der Stadt, dem sogenannten Mexico Basin, suchen rund 20.000 einen neuen Job, 73.000 von ihnen wären bereit, in einen anderen Beruf zu wechseln – und 30 Prozent davon würde sogar für nur zehn Dollar Stundenlohn arbeiten. Das ist, bei Licht betrachtet, eine Statistik der Verzweiflung – und nebenbei ein Dokument des gewerkschaftlichen Niedergangs.
Der Autofahrer, der am Rand von Mexico ein gerade überfahrenes Reh hastig im Gepäckraum seines Wagens verstaut, ist ein bestürzender Anblick. Und was bedeutet die Genehmigung der Stadt, in ihren Grenzen mit Pfeil und Bogen auf die Jagd zu gehen? Es geht offensichtlich auch um Nachschub für die leeren Tiefkühltruhen.
Mexico, Missouri, »fly-over land«: Das ist jene Gegend, die viele Politiker nur aus dem Flugzeugfenster kennen, wenn sie von Ost nach West, von West nach Ost darüber hinwegfliegen – im Frühjahr ist der Mittelwesten grün, im Sommer gelb, dann braun, im Winter oft schneeweiß. Nur eines erkennt man von oben nicht: die Menschen. Nichts ist da oben zu spüren von jenen einfachen Amerikanern, deren reales Einkommen über Jahrzehnte nicht gestiegen ist und deren Leben auf faulen Krediten gründete, die ihnen Banken und Kreditkartenfirmen leichtfertig nachgeworfen hatten. »Die starke Ungleichheit, die aus Amerika ein Land mit einer erheblich geschwächten Mittelschicht gemacht hat, zerfrisst die sozialen Beziehungen und Einstellungen«, schreibt Paul Krugman in seinem Buch Nach Bush. In Mexico, der schönen, kleinen Stadt im Herzen Amerikas, gibt es diese Einstellungen noch – Solidarität mit den Schwächeren, gemeinsame Pläne für die Zukunft, ein bisschen Zuversicht, auch das. Doch wer sich nicht taub stellt, der hört ein anhaltendes Reißen in der sozialen Textur der Stadt, das nur sonntags übertönt wird vom christlichen Gesang in den Kirchen.
Aber schon montags, wenn Kelly Hardin ihr Büro aufschließt und Geld zu Wucherzinsen an ihre gebeutelten Nachbarn verleiht, setzt sich das bedrohliche Geräusch wieder durch. Sollte Obamas Regierung aus dem Labyrinth der Wirtschaftskrise keinen Ausweg finden, wird dieses Reißen bald in ganz Amerika zu hören sein – und am Ende in der ganzen Welt.
- Datum 04.05.2009 - 11:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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Kenn so Orte, bin schließlich selbst Amerikaner. Es hat halt immer mehr als eine Seite. Leute sagen sie haben kein Geld für gesundes Essen, in Wahrheit geben auch die working poor einen kleineren %-Satz ihres Einkommens für Nahrung aus als in den zitierten "besseren Zeiten" die im Artikel beschrieben werden. So ist es im Übrigen auch in Deutschland. Worauf gerade die Unterschicht nicht verzichten will, so scheint es, sind Handys Spielkonsolen Markenklamotten und Co. Und zu sagen ich bin fett weil ich zu wenig Geld für Essen hab entbehrt durchaus nicht einer gewissen Ironie. Selbst mit dem billigsten Tütenzeug kann ich schlank bleiben wenn ich schlicht und einfach nur soviel davon ess' wie mein Körper verbraucht. Da gibt es keine geheimnisvollen Mechanismen, auch nicht im 21. Jahrhundert. Da lebt eine ganze Industrie von Ratgebern, Fernsehköchen und Lebensmittelfirmen davon den Leuten zu erzählen unsere heutigen Lebensmittel hätten aus irgend einem Grund weniger Nährstoffe, irgend ein Schmarn von übernutzten Böden (die aber seit vor Jahrzehnten die Fruchtfolge und Düngung mit Biomasse eingeführt wurde keine Rolle mehr spielen, zumindest in westlichen Ländern mit entsprechendem Wissen). Alles sehr esotherisch und sehr einfach sich als Opfer darzustellen anstatt einfach zuzugeben dass man halt zu faul ist sich mehr zu bewegen und beim Essen an Selbstdiszilplin mangeln lässt. Warum führ ich dies so lange aus? Weil es ein unwahrscheinlich gutes Beispiel für den Bewusstseins- und Lebenswandel in den USA, zu großen Teilen aber auch in Europa, ist. Man ist träge geworden, gleichzeitig immer anspruchsvoller, regelrecht verhätschelt. Und dabei schadet man nicht nur sich sondern auch der Gemeinschaft, sogar der Umwelt. Anstatt im zitierten Zentrum des Ortes die Geschäfte abzulaufen - zu laufen - parkt man vor dem Supercenter am Stadtrand und schaufelt sich das billige Zeug aus den Regalen in den Einkaufswagen. Alles convenient natürlich.
In Europa hat man als Antwort gefunden dass man eben allen Frust bzw die Schuld daran bei "den Reichen", "den Managern" und "den Politikern" sucht. So ist das halt in einer Neidgesellschaft. In einer Leistungsgesellschaft wie den USA sind es halt "die Mexikaner" bzw "illegale Immigranten", "die Gewerkschaften" und vor allem natürlich die "Liberals".
Alles, nur nicht am eigenen Verhalten, an der eigenen Einstellung, am eigenen Standpunkt und der eigenen Verantwortung an den Zuständen zweifeln. Es sind immer andere, und im Zweifel kann ich kleiner Tor doch eh nichts ausrichten? In den USA wählt man eine Ikone in's Weiße Haus und sieht allein damit schon den "Change" erreicht und tut so als ob sich allein dadurch schon irgendwas geändert hätte. In Europa überlässt der Bürger noch mehr seiner Eigenständigkeit an den "Vater Staat" (warum werden die Leute eigentlich so gern bevormundet und gelenkt?). Damit gibt man natürlich auch die Verantwortung ab irgendwas zu ändern, zu verbessern, zu tun, zu lassen. Man wählt (wenn überhaupt), und ist Staatsbürger mit "Ansprüchen" die man genau kennt - das muss reichen.
Einen Unterschied gibt es: die Amerikaner haben etwas was sich zu konservieren lohnt, etwas worauf sie sich besinnen können. Die Dokumente die nun schon über 200 Jahre alt sind und seitdem kontinuierlich mit mehr Leben erfüllt wurden, eben bis hin zu einem schwarzen Präsidenten. Familiensinn (die USA sind das EINZIGE Industrieland überhaupt mit einer stabilen Geburtenrate!) und Kinderfreundlichkeit, Patriotismus, Dienst an der Gemeinschaft, Ehrlichkeit, Fleiß, Treue, Kampf für das Gute in der Welt. So sehen amerikanische Werte aus. Wer dies für naiv oder gar lächerlich hält, nun... was haben denn wir jenseits des Atlantik? Eifer, Beliebigkeit, Zynismus. Und unheimlich viel Aggressivität im Umgang miteinander. Die Amerikaner erkennen ihre Schwächen gerade und wollen was daran ändern. Da haben sie uns echt was voraus!
Wenn Sie wirklich Amerikaner und ernst sind, dann gute Nacht Amerika,
und guten Morgen Herr Amerikaner, wachen Sie auf aus ihrer Traumwelt.
Wenn die Amerikaner so ehrlich, fleißig, true und gemeinschaftsdienstlich wären, wie Sie das scheinbar gerne sehen würden, dann würden nicht die ganze westliche Welt momentan bis zu den Knien in der Sch.... stecken. Und abgesehen davon, dass Eifer ja nun vielleicht nicht unbedingt die schlimmste aller Eigenschaften ist, ist Ihre Behauptung schon allein aufgrund der enormen Heterogenität des europäischen Kontinents völlig aus der Luft gegriffen. Zudem ist es ja nicht so, als ob wir nicht etwas zu konservieren hätten. Unsere Kultur reicht länger als bis ins 16. Jahrhundert zurück, wenn ich mich recht erinnere. Und immerhin habe ich noch die Größe, daraus nicht einen ganzen Kontinent als minderwertig zu bezeichnen - wo gibts denn bitte sowas?
Im Übrigen ist es doch vielleicht ein bißchen seltsam einen amerikanisch-patriotischen Kommentar unter einen Beitrag zu posten, der gerade zeigt, dass es auch in Amerika Armut gibt, die niemanden zu interessieren scheint...
Salus Publica Suprema Lex
"Europa überlässt der Bürger noch mehr seiner Eigenständigkeit an den "Vater Staat" (warum werden die Leute eigentlich so gern bevormundet und gelenkt?)"
Antwort: Weil sie's so gelernt haben. Weil sie so erzogen wurden. Und zwar nicht erst seit letzter Woche, sondern seit mehr als anderthalb tausend Jahren.
Seit Menschengedenken richtet sich der Blick stets nach oben, wenn es darum geht, daß es mir besser gehen soll. Früher an irgendeinen lustigen Duodezfürsten, heute eben an das, was man "Sozialstaat" nennt - im Grunde ein und dasselbe, denn in beiden Fällen blickt man in das Gesicht von Institutionen, zu deren unbestrittenen Prärogativen die Sorge um Wohl und Wehe des Individuums zählt.
In archaischen Gesellschaften - also Kollektiven, die im Kampf mit den Unbilden der Natur noch soetwas wie "frontier"-Erfahrungen machen mussten - war ein ganz selbstverständlicher Teil des sozialen Gefüges das Ethos, daß diejenigen, die mehr haben, mit diesem Mehr dafür zu sorgen haben, daß die, die weniger (oder gar nichts) haben, mit überleben, und nicht nur deren bloßes Überleben war das Ziel solcher Anstrengungen, sondern auch: sie zu einem produktiven Teil der Gemeinschaft werden zu lassen. Ein grundständiges Dasein, eine grundlegende Versorgung nicht nur mit Nahrung und Obdach, sondern insbesondere auch sozialer Teilhabe war dazu unerlässlich. Anders wären, bei der vorherrschenden Knappheit an Menschen und Ressourcen, zivilisatorische Erfolge auch gar nicht zu bewerkstelligen gewesen. Jeder war wichtig (und diesen Satz merken wir uns mal!).
Bei den alten Griechen umfasste der Begriff Bildung zB weit mehr, als wir heutigen darunter verstehen: Nicht nur formale, sondern auch soziale Bildung, also Bildung im umfassenden Sinne als da-Sein für die Gemeinschaft, deren notwendiger Teil man war. Das wussten auch die Römer, die Griechen-Epigonen. In deren klassischer Zeit war es schlicht undenkbar, daß jemand die Ämterlaufbahn, den cursus honorum emporsteigen wollte, ohne Getreide für die Armen herbeizuschaffen, ohne öffentliche Bibliotheken zu unterhalten, ohne Thermen zu bauen, zu denen jeder Zutritt hatte, etc. Einen Zwang dazu brauchte es ebensowenig wie ein Gesetz, das dergleichen vorschrieb - es war seit jeher eine reine Selbstverständlichkeit, eben das, was den Kern der res publica, der öffentlichen Sache ausmachte: Gemeinsam helfen, gemeinsam entscheiden, gemeinsam überleben.
Merken wir aber an: Die Hilfe erfolgte nicht von Staats wegen, sondern immer auf private Veranlassung hin, eben weil es der persönlichen, individuellen und selbstverständlichen Verantwortung jedes einzelnen oblag, es gemeinsam zu etwas Besserem zu bringen.
Wie ging nun diese Rolle auf den Staat über?
Zunächst musste früher oder später jemand an die Macht kommen, dem es auffiel, daß es im Grunde viel billiger ist, die Masse zu unterdrücken als ihre Zuneigung durch ständige Wohltaten zu gewinnen, und die Wohltaten allein auf diejenigen zu beschränken, die einen an der Macht halten konnten. Darüber musste natürlich die Menge in Zorn geraten, es zu einer Volksbewegung kommen, die jemanden nach oben brachte, der versprach: Wenn ich erst am Ruder bin, wird euch gegeben, und zwar indem ich es denen nehme, die sich zuletzt auf eure Kosten gemästet haben! So war es dann auch - im römischen Bürgerkrieg folgten den Optimaten die Popularen.
Seither ist es mit einem obersten Staatsamt, mit der Macht verbunden, der Masse zu versprechen, sie auf Kosten einiger anderer zu bereichern. Die jeweiligen Adressaten dieses Versprechens wechseln von einem aufs andere Mal, der Grundzug an sich bleibt aber der gleiche - und wenn wir ehrlich sind, hat sich das bis auf den heutigen Tag erhalten. Sehen Sie sich einen modernen Wahlkampf an: Er scheint sich nurmehr um die Frage zu drehen, wen man auf wessen Kosten bereichern darf/soll/muss.
Seit jeher ist der "Sozialstaat", auch der moderne seit dem 19. Jahrhundert, ein Instrument der sog. "Ordnungspolitik" gewesen, das der Devise folgt: Wer Brot im Mund hat, kann nicht auf die Regierung schimpfen. Denn in einem machen wir uns gar nicht erst was vor: Es waren nicht Mitgefühl und Solidarität die Motive, die zur "Erfindung" des Sozialstaats führten, sondern das Wissen um die sedativen Wirkungen, die von ihm ausgingen. In anderen Worten: Wenn sich der Staat um den gedeckten Arbeitertisch kümmert, muß der sich nicht den Sozialisten an den Hals werfen.
So führte Bismarck die Sozialversicherung ein, und der Reihe nach kam (je nach Wahllage) all das hinzu, was wir heute kennen. Am kräftigsten langten übrigens die Nazis hin, als es darum ging, dem Arier sein Kraut nicht allzu sauer werden zu lassen.
Bei alledem darf man nicht vergessen, daß der Soziale Zwangsstaat immer erst jemandem etwas nehmen muß, um es anderen zu geben - und sei das Ziel noch so löblich (was es mitunter durchaus geben kann), so ist und bleibt Zwang im Spiel, um Wohlergehen zu erzeugen. Der "Staat" selbst hat, selbst in seinen minimalsten Ausprägungen, schon Umverteilungscharakter, und wo er den schonmal hat, ist er im Laufe der Zeit immer weniger geneigt, sich im rechten Maß zu halten. Wieso sollte zB jemand, der einen (natürlich vom Staat festgesetzten) bestimmten Betrag im Jahr als Einkommen verdient, die Hälfte davon abgeben, während andere nur zB ein fünftel ihres Einkommens an Steuer abführen, oder ein zehntel? Wäre es nicht gerechter, wenn jeder nur zB 25% abführt?
Wenn man all diese Steigerungsstufen des "Sozialstaats" für eine hinreichend lange Zeit laufen lässt, verfestigt sich der Eindruck, daß vor allem anderen der Soziale Zwangsstaat dafür zuständig ist, daß ich nicht zu weit falle, wenn ich strauchle. Eine ursprünglich zwar zweifelhafte Idee, die aber unbestreitbare Erfolge zeitigte, entwöhnt auf diese Weise zunehmend von der Einsicht, daß das eigene Wohlergehen im Leben zuallererst die Sache des jeweiligen Individuums ist - und sie verdammt jeden, der das kritisiert, zu einem Dasein als eiskalter Manchesterkapitalist.
Dabei ist gerade die Ent-Solidarisierung, die man dem Kritiker vorwirft, ein dem Sozialstaat innewohnendes Charakteristikum. Weshalb? Weil jemand, der Solidarität immer zuerst von den anderen einfordert, ohne sich zuerst selbst zu fragen, was er tun könne, um die Lage zu bessern, kein solidarischer Mensch sein kann. Wie kann ich eigentlich von anderen Hilfe wie selbstverständlich erwarten, wenn ich mich nicht einmal zur Selbsthilfe aufraffen kann? Wie kann ich über Sozialkürzungen schimpfen, gegen die chronisch zu niedrigen ALGII-Sätze demonstrieren, wenn ich gleichzeitig beide Augen zudrücke, solange die enteignende Eingriffsnatur des Sozialzwangsstaates nur "die Richtigen" (Reichen, Besserverdienenden, Gierigen, "Bonzen") trifft? Wieso rege ich mich darüber auf, daß die gesetzliche Krankenversicherung immer grotesker werdende Vergütungsmodelle für Ärzte anbietet, wiewohl ich weiß, daß gerade das zentrale Mangelverwaltungssystem des Gesundheitswesens immer mehr Leute in immer höherer Dichte enteignen müsste, um für die schon jetzt anfallenden Kosten aufzukommen?
In anderen Worten: Weshalb leiste ich einem System Gehorsam, das erst die Rechte anderer verletzen muß, um Gutes zu tun? Und weshalb erwartet dieses System dann auch noch allseits Loyalität?
Da ist es doch besser, ich beschäftige mich mit solchen Fragen gar nicht erst, sondern halte es wie die Berliner nach der Revolution von 1918, von denen Harry Graf Kessler notierte: "Auf den Gesichtern war kein Entsetzen. Auf den Gesichtern stand: Naja, die Gehälter werden weiterbezahlt..."
Wenn Sie wirklich Amerikaner und ernst sind, dann gute Nacht Amerika,
und guten Morgen Herr Amerikaner, wachen Sie auf aus ihrer Traumwelt.
Wenn die Amerikaner so ehrlich, fleißig, true und gemeinschaftsdienstlich wären, wie Sie das scheinbar gerne sehen würden, dann würden nicht die ganze westliche Welt momentan bis zu den Knien in der Sch.... stecken. Und abgesehen davon, dass Eifer ja nun vielleicht nicht unbedingt die schlimmste aller Eigenschaften ist, ist Ihre Behauptung schon allein aufgrund der enormen Heterogenität des europäischen Kontinents völlig aus der Luft gegriffen. Zudem ist es ja nicht so, als ob wir nicht etwas zu konservieren hätten. Unsere Kultur reicht länger als bis ins 16. Jahrhundert zurück, wenn ich mich recht erinnere. Und immerhin habe ich noch die Größe, daraus nicht einen ganzen Kontinent als minderwertig zu bezeichnen - wo gibts denn bitte sowas?
Im Übrigen ist es doch vielleicht ein bißchen seltsam einen amerikanisch-patriotischen Kommentar unter einen Beitrag zu posten, der gerade zeigt, dass es auch in Amerika Armut gibt, die niemanden zu interessieren scheint...
Salus Publica Suprema Lex
"Europa überlässt der Bürger noch mehr seiner Eigenständigkeit an den "Vater Staat" (warum werden die Leute eigentlich so gern bevormundet und gelenkt?)"
Antwort: Weil sie's so gelernt haben. Weil sie so erzogen wurden. Und zwar nicht erst seit letzter Woche, sondern seit mehr als anderthalb tausend Jahren.
Seit Menschengedenken richtet sich der Blick stets nach oben, wenn es darum geht, daß es mir besser gehen soll. Früher an irgendeinen lustigen Duodezfürsten, heute eben an das, was man "Sozialstaat" nennt - im Grunde ein und dasselbe, denn in beiden Fällen blickt man in das Gesicht von Institutionen, zu deren unbestrittenen Prärogativen die Sorge um Wohl und Wehe des Individuums zählt.
In archaischen Gesellschaften - also Kollektiven, die im Kampf mit den Unbilden der Natur noch soetwas wie "frontier"-Erfahrungen machen mussten - war ein ganz selbstverständlicher Teil des sozialen Gefüges das Ethos, daß diejenigen, die mehr haben, mit diesem Mehr dafür zu sorgen haben, daß die, die weniger (oder gar nichts) haben, mit überleben, und nicht nur deren bloßes Überleben war das Ziel solcher Anstrengungen, sondern auch: sie zu einem produktiven Teil der Gemeinschaft werden zu lassen. Ein grundständiges Dasein, eine grundlegende Versorgung nicht nur mit Nahrung und Obdach, sondern insbesondere auch sozialer Teilhabe war dazu unerlässlich. Anders wären, bei der vorherrschenden Knappheit an Menschen und Ressourcen, zivilisatorische Erfolge auch gar nicht zu bewerkstelligen gewesen. Jeder war wichtig (und diesen Satz merken wir uns mal!).
Bei den alten Griechen umfasste der Begriff Bildung zB weit mehr, als wir heutigen darunter verstehen: Nicht nur formale, sondern auch soziale Bildung, also Bildung im umfassenden Sinne als da-Sein für die Gemeinschaft, deren notwendiger Teil man war. Das wussten auch die Römer, die Griechen-Epigonen. In deren klassischer Zeit war es schlicht undenkbar, daß jemand die Ämterlaufbahn, den cursus honorum emporsteigen wollte, ohne Getreide für die Armen herbeizuschaffen, ohne öffentliche Bibliotheken zu unterhalten, ohne Thermen zu bauen, zu denen jeder Zutritt hatte, etc. Einen Zwang dazu brauchte es ebensowenig wie ein Gesetz, das dergleichen vorschrieb - es war seit jeher eine reine Selbstverständlichkeit, eben das, was den Kern der res publica, der öffentlichen Sache ausmachte: Gemeinsam helfen, gemeinsam entscheiden, gemeinsam überleben.
Merken wir aber an: Die Hilfe erfolgte nicht von Staats wegen, sondern immer auf private Veranlassung hin, eben weil es der persönlichen, individuellen und selbstverständlichen Verantwortung jedes einzelnen oblag, es gemeinsam zu etwas Besserem zu bringen.
Wie ging nun diese Rolle auf den Staat über?
Zunächst musste früher oder später jemand an die Macht kommen, dem es auffiel, daß es im Grunde viel billiger ist, die Masse zu unterdrücken als ihre Zuneigung durch ständige Wohltaten zu gewinnen, und die Wohltaten allein auf diejenigen zu beschränken, die einen an der Macht halten konnten. Darüber musste natürlich die Menge in Zorn geraten, es zu einer Volksbewegung kommen, die jemanden nach oben brachte, der versprach: Wenn ich erst am Ruder bin, wird euch gegeben, und zwar indem ich es denen nehme, die sich zuletzt auf eure Kosten gemästet haben! So war es dann auch - im römischen Bürgerkrieg folgten den Optimaten die Popularen.
Seither ist es mit einem obersten Staatsamt, mit der Macht verbunden, der Masse zu versprechen, sie auf Kosten einiger anderer zu bereichern. Die jeweiligen Adressaten dieses Versprechens wechseln von einem aufs andere Mal, der Grundzug an sich bleibt aber der gleiche - und wenn wir ehrlich sind, hat sich das bis auf den heutigen Tag erhalten. Sehen Sie sich einen modernen Wahlkampf an: Er scheint sich nurmehr um die Frage zu drehen, wen man auf wessen Kosten bereichern darf/soll/muss.
Seit jeher ist der "Sozialstaat", auch der moderne seit dem 19. Jahrhundert, ein Instrument der sog. "Ordnungspolitik" gewesen, das der Devise folgt: Wer Brot im Mund hat, kann nicht auf die Regierung schimpfen. Denn in einem machen wir uns gar nicht erst was vor: Es waren nicht Mitgefühl und Solidarität die Motive, die zur "Erfindung" des Sozialstaats führten, sondern das Wissen um die sedativen Wirkungen, die von ihm ausgingen. In anderen Worten: Wenn sich der Staat um den gedeckten Arbeitertisch kümmert, muß der sich nicht den Sozialisten an den Hals werfen.
So führte Bismarck die Sozialversicherung ein, und der Reihe nach kam (je nach Wahllage) all das hinzu, was wir heute kennen. Am kräftigsten langten übrigens die Nazis hin, als es darum ging, dem Arier sein Kraut nicht allzu sauer werden zu lassen.
Bei alledem darf man nicht vergessen, daß der Soziale Zwangsstaat immer erst jemandem etwas nehmen muß, um es anderen zu geben - und sei das Ziel noch so löblich (was es mitunter durchaus geben kann), so ist und bleibt Zwang im Spiel, um Wohlergehen zu erzeugen. Der "Staat" selbst hat, selbst in seinen minimalsten Ausprägungen, schon Umverteilungscharakter, und wo er den schonmal hat, ist er im Laufe der Zeit immer weniger geneigt, sich im rechten Maß zu halten. Wieso sollte zB jemand, der einen (natürlich vom Staat festgesetzten) bestimmten Betrag im Jahr als Einkommen verdient, die Hälfte davon abgeben, während andere nur zB ein fünftel ihres Einkommens an Steuer abführen, oder ein zehntel? Wäre es nicht gerechter, wenn jeder nur zB 25% abführt?
Wenn man all diese Steigerungsstufen des "Sozialstaats" für eine hinreichend lange Zeit laufen lässt, verfestigt sich der Eindruck, daß vor allem anderen der Soziale Zwangsstaat dafür zuständig ist, daß ich nicht zu weit falle, wenn ich strauchle. Eine ursprünglich zwar zweifelhafte Idee, die aber unbestreitbare Erfolge zeitigte, entwöhnt auf diese Weise zunehmend von der Einsicht, daß das eigene Wohlergehen im Leben zuallererst die Sache des jeweiligen Individuums ist - und sie verdammt jeden, der das kritisiert, zu einem Dasein als eiskalter Manchesterkapitalist.
Dabei ist gerade die Ent-Solidarisierung, die man dem Kritiker vorwirft, ein dem Sozialstaat innewohnendes Charakteristikum. Weshalb? Weil jemand, der Solidarität immer zuerst von den anderen einfordert, ohne sich zuerst selbst zu fragen, was er tun könne, um die Lage zu bessern, kein solidarischer Mensch sein kann. Wie kann ich eigentlich von anderen Hilfe wie selbstverständlich erwarten, wenn ich mich nicht einmal zur Selbsthilfe aufraffen kann? Wie kann ich über Sozialkürzungen schimpfen, gegen die chronisch zu niedrigen ALGII-Sätze demonstrieren, wenn ich gleichzeitig beide Augen zudrücke, solange die enteignende Eingriffsnatur des Sozialzwangsstaates nur "die Richtigen" (Reichen, Besserverdienenden, Gierigen, "Bonzen") trifft? Wieso rege ich mich darüber auf, daß die gesetzliche Krankenversicherung immer grotesker werdende Vergütungsmodelle für Ärzte anbietet, wiewohl ich weiß, daß gerade das zentrale Mangelverwaltungssystem des Gesundheitswesens immer mehr Leute in immer höherer Dichte enteignen müsste, um für die schon jetzt anfallenden Kosten aufzukommen?
In anderen Worten: Weshalb leiste ich einem System Gehorsam, das erst die Rechte anderer verletzen muß, um Gutes zu tun? Und weshalb erwartet dieses System dann auch noch allseits Loyalität?
Da ist es doch besser, ich beschäftige mich mit solchen Fragen gar nicht erst, sondern halte es wie die Berliner nach der Revolution von 1918, von denen Harry Graf Kessler notierte: "Auf den Gesichtern war kein Entsetzen. Auf den Gesichtern stand: Naja, die Gehälter werden weiterbezahlt..."
Ihr Artikel über Mexico in Missouri macht einen zutiefst betroffen, auch deshalb, weil dieses verarmte Mexico nicht im armen Mexico zu finden ist, sondern in einem der reichsten Länder der Welt. Wollen wir hoffen, daß die neue Aufbruchstimmung in D.C. auch in Mexico - und in vielen anderen grauen US-Städten - ankommt. Vielen Dank für diesen gelungenen Bericht!
Noch eine Fußnote zum ersten Kommentar. In vielerlei Hinsicht stimme ich Ihnen zu, nicht aber bei Ihren Pauschalaussagen über die (amerikanische) Leistungs- und die (europäische) Neidgesellschaft. Ich glaube sogar, daß das Gegenteil der Fall ist, nämlich daß Neid am Ende gerade in den Gesellschaften katastrophale Ausmaße annimmt, in denen der Einzelne kaum auf staatliche oder familiäre Sicherungssysteme hoffen kann und der gesellschaftliche Wert noch stärker als bei uns über den monatlichen paycheck bestimmt wird.
Wenn Sie wirklich Amerikaner und ernst sind, dann gute Nacht Amerika,
und guten Morgen Herr Amerikaner, wachen Sie auf aus ihrer Traumwelt.
Ah, gerade der letzte Absatz scheint mir einige nur scheinbar korrekte Attribute an die Bewohner links und rechts des Atlantik zu legen.
Da sind die einen...." Kinderfreundlichkeit, Patriotismus, Dienst an der Gemeinschaft, Ehrlichkeit, Fleiß, Treue, Kampf für das Gute in der Welt..." dann die anderen..." Eifer, Beliebigkeit, Zynismus. Und unheimlich viel Aggressivität im Umgang miteinander..."
Ich denke das gründet auf selektiver Wahrnehmung da dies universelle menschliche Attribute sein können.... global, so denke ich einigermassen gerecht verteilt. Einige davon sind durchaus zum überleben nötig, andere wiederum werden eher menschlicher schwäche zugeschrieben. Je nach kontext und generellem Weltbild das jeder mit sich rumträgt.
Was ich hingegen denke ist, das die USA wohl schon oft aus so mancher Krise hervorgekommen sind doch dabei geht vergessen das diese mit Krediten aus den meisten anderen Ländern finanziert wurden. Weiterhin werden in den USA wie auch in vielen anderen Ländern die sozial Schwachen, meist die arbeitsfähigen Arbeitslosen, dazu benutzt die zu Bruch gegangen Systeme wieder aufzubauen.
Das wird am einfachsten mit minimalen Arbeitnehmerrechten gemacht, also keine Mindestlöhne, keine Kündigungsfrist, keine Sozialbeiträge vom Arbeitgeber, privaten gesundheits und Bildungssystemen welche sich gerne auf die Kapitalkräftigen Klienten stützen. Eine weitere Massnahme sind grosszügige aber doch strenge Immigrantengesetze welche diese Menschen immer am Rande der Legalität aber doch im Lande halten so das diese jede noch so schlecht bezahlte Arbeit annehmen.
Wie war das nochmal mit den rund +- 40% der in den USA lebenden Familien die sich keinen Artzbesuch mehr leisten können weil die Versicherungsprämien nicht bezahlt werden können?
"Was Du hast es nicht geschaft reich zu werden?... Selber Schuld, schau mal mich an wie ich es geschaft habe"... diese Aussagen sind in einem Pyramidensystem mit so quasi unendlich vielen Armen und einer handvoll begüterten nicht sehr von Logik bedacht...
Das nur meine paar Cents zum System USA das sich leider meist nur mit seinen negativen Attributen um den Globus verbreitet und nicht unbedingt mit denen die Sie ihren Landsleuten zugeordnet haben.
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
das sollte ein Kommentar zu Kommentar 1 sein von "mahon"
;-)
Zunächst mal Glückwunsch an Herrn Naumann für einen wirklich ausgezeichneten Artikel, der vor allem angesichts seiner einzigartigen Perspektive besticht. Wer hat schon das Privileg einer solch persönlichen Einsicht in die Vergangheit einer anderen Welt...
Auch der Kommentar von morgenrot hat es ziemlich gut getroffen und der recht oberflächlichen Kritik seines Vorgängers ordentlich den Wind aus den Segeln genommen. Das Zitat am Ende (“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist.") ist Weltklasse und beschreibt die Schizophrenie der amerikanischen Gesellschaft wie kein Zweites. Es verlangt aber auch nach der Frage zum "Warum?" Und genau da liegt vielleicht die größte Schwäche des Artikels, der nur zum Teil die Ursachen der amerikanischen Krise erkennt.
Zu nennen wären da beispielsweise eine über Jahrzehnte fehlgeleitete Schulbildung. Wer selber einmal eine Zeit an einer solchen Schule verbracht hat - ich war 96-97 in einem ähnlichen Provinznest in Iowa - weiß, dass es eine der größten Fehlleistungen des amerikanischen Systems ist, kritisches Denken geradezu zu unterbinden. Da mögen die Absolventen dann vielleicht bestens vorbereitet zum College gehen, ein tieferer Sinn für gesellschaftliche Probleme geht ihnen aber dennoch völlig ab. Dabei heraus kommen dann Meinungen wie die des ersten Kommentars (siehe oben), dessen eindimensionale Betrachtung der Dinge (Beispiel Fettleibigkeit) angesichts der Komplexität des Themas ja fast schon grotesk anmuten. Da ist der Fette dann selber Schuld (er könnte ja weniger essen) und der sozial Gerechte ein Kommunist.
Auch hätte man die Problematik "Walmart" genauer beleuchten können. Die Supermarktkette ist mit ihrem Teufelskreis aus Billigpreisen, Billiglöhnen und der gezielten Zerstörung aller Konkurrenten genau wie andere Ketten ähnlichen Prinzips sicherlich mitverantwortlich für die Krise der ländlichen Gesellschaft in den USA.
Aber das wäre ja selbst für ein Dossier ein wenig viel gewesen. Der Artikel ist mit Sicherheit gelungen und spiegelt (genau wie die trostlosen Bilder) die Krise wieder, die sich die USA mit ihrer eigenwilligen Politik selbst eingebrockt haben.
Vielen Dank dafür!
das sollte ein Kommentar zu Kommentar 1 sein von "mahon"
;-)
Zunächst mal Glückwunsch an Herrn Naumann für einen wirklich ausgezeichneten Artikel, der vor allem angesichts seiner einzigartigen Perspektive besticht. Wer hat schon das Privileg einer solch persönlichen Einsicht in die Vergangheit einer anderen Welt...
Auch der Kommentar von morgenrot hat es ziemlich gut getroffen und der recht oberflächlichen Kritik seines Vorgängers ordentlich den Wind aus den Segeln genommen. Das Zitat am Ende (“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist.") ist Weltklasse und beschreibt die Schizophrenie der amerikanischen Gesellschaft wie kein Zweites. Es verlangt aber auch nach der Frage zum "Warum?" Und genau da liegt vielleicht die größte Schwäche des Artikels, der nur zum Teil die Ursachen der amerikanischen Krise erkennt.
Zu nennen wären da beispielsweise eine über Jahrzehnte fehlgeleitete Schulbildung. Wer selber einmal eine Zeit an einer solchen Schule verbracht hat - ich war 96-97 in einem ähnlichen Provinznest in Iowa - weiß, dass es eine der größten Fehlleistungen des amerikanischen Systems ist, kritisches Denken geradezu zu unterbinden. Da mögen die Absolventen dann vielleicht bestens vorbereitet zum College gehen, ein tieferer Sinn für gesellschaftliche Probleme geht ihnen aber dennoch völlig ab. Dabei heraus kommen dann Meinungen wie die des ersten Kommentars (siehe oben), dessen eindimensionale Betrachtung der Dinge (Beispiel Fettleibigkeit) angesichts der Komplexität des Themas ja fast schon grotesk anmuten. Da ist der Fette dann selber Schuld (er könnte ja weniger essen) und der sozial Gerechte ein Kommunist.
Auch hätte man die Problematik "Walmart" genauer beleuchten können. Die Supermarktkette ist mit ihrem Teufelskreis aus Billigpreisen, Billiglöhnen und der gezielten Zerstörung aller Konkurrenten genau wie andere Ketten ähnlichen Prinzips sicherlich mitverantwortlich für die Krise der ländlichen Gesellschaft in den USA.
Aber das wäre ja selbst für ein Dossier ein wenig viel gewesen. Der Artikel ist mit Sicherheit gelungen und spiegelt (genau wie die trostlosen Bilder) die Krise wieder, die sich die USA mit ihrer eigenwilligen Politik selbst eingebrockt haben.
Vielen Dank dafür!
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;-)
Erst dachte ich der Artikel sei ein Blog von Herrn Naumann, musste aber bei meiner heutigen Lektuere feststellen, das die Fotos auch in der Print-Ausgabe Verwendung fanden. Fuer mich sind die Bilder komplett uninspieriert. Weder hat der Autor einen besonderen Moment gefunden, noch eine besondere Perspektive/Einstellung zu dem Abgebildeten gesucht. Muss es sein, dass nun auch in der Zeit Laien abgedruckt werden. Ich rede nicht ueber den Text, der abgesehen von einigen haltlosen Spekulationen recht interessant war. Stirbt der Fotojournalismus nun auch in deutschen Blaettern?,
fragt sich Karl S.
da spricht der experte. was zeigen die fotos jetzt anderes als der text beschreibt? schonmal fotos von steven shore u.a. gesehen?
da spricht der experte. was zeigen die fotos jetzt anderes als der text beschreibt? schonmal fotos von steven shore u.a. gesehen?
Wenn die Amerikaner so ehrlich, fleißig, true und gemeinschaftsdienstlich wären, wie Sie das scheinbar gerne sehen würden, dann würden nicht die ganze westliche Welt momentan bis zu den Knien in der Sch.... stecken. Und abgesehen davon, dass Eifer ja nun vielleicht nicht unbedingt die schlimmste aller Eigenschaften ist, ist Ihre Behauptung schon allein aufgrund der enormen Heterogenität des europäischen Kontinents völlig aus der Luft gegriffen. Zudem ist es ja nicht so, als ob wir nicht etwas zu konservieren hätten. Unsere Kultur reicht länger als bis ins 16. Jahrhundert zurück, wenn ich mich recht erinnere. Und immerhin habe ich noch die Größe, daraus nicht einen ganzen Kontinent als minderwertig zu bezeichnen - wo gibts denn bitte sowas?
Im Übrigen ist es doch vielleicht ein bißchen seltsam einen amerikanisch-patriotischen Kommentar unter einen Beitrag zu posten, der gerade zeigt, dass es auch in Amerika Armut gibt, die niemanden zu interessieren scheint...
Salus Publica Suprema Lex
da spricht der experte. was zeigen die fotos jetzt anderes als der text beschreibt? schonmal fotos von steven shore u.a. gesehen?
Hallo andreas_n! Die Bilder sehen aus, wie die von jemanden, der Fotos von Steven Shore gesehen hat und gedacht hat: Das kann ich auch. Darueber hinaus sollen gute Fotos etwas "zeigen", was kein Text zeigt, sonst braeuchte man sie ja nicht, und es waeren blose Illustrationen. Ich gebe gerne zu, dass die Vielschichtigkeit in Shores Bildern von der blossen Behauptung der Neumannschen Knipserei nicht so leicht zu unterscheiden ist. Nehmen wir aber das erste Bildchen. Ein Bauschild und ein nicht fertig bebautes Haus - Illustration. Das dritte. Die Aufschrift cash to go...
Grüsse, Karl
Hallo andreas_n! Die Bilder sehen aus, wie die von jemanden, der Fotos von Steven Shore gesehen hat und gedacht hat: Das kann ich auch. Darueber hinaus sollen gute Fotos etwas "zeigen", was kein Text zeigt, sonst braeuchte man sie ja nicht, und es waeren blose Illustrationen. Ich gebe gerne zu, dass die Vielschichtigkeit in Shores Bildern von der blossen Behauptung der Neumannschen Knipserei nicht so leicht zu unterscheiden ist. Nehmen wir aber das erste Bildchen. Ein Bauschild und ein nicht fertig bebautes Haus - Illustration. Das dritte. Die Aufschrift cash to go...
Grüsse, Karl
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