USA Amerikas vergessene Klasse
Die Mittelschicht wollte mit den Reichen mithalten
Was ist daran ungerecht, wenn es allen immer besser geht? Zunächst einmal nichts, und aus diesem Grund haben es diejenigen, die unter dieser wünschenswerten Entwicklung am stärksten leiden, vielleicht auch erst so spät gemerkt. Zwischen 1949 und 1970 gab es für die Mittelklasse in den USA noch keinen Grund zur Beunruhigung, schreibt der amerikanische Ökonom Robert Frank in seinem Buch Falling Behind. Alle Einkommensklassen stiegen in ähnlicher Höhe an, nominal um etwa drei Prozent. Erst danach begann sich das Bild dramatisch zu verändern: Je höher das Einkommen, desto stärker stieg der Verdienst (siehe Grafik). Die Entfernung der oberen 20 Prozent von der Mittelschicht nahm dabei am rasantesten zu. Zu den Gründen dafür zählten die Steuergesetze während der Reagan- und Bush-Ära, aber auch die überproportionalen Einkommenszuwächse der Manager und Eigentümer von Unternehmen. Dass der Abstand zwischen den Klassen nicht noch größer wurde, liegt vor allem daran, dass die gut ausgebildeten Frauen der Mittelschicht begannen, als Zweitverdiener das Familieneinkommen anzuheben.
Wäre die Geschichte hier zu Ende, die Mittelschicht würde in ihren Häusern und die Oberschicht in ihren Villen wohnen bleiben. Keiner nähme vom anderen Notiz, und man könnte sich mit dieser Situation vielleicht arrangieren. Aber der Mensch orientiert sich an seinem sozialen Umfeld. Nur im Vergleich mit anderen definiert sich der eigene Status, der Konsum bestimmt das Gefühl, einer sozialen Schicht anzugehören. Und so machten die Reichen es den Superreichen nach und steckten ihr Geld, das sich immer schneller vermehrt hatte, in immer größere Häuser. Und die Mittelkasse? Sie begann, über ihre Verhältnisse zu leben, getrieben vom Wunsch, weiterhin dazuzugehören. Leute aus der Mittelschicht schafften sich plötzlich teure Geländewagen an und gaben ein Vermögen für die Hochzeitsfeiern der Kinder aus.
Als sich die obersten Einkommensklassen immer weiter von der Mittelschicht absetzten, wurde ihr die neue soziale Ungleichheit schmerzlich bewusst. Dies hat vor allem mit den Schulen zu tun. Weil die Qualität der Schulen in den USA stark von der Höhe der Grundsteuer abhängig ist, die im Einzugsbereich der Schulen bezahlt wird, tat sich für die Mittelklasse eine neue Kluft auf: Nun war mit einem Mal das wichtigste Statusmerkmal der Mittelklasse bedroht, ihre Bildung. Weil die guten öffentlichen Schulen aber nur in den Gegenden mit teuren Häusern zu bekommen waren, nahmen viele Mittelklassefamilien eine Hypothek auf und zogen um. Der Statuserhalt wurde in den letzten Jahrzehnten immer öfter über Schulden finanziert. Hätte sich die Spitze der Einkommenspyramide nicht so stark vom Rest der Gesellschaft entfernt, dann wäre es vielleicht nicht zu der gigantischen Immobilienblase und Schuldenspirale in den Vereinigten Staaten gekommen.
Mit den teuren Häusern stiegen auch die Kosten des täglichen Lebens in der Mitte der Gesellschaft. Um den Unterschied zwischen dem eigenen Gehalt und dem Einkommen der immer reicher werdenden Vergleichsgruppe zu verringern, begann die Mittelklasse, länger zu arbeiten, sie nahm längere Fahrtzeiten zur Arbeit in Kauf, machte seltener Urlaub, verbrachte weniger Zeit mit der Familie und mit Freunden. Aber trotz dieser Anstrengungen wurde der Abstand zur Oberschicht immer größer. Um den hoffnungslosen und zerstörerischen Wettlauf der sozialen Schichten zu beenden, müssten sich die oberen 20 Prozent der Gesellschaft stärker der Mitte annähern. Sollten die USA diesen Aspekt bei der Rettung ihrer Wirtschaft mit bedenken, dann könnte die Krise sogar wünschenwerte Folgen haben.
- Datum 04.05.2009 - 11:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
- Kommentare 1
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Völlig richtige Analyse des eigentlichen Grundes für die Krise. Endlich!
Grund ist die die wirklich ungleiche Verteilung des Geldvolumens auf wenige.
Was mich wirklich einmal interessieren würde ist, wie die Bilanz der öffentlichen Sektoren aller Staaten ausfallen würde. (Schulden und Reserven zusammengezählt) Ich habe keine Zahlen, aber ich könnte mir vorstellen, dass auch hier eigentlich die größten Schuldner Privatpersonen sind und dass es eigenlich viel ärger und schrecklicher aussieht als viele glauben.
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